traditionell zweitklassig

2. Spieltag: 1. FC Nürnberg – Hamburger SV

Wurst und Fleisch

von Christoph Mack

Frau Wiedling sollte Recht behalten. Mit ihrer ureigenen Vehemenz, die manch klischeebedürftiger Beobachter als fränkische Sturköpfigkeit betitelt hätte, hatte sie schon zum Ende der vergangenen Saison prophezeit, dass man die übrig gebliebenen Würstchen getrost noch bis zum Beginn der neuen Spielrunde aufbewahren könnte. Nun hatte sie Herrn Richard und die junge Aushilfe Bernd mittels einer listig eingefädelten Geschmacksprobe überführt. In die Familienportion Currywurst, die die gesamte Belegschaft von „Werners Würstchensauna“ traditionell gemeinschaftlich zu Schichtbeginn verdrückte, hatte sie tatsächlich unbemerkt eine der Fleischwaren verarbeitet, die mittlerweile den überwiegenden Teil ihrer privaten Tiefkühltruhe füllten. „Du bist doch a Dolln“, polterte Herr Richard, grinste dabei aber amüsiert in seinen Oberlippenbart hinein, begann nochmal gebetsmühlenartig mit seinem Vortrag über die hiesigen hygienischen Vorschriften, denen er nun mal wehrlos ausgeliefert sei, doch da hatte ihn Frau Wiedling schon mit tosendem Triumphgeschrei überstimmt: „I hobs eich glei gsogt“ schmetterte sie „und in dr zweiten Liga indrressierts doch koi Sau ned, was mir hier brrutzeln.“ Tatsächlich war der letzte Mensch vom Gesundheitsamt nach dem gewonnenen DFB-Pokalhalbfinale im Jahr 2007 am Stand vorstellig geworden und (sichtlich angetrunken) auch schnell wieder von dannen gezogen, nachdem ihn Frau Wiedling mit dem herzlich aber bestimmt vorgetragenen Hinweis empfangen hatte, dass sie gerade schon alles sauber gewischt hätte und er sich seine Wurst gerne an der Gästekabinentür abholen könne, da würden wohl noch ein paar lauwarme Frankfurter rumlungern. Diese süffisante Anspielung, welche auf die anno dazumal gerade mit 0:4 baden gegangenen Hessen besonders gut zugetroffen hatte, wiederholte sie bis heute gerne in vergleichbaren Situationen nach Spielschluss, auch wenn die Nürnberger Heimmannschaft verloren hatte. Jedes Mal aufs Neue freute sie sich über diese fleischgewordene Metapher und über feixende Gesichter ihrer Gegenüber. Was sie im Gegensatz dazu bis heute gar nicht mochte, waren Abendspiele, denn für sie hieß das: vergleichsweise größerer Andrang, tendenziell betrunkeneres Publikum und in jedem Fall ein sehr viel späterer Feierabend. Das unbarmherzige Schicksal bescherte ihr in dieser Saison ein solch unliebsames Ereignis gleich bei ihrem ersten Arbeitseinsatz: Montagabendheimspiel gegen den HSV. Wenigstens würde ihre besagte Pointe in jedem Fall zutreffen, zählten doch, seitdem Aushilfe und ausgemachtes Schleckermaul Bernd das Trio hinterm Grill komplettiert hatte, auch Hamburger zum Portfolio des Imbisses.

Selbige gingen auch an diesem lauen Sommerabend weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln, die das Fleischpattie traditionell umschlossen. Auffallend früh herrschte reger Betrieb vor „Werners Würstchensauna“, allem Anschein nach waren die nordischen Schlachtenbummler schon frühzeitig angereist und die fränkischen Zuschauer just nach Feierabend direkt zum Stadion gepilgert. Schon bald züngelten demnach alle Gasflammen auf Spitzenniveau. Frau Wiedling drehte die Würste, Herr Richard wendete die Burgerpatties, während Bernd dafür zuständig war Brötchen zu schneiden, sämtliche Fleischwaren nachzulegen und Vorräte aufzufüllen. Die drei von der Würstchensauna präsentierten sich dabei als bestens eingespielte Mannschafft. Pünktlich mit Anpfiff des Spiels verpuffte der Andrang und nachdem Frau Wiedling Bernd angewiesen hatte das Gewürzketchup nachzufüllen, verfiel sie in ihren üblichen halbstündigen Halbzeitsschlummer. Herr Richard, der mit Vornamen Werner hieß und demnach der Besitzer und damit auch der Vorgesetzte der schnarchenden Grillgutverkäuferin war, tolerierte dies, ja er genoss es auch ein bisschen. Die erste Halbzeit war ja auch wirklich die ruhigste Zeit am Imbisswagen. Nicht so an jenem Tag. Um kurz nach neun sah sich Herr Richard gezwungen, seine Mitarbeiterin mittels eines sanften Ellenbogenstoßes unsanft und frühzeitig aus ihren Träumen zu holen, denn ein aufgebrachter Mob an Männlichkeit nahm Kurs auf die Würstchensauna. Schon aus mehreren Metern Entfernung war zu sehen, dass sie die Bierfahnen gehisst hatten, während die weiße Flagge der Containance nicht mal mehr auf Halbmast wehte. „Geh kumm gämmer! Gebts uns bittschön elf Hamburrrgr“ raunzte es aus der dreiköpfigen Menge, „i kons nemme sehen, diese lauwarmen Nürrrnberrgr Broudwärschd. Da werst ja ferrrückt, werst ja do.“ Herrn Richard trieb es die Schweißperlen auf die Stirn, hatte er doch auch Bernd gerade auf die Toilette geschickt und momentan lagen nur drei Burgerpatties auf dem Rost. Doch ehe er zu einer Entschuldigung ansetzen konnte, hatte der Wortführer der brodelnden Bande das Dilemma schon bemerkt und wütend mit der Pranke auf die Theke gehämmert. Beschwichtigend zogen ihn seine zwei Kumpanen an der Kutte zurück, injizierten ihm noch einen Jagdfürst aus der Westentasche, der den Bluthochdruckpatienten vorerst ruhigstellte. Einer ernstgemeinten Entschuldigung folgte eine (schimpf-)wortreiche Erklärung ihres Gemütszustandes: Roland (der Jagdfürstbetäubte) hätte von Anfang an seine Zweifel an Clubtorhüter Mathenia gehabt und nachdem der HSV bereits nach zwölf Minuten in Führung gegangen und nach 30 Minuten durch einen haltbaren direkten Freistoß, bei dem sich Mathenia böse verspekuliert hatte, auf 2:0 erhöhten, habe es kein Halten mehr gegeben. Einen Platzsturm des rasenden Rolands hatten sie nur mit letzter Kraft und dem Argument, nun eben schon früher essen gehen zu wollen, verhindern können. Nun standen sie da, Hunger hatten sie eigentlich gar keinen, aber der eilig herbeigeeilte Bernd wuchtete just im Moment dieser kollektiven Selbsterkenntnis ein gutes Dutzend Fleischscheiben auf die Feuerstelle. Gleichzeitig kippte Roland, dem die Dosis Kräuterschnaps wohl den letzten Rest gegeben hatte, vollends aus den Latschen und landete mit dem Kopf auf der Thekenkante. Ehe irgendwer einen Laut der Bestürzung über die Lippen bringen konnte, hatte die mittlerweile hellwache Frau Wiedling schon die in Rufnähe stationierten Sanitäter mittels eines beherzten Urschreis zum Ort des Geschehens zitiert. Sie zerrten ihr Opfer in den Krankenwagen, gerade noch rechtzeitig bevor die Massen an hungrigen Halbzeithängehälsen den Imbisswagen stürmten. Nun war Aufgusszeit in der Würstchensauna – die Mammutaufgabe, eine maximale Anzahl an Fresswütigen in minimalmöglichster Zeit abzufrühstücken, verlangte dem Team alles ab. In Windeseile verteilten sie ihre Waren, nur die Currywurst wurde heute nur spärlich gekauft (was Aushilfe und Marketingstratege Bernd auf dem Nachhauseweg auf den Gedanken bringen sollte, diese Speise in der Halbzeitpause fortan als Hurrywurst zu verkaufen). Unüblicherweise ebbte der Besucherstrom mit Beginn der zweiten Halbzeit kaum ab, die Schlange vor dem Imbisswagen wurde nur unmerklich kürzer. Frau Wiedling und ihr Team bemerkten bei all der Geschäftstüchtigkeit nicht, dass viele ihrer Kunden nach dem Einkauf nicht mehr ins Stadion zurückkehrten, sondern stattdessen den Heimweg wählten. Schon bald waren alle Wurstvorräte aufgebraucht, das Aufhängen eines „Ausverkauft“-Schildes tat sein Übriges und brachte die Anzahl an Wartenden schnell auf den Nullpunkt. Bernd machte sich gerade daran den Senfspender abzubauen, als er eine wulstig warme Hand auf seiner Schulter spürte: „Was isch mit meine Fleischkäichla in a Weggla ? Elf warrns, oderrr? Prrronnnto.“ Roland war wiederauferstanden und trotz eines Turbanverbands a la Dieter Hoeneß nicht zu bremsen und Bernd schnell wieder am Grill. „Null zu Vierr – Gott seid Dang haddet die em Krrrangewaage kein Bbey-Ddii-wii“ schäumte Roland weiter fassungslos. Seinen beiden Begleitern war eine Art an Anstrengung ins Gesicht geschrieben, Hunger hatten sie immer noch keinen, doch sie ergaben sich schlussendlich ihrem Schicksal und damit dem Willen des redenden Rolands. Kurze Zeit später lagen tatsächlich elf Hamburger auf dem Tresen des Imbisswagens und Roland grinste zufrieden. „N gudn“ und zwischen überdeutlichen Essensgeräuschen vernahm man manch wohlbekannte Fußballerfloskel und es kam das Gerücht auf, dass die Niederlage wohl noch hätte höher ausfallen können, hätte nicht der gescholtene Nürnberger Torwart Mathenia wiederholt gut reagiert. Dem widersprach Roland selbstverständlich vehement und fügte an Frau Wiedling gewandt: „Gute Frrrau, es iis doch jeds Jahr dieselbe Scheiße mit d’am Club. Fei wergli. Momend – indressiern Sie sich eignlich überrhaupd für Fussball?“ „Ned bsonders“ war die Antwort der Angesprochenen. Daraufhin offenbarte der bislang eher primatenhaft in Erscheinung getretene Roland ungeahnte verbale Versiertheit: „Ich soggs dir amol in a Bild: `S wär scheißeggol, wenn ihr hier d‘Worschd von drr letzten Saison verrrgaufe dädet – keiner däds schmegge. Jeds Jahr exaggt deesselbe…“

Frau Wiedling lächelte verständnisvoll. Frau Wiedling hatte Recht behalten.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
homeenvelopefutbol-ofacebook-official