traditionell zweitklassig

2. Spieltag: VfB Stuttgart – Hannover 96

Sternstunden

von Christoph Mack

November 2003 – Champions League Gruppenphase – die zweite Heimpartie gegen die Rangers aus Glasgow. 

Ein Knallerspiel.

Mit zitternden Knien steht mein 13-jähriges Ich am Rande der Tartanbahn zwischen Haupttribüne und Cannstatter Kurve. Neben mir eine Frau mit Krokodilsfüßen, die sich kurz nach meinem unbeholfenen Musterungsversuch ihre Kopfbedeckung aufsetzt und sich so in das allseits beliebte Maskottchen Fritzle verwandelt. Um mich herum stehen meine Mannschaftskameraden der C-Jugend des TSV RSK Esslingen – allesamt eingekleidet in schwarze Trainingsanzüge, allesamt behelmt mit schwarzen Champions League-Mützen. Der Otto-Rehhagel-Gedächtnis-Pfiff eines schottischen Menschen mit grauem UEFA-Überziehleibchen heißt uns Jungspunde zusammenzukommen, uns ein ebensolches Hemdchen überzustreifen und in Zweierreihen Aufstellung zu nehmen. Dann geht es auf den Platz. Rechts von uns lassen wir Premiere-Moderatoren und Fußball Experten ihre Arbeit verrichten – unser Fokus gilt dem Mittelkreis. Über 50.000 Zuschauer verwandeln das Gottlieb-Daimler-Stadion in einen herbstlichen Hexenkessel - wir sind mittendrin und dabei unseren kurzzeitigen Arbeitsplatz einzunehmen. Jeder an eine Lasche, Erdhaken rausziehen, Hände hinter dem Rücken verschränken. Warten, bis der schottische Mensch seine Runde gemacht und die Heringe eingesammelt hat. Hinter uns laufen die Stars in die Arena – Hildebrand, Hinkel, Hleb, Soldo und Szabics in Weiß, Klos, Khizanishvili, Ricksen, Ross und Löwenkrands in Blau. Die Hymne ertönt, die klammen Finger umklammern die Laschen der runden Plane, die üblicherweise im Vorprogramm solcher fußballerischen Großereignisse den Mittelkreis ziert. „Come on, Boys“, der Ruf macht unseren Armen Beine und wir wedeln was das Plastikzeug hält. 33 seconds of fame – und Abmarsch Richtung Eckfahne. Das frisch gesprengte Geläuf bringt die ohnehin schon glatten Turnschuhe in teils bedenkliche Schieflagen, doch mit der letztmöglich aufzubringenden Professionalität gelingt es uns, die Plane an den Ursprungsort unserer Reise zu verfrachten – an den Platz, an dem vorhin noch Frau Fritzle stand, legen wir nun das kreisrunde Sternenbanner ab und dann fällt die bis gerade eben noch militärisch geordnete Perlenkette pubertierender Jungs endgültig auseinander. Was nun folgt, ist ein aufgeregter Vollsprint um das Stadionrund, der an Intensität jegliche Anforderungen der Saisonvorbereitung übersteigt. Die für uns reservierten Plätze sind am entgegengesetzten Ende des Stadions und in unserem feurigen Fanatismus möchten wir keine Minute des Spektakels verpassen. Wir kommen pünktlich zur ersten Drangphase des VfB, die in der ersten Halbzeit mehr vom Spiel haben und nach einem windigen Freistoßtrick (in Person von Silvio Meißner und Horst „Hotte“ Heldt) in Führung gehen. Natürlich heißt der Torschütze Timo Wenzel. Die zweite Halbzeit ist vergleichsweise unspannend – der VfB kontrolliert das Spiel, souverän und unaufgeregt. Ein ganz gewöhnlicher Europa-Cup-Abend endet so mit einem nie ernsthaft gefährdeten 1:0-Heimsieg. „Läuft bei uns“ sagt selbstverständlich keiner meiner Kumpels (wir sind ja immer noch im Jahr 2003). Aber wir gehen dennoch zufrieden nach Hause: Der Einzug in die Champions-League-Gruppenphase ist perfekt, Eigengewächs und Hoffnungsträger Andreas Hinkel hat jüngst seinen Vertrag bis 2007 verlängert und nach dem 3:1 Erfolg am Wochenende gegen Hannover sind wir Tabellenerster in der Bundesliga. VfB – I steh zu dir. 

Das Gottlieb Daimler Stadion heißt mittlerweile Mercedes Benz Arena. Die Tartanbahn gibt es nicht mehr. Die Sternen-Plane liegt immer noch zerknüllt und modrig riechend in den Katakomben. Ein Stern prangt nurmehr auf der Brust - und auf dem Brustring. Erinnerung oder Mahnung oder beides zugleich. Der Gegner des ersten Zweitligaspieltags heißt Hannover 96.

Ein Knallerspiel. 50.000 sind im Stadion Furchtlos und treu.

(Der VfB gewinnt heuer in ähnlich überlegener Manier mit 2:1. Altmeister Mario Gomez nießt beim Warmmachen einmal entschlossen, findet daraufhin seinen Torriecher wieder und netzt eine formvollendete Vorlage Borna Sosas ein. Daniel Didavi erzielt das erste direkte Freistoßtor seit Krassimir Balakov. Und selbst ein maximal unglückliches Eigentor des Debütanten Maxime Awoudja lässt nur noch bedingt Spannung aufkommen).

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
homeenvelopefutbol-ofacebook-official