traditionell zweitklassig

DFB-Pokal, 1. Runde: FC Hansa Rostock – VfB Stuttgart

Nervenkitzelpause

von Christoph Mack

Dass der Pokal seine eigenen Gesetze hat, kann man in jeder Sammlung jeglicher Fußballweisheiten auf der Titelseite lesen. Komisch nur, dass ich am Abend der Erstrundenpokalpartie meines VfB Stuttgart bei Hansa Rostock selbige leicht daher gesagte Floskel am eigenen Leib zu spüren bekomme:
Ich bin entspannt.
Dabei gäbe es genügend Gründe aufgeregt oder zumindest angeregt zu sein. Die Live-Übertragung läuft bereits seit einigen Minuten und noch immer lässt der teuer eingekaufte Live-Stream sämtliche Zuschauer zwischen neun und Mitte dreißig in einem oberschwäbischen Wohnzimmer nur schemenhaft erahnen, dass der Ball eben schon ins Rollen gekommen ist.
Ich bin entspannt, obwohl der Gegner Hansa Rostock heißt. Diese Übermacht von der Ostsee hatte die Stuttgarter Mannschaft schon wiederholt ein frühes Pokal-Endspiel beschert – im letzten Jahr beispielsweise bereits in Runde eins. Aber Cheftrainer und Atheist Tim Walter bezeichnet ohnehin jedes Spiel als Endspiel und in der jüngsten Pressekonferenz machte er zudem unmissverständlich klar, dass er nicht an Flüche glaubt. Mein Ruhepuls liegt demnach weiterhin im Komfortbereich.
Im Gegensatz zu dem der Hansa-Fans, die, aufgeheizt von Klängen der Böhsen Onkelz aus den Stadion-Lautsprechern, dem in Runenschrift in Szene gesetzten Spruch auf ihrem übergroßen Banner Folge leisten: „Außer Rand und Band für Verein und Vaterland.“ Wirklich würgreizend von Ihnen.

Die Rostocker Fußballer beginnen das Spiel ähnlich forsch, ein deutlicher Klassenunterschied ist nicht auszumachen, was auch daran liegt, dass der VfB den selbigen vor der Saison schon einmal vorsorglich halbiert hatte. Ungerührt von der hanseatischen Anfangsoffensive wird meinerseits der erste Teller mit Brotzeitbestandteilen belegt, aus dem Augenwinkel erkenne ich (mittlerweile glücklicherweise nicht mehr ganz so) unscharf, wie der Stuttgarter Mittefeldspieler Mangala schon nach elf Minuten ausgewechselt wird. Die ersten Chancen der Rostocker gleiten ähnlich grazil an meinem Nervenkostüm ab, wie das kühle Seeradler meine klamme Kehle hinunter perlt. Der Rostocker Abwehrspieler Sonnenberg empört sich sichtlich unbesonnen über eine berechtige Eckballentscheidung des Schiedsrichters, prompt segelt ihm eine für Diabetiker ungeeignete Didavi-Flanke um die Ohren, die der eben eingewechselte Stuttgarter Sturmtank Al Ghaddioui mittels eines gehechteten Seemannsköppers ins Netz befördert. 1:0 nach nicht einmal 20 Minuten. Ich bin tiefenentspannt.

Nichts kann mich aus der Ruhe bringen, nicht einmal der Kommentator, der, wohl aus einer wohlgemeinten Dienstbeflissenheit das Spiel als vollkommen offen deklariert und den gastgebenden Blauhemden gar Oberwasser bescheinigt. In meiner Realität bewertet er jeden Gang, den die Rostocker Spieler in der gegnerischen Hälfte unternehmen, als klare Torchance und versucht damit künstlich eine Art Spannung aufzubauen, die ich beim allerbesten Willen nicht nachvollziehen kann. An dieser Stelle des Spiels wäre ich wohl eingeschlafen, wenn mich das außerordentlich delikat bestückte kalte Buffet auf dem Küchentisch nicht zu drei weiteren Gängen verleitet hätte. So entspannt bin ich.

In der zweiten Halbzeit geht es weiter mit einer Folge Achtung Kontrolle. Der VfB hat jene, spielt sichere Pässe, Rostock wartet im eigenen Hafen und das obwohl in der Stuttgarter Abwehrreihe mittlerweile ein Jungspund namens Nat Phillips spielt, der vor wenigen Tagen erst über den Ärmelkanal an den Neckar gespült wurde und bis dato nur die Hälfte seiner Viererkettenkollegen beim Vornamen kennt. Hansa weiß keine Akzente zu setzen, nur Korbinian Vollmann lässt für einen Wimpernschlag meine Augenbrauen in die Höhe schnellen: Bei einem etwas ruppigeren Zweikampf, nutzt er die Gelegenheit um zu einem filmreifen Stunt abzuheben – zwei Meter über der Grasnarbe packt er sich inmitten einer Drehbewegung sein rechtes Bein, umklammert es mit schmerzverzehrtem Gesicht und lässt der ersten im Flug ausgeführten Pirouette beim Eintreffen in die Erdatmosphäre (respektive Grasnarbe) noch zwei weitere folgen. The Neymar goes to…

Viel zu viel Aufregung.
Der VfB schaltet und verwaltet und schont so in vorausschauender Art und Weise Kräfte für das nächste Liga-Duell gegen die nächsten Hansestädter aus Hamburg, St. Pauli.
Entspannung pur.
Zu meiner eigenen Verwunderung fühle ich mich schon in der 74. Minute, noch bevor der Rostocker Trainer seine letzten Trümpfe einwechselt, genötigt folgenden Satz zu sagen, den ein VfB Fan, nach den Erfahrungen der letzten Jahre, beim Stand vom 1:0 in aller Regel nicht mal zu denken wagen würde, der mir aber an jenem Abend aber schon seit dem Führungstor auf der Zunge liegt:

„Leute ich hab‘ das Gefühl, dass hier nichts mehr passiert.“

Prompt kommt das Contra vom rechten Nebensitzer.
„Ich hab‘ das Gefühl, dass die ganze Zeit was passieren kann.“

Woraufhin der dritte Volljährige im Bunde mein Fazit des Tages verkündet:
„Ich hab das Gefühl, dass die ganze Zeit nichts passiert.“

Es passierte nichts mehr.
Der VfB Stuttgart gewinnt und qualifiziert sich für das nächste Pokalendspiel.
Genüsslich nehme ich den letzten Schluck Weizenbier und frage mich noch mal eindringlich worin meine unnatürliche Entspannung des heutigen Abends begründet lag
Rudi Völler hätte wohl eine Antwort parat.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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