traditionell zweitklassig

2. Spieltag: FC Heidenheim – VfB Stuttgart

Ausfahrt „Verbandsliga Württemberg“

von Simeon Boveland

Ein altes schwäbisches Sprichwort besagt: Dauert die Fahrt über die Autobahn länger als über die Bundesstraße, dann weißt du wo der Hase den Pfeffer in die Pampa wirft.“ Das liegt schon in der Definition von Bundesstraße (Bundesstraße, die: deutsche Fernstraße, auch Überlandstraße genannt, die nicht ausschließlich dem Schnellverkehr dient). Überlandstraße – eine semantische Praline auf der Zunge des Linguisten! Wenn es also erst über die B10 und dann die B466 geht, dann wissen die Stuttgarter: Es geht nicht nach Dortmund, sondern auf die schwäbische Alb – wie damals in der Verbandsliga Württemberg – nach Heidenheim, Hei-den-heim. Das klingt nach Idyll, nach Provinz und nach Rahm auf der Milch. Vergessen, dass es die kürzeste Strecke ist, die die Stuttgarter in dieser Saison zurücklegen müssen und es damit technisch ein Heimspiel sein könnte. Nicht selten kommt es beim Verkehrsaufkommen in und um die Landeshauptstadt vor, dass Fans länger als das Spiel dauert für den Weg ins Stadion und zurück brauchen. In schlappen 83 Minuten (Spoiler: dem VfB wäre es lieb gewesen, wenn das Spiel auch nach 83 Minuten vorbei gewesen wäre) also nach Heidenheim heizen, drei Punkte mitnehmen und ab dafür – vielleicht noch ein Eis in der Fußgängerzone oder noch gemütlich zum Schloss Hellenstein und zur Schnattererstatue schlendern. So der Plan. Aber nein. Am zweiten Spieltag das erste Spitzenspiel. Gut, wie gesagt, zweiter Spieltag, aber die beiden Mannschaften aus dem Ländle sind ohne Punktverlust ungeschlagen, auch wenn die Voraussetzungen ganz unterschiedlich sind. In Heidenheim stemmen sich die wohlwollend aufgerundeten 50.000 Einwohner gegen die Mechanismen des Geschäfts, klopfen sogar selber dann und wann in der ersten Liga an. Die Sympathen von der Alb mit ihrem Grantler Schmidt und der Galionsfigur Schnatterer bilden beinahe ein Pendant zu den badischen Nachbarn aus der Liga drüber, die so vorzüglich den alljährlichen Ausverkauf mit jungen Spielern egalisieren. Aber mit denen will natürlich kein Württemberger verglichen werden.

Taktikfuchs Tim Walter hatte schon vor dem Spiel ein psychologisches Manöver in der Mache, als er sich bezüglich der Aufstellung zu einem „wir spielen heute mit elf Torhütern“ aus der Reserve locken ließ. Und er hätte zur Halbzeit feixend – „ihr hättet deren Augen sehen sollen“ – in der Kabine gesessen, wenn nicht der Dorsch zum Ende der ersten Halbzeit immer wieder riesige Löcher im Netz der Stuttgarter Abwehr fand. 30 von 45 Minuten haben die Heidenheimer nämlich gebraucht zu verstehen, dass die Gäste da kein Beton anrührten, sondern Vollgasfußball spielten und sich selbst Innenverteidiger Kempf vor Langeweile dem gegnerischen Strafraum zuwandte. 15 von 45 Minuten hatten die Heidenheimer dann Zeit ihr Neuwissen zur Konteranfälligkeit des Gegners in ein Tor zu übersetzen. Ohne feixenden Halbzeit-Walter dann das gleiche Bild in der zweiten Hälfte. Nur dass zur Belohnung nun eine 2 nach dem 0: stand. Stuttgart in Manier eines Aufsteigers hatte kurz das Tempo angezogen und eiskalt getroffen. Auf der PK sollte der VfB-Trainer später trotzdem mit dem „Ergebnis [bin ich] nicht zufrieden“ sein, weil ausstehende Gastgeschenke kurz vor Ende von Leipertz und Dorsch bzw. dem nach einem Tor lechzenden Kempf – Innenverteidigerkollege Badstuber hatte bereits getroffen – dankend angenommen wurden. 2:2 nach unterhaltsamen Spiel.

Kurz und richtig haben es die Trainer Walter und Schmidt nach dem Spiel zusammengefasst. VfB in den ersten 20-25 Minuten der beiden Hälften besser, aber aus den guten Phasen „kein Kapital geschlagen“. Und die Heidenheimer sind einfach – Achtung, Lieblingswort und kein Zitat! – Mentalitätsmonster. Klar, sonst können sie qualitativ den Stuttgartern nicht das Wasser reichen. Statt mit Wasser hat Tim Walter jegliche Frageneierei zu Startelfdebütant und Torschütze Holger Badstuber, dem Berserker der Relegationsspiele, verbal im Keim erstickt. Mannschaft vor Spieler. Ob Badstuber durch sein Tor doch nochmal das Interesse einer Champions League Mannschaft weckt, wollte er demnach nicht beantworten. Am Ende ging es dann ohne Eis nach Hause.

Der VfB Stuttgart und der FC Heidenheim sind noch immer ungeschlagen, aber nicht mehr ohne Punktverlust. Macht das den Aufstiegskampf nochmal spannend?

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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