1. Spieltag: Hamburger SV – Darmstadt 98

Der friedliche Schlaf des staatlich geprüften Head-Greenkeepers

von Simeon Boveland

Am Rasen lag es nicht. Knappe 26 und ein paar Millimeter. Festgelegt von UEFA und DFL. Überall gleich hoch, 1A gewässert, die Bodengegebenheiten perfekt antizipiert und den Rasen bestens auf das Spiel eingestellt. Den staatlich geprüften Head-Greenkeeper des HSV traf keine Schuld, trotzdem konnte er nach dem Spiel nicht gleich einschlafen. Greenkeeping war sein Leben. Heimlich und wenn niemand ihn sehen konnte, lag er auf dem grünen Teppich und fuhr sachte mit der Handfläche über die Grasspitzen. „Von Spitzen kann gar keine Rede sein, wissen Sie, wenn Sie den Rasen auf die von oben vorgegebenen maximalen 28 Millimeter bringen, dann pikst und sticht da gar nichts. Ganz weich ist er dann. Können Sie sich gar nicht vorstellen. Das ist Kunst, müssen Sie wissen. Sieht halt keiner, aber ich weiß es, das reicht.“ Eine Akribie, die kaum einer an diesem sonnigen Sonntag im Hamburger Volkspark an den Tag legte. Wäre es nur nach Wetter und Platzverhältnissen gegangen, hätte es ein Fußballfest werden können. Nach Monaten des Herbeisehnens, des Wiedergutmachenwollens, ein Neuanfang. Weg mit den Altlasten. Weg mit Lotto King Karl, der Stadionuhr, den Spielern, die schon ganz andere Zeiten beim HSV erlebt hatten. Der neue verheißungsvolle Seebär mit den steilen Augenbrauen fischt aus einem Pool junger Hechte. Und statt der vermaledeiten Stadionuhr nun die Koordinaten des Mittelkreises. Vielleicht hätten aber die Koordinaten der Tore dem Spiel besser getan. Am Ende derer zwei: Eines auf der falschen Seite und eines auf der richtigen. Gefreut hat sich keiner. Die einen fanden es fies, dass so lange nachgespielt wurde, die anderen fies, dass ihr Spiel als Glück bezeichnet wurde. Fast unwichtig die entscheidende Szene. In der 98. Minute (der gemeine HSV-Fan, meinetwegen auch Schalke-Fan, sollte das nicht als Wiedergutmachung von 2001 werten) kam der große Auftritt vom VAR im Kölner Keller. Elfmeter, eine harte Entscheidung! So ein Dusel, dass einige Hamburger im Stadion doch an die Bayern dachten. Alles weitere Geschichte. Elfmeter, Hunt, Tor, unentschieden und Remis. Zum ersten Mal in seiner Geschichte verliert der HSV nicht sein erstes Zweitligaspiel der Saison. Gratulation. Das sagte sich auch der Greenkeeper, der sich schon wieder freute. Auf ein leeres Stadion und etwas Zweisamkeit. Sachte würde er über das gebeutelte und getretene Geläuf streichen und erst dann friedlich schlafen gehen.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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