traditionell zweitklassig

DFB-Pokal, 1. Runde: Chemnitzer FC – Hamburger SV

Tot sind wir noch lange nicht!

von Simeon Boveland

Der Pokal hat ja seine ganz eigenen Gesetze. Eine Erfindungen der Mannschaften aus den fußballerischen Niederungen, denen es gelungen ist über den DB Regio-wfv-Pokal (Landespokal Württemberg) oder den Oddset-Pokal (Landespokal Hamburg) oder die vielen anderen ins dicke Geschäft einzusteigen. Einmal gegen die Bayern spielen. Einmal Bundesligaluft schnuppern. Dann wird die heimische Festung samt Asche-Kampfbahn eingetauscht gegen einen modernen und gesichtslosen Fußballtempel in den mehr Zuschauer passen. Am Abend vorher liegen die Spieler wach im Bett und stellen sich mit epischer Filmmusik vor, wie sie in der 85. Minuten eingewechselt werden und in der 89. Minute am Sechzehner stehen und mit Geschick, aber auch etwas Glück den Ball haarscharf über die Köpfe der Weltmeister und Champions League Sieger in den Winkel zirkeln. Und Ausnahmen bestätigen ja die Regel. David gegen Goliath. Der Pokal hat eben seine eigenen Gesetze. In diesem Jahr zum Beispiel, dass in den ersten Runden ohne Videobeweis gespielt wird. Kaum vorstellbar bei TuS Dassendorf aus Hamburg die Videobeweistechnik einzurichten. Ähnlich kaum vorstellbar die Rechtfertigung des DFB. Als wäre die 1. Runde noch nicht so viel wert. Ich reite so auf dem Videobeweis rum, weil es noch Thema wird. Aber erst ein Funfact am Rande: Der TuS Dassendorf, Gewinner des Hamburger Landespokals, sollte es in der ersten Runde des Pokals mit Zweitligist Dynamo Dresden zu tun bekommen. Weil aber in Hamburg und Umgebung keine größere Spielstätte zur Verfügung stand, sind die Hamburger einfach nach Zwickau gezogen. Kein so richtiges Heimspiel. Funfact II: Titelverteidiger und Abo-Oberliga-Meister Dassendorf ist übrigens in der 3. Runde des neuen Oddset-Pokals, dem Lotto-Pokal, gegen Bezirksligist Mümmelsberger SV ausgeschieden. So schnell ist das Geschäft. Bleiben wir bei TuS Dassendorf gegen Dynamo Dresden. Dresden hat am Ende 3:0 gewonnen und uns klingen die Worte von Tante Käthe im Ohr: „Fußballzwerge gibt es nicht mehr.“ Damals musste ein knapper Sieg gegen die Färöer-Inseln ins rechte Licht gerückt werden, heute stimmt diese Annahme wohl. Selbst unterklassige Mannschaften sind mittlerweile taktisch so diszipliniert, dass sie von den Profimannschaften kaputt gelaufen werden müssen. Dass da ein Bundesligist den Landespokalsieger zweistellig aus dem Stadion schießt, das gibt es nicht mehr. Zur Veranschaulichung: 8 der 29 Spiele gingen in die Verlängerungen und von diesen 8 nochmal 5 ins Elfmeterschießen. Bleibt nur die Frage, ob es auch für den Zuschauer ansehnlicher wird. Um eine extra spannende Note ins Spiel zu bringen, haben sich die folgenden Mannschaften was ganz besonderes ausgedacht:

Die eine Mannschaft könnte es zum Jahreswechsel nicht mehr geben. Eine Insolvenz mit Notvorstand samt Führungsstreit lässt Fußball fast zur Nebensache werde. Mal ganz abgesehen von dem realen Existenzkampf geht es auch um einen ideologischen. Gerade wurde der Kapitän wegen seiner Nähe zur rechtsradikalen Szene entlassen. Zum Unmut vieler Fans, die sicher sind: Der Chemnitzer FC hat kein Rassismus- oder gar Nazi-Problem. Die andere Mannschaft hingegen hat einen Spieler in den eigenen Reihen von dem die radikalen Zündler eines beliebten Boulevardblattes wüssten, dass er ganz anders heißen und älter sein soll. Hier möchte ich – der Kürze, Einfachheit und Qualität wegen – auf Ewald Lienen im NDR Sportclub und Peter Burghardt in der Süddeutschen Zeitung (Nr. 184) vom 10./11. August verweisen. Aber das alles macht die 1. Runde des DFB-Pokals zwischen dem Chemnitzer FC und dem Hamburger SV zu einem Spiel bei dem das Spiel nebensächlich ist. Und so wirkt es auch. Chemnitz, wie oben bereits erwähnt, mit einer massierten Verteidigung. Der HSV auch ganz gut ideenlos und wenig zwingend. Und dann passiert im Fußball eben was passieren muss. Ein Elfmeterspruch des Schiedsrichters gegen den HSV bei dem sich Beobachter ungläubig die Augen reiben und sich zu Recht fragen müssen: Verlassen sich die Schiedsrichter zunehmend auf den Videoassistenten? Was so leicht sein könnte, nimmt wahnwitzige Ausnahmen an. Die Handspiel-Regel kann ja mit Fug und Recht als unnötig komplizierte Regel bezeichnet werde. In diesem Fall und beim Schuss von Bonga bin ich selbst beim wiederholten Ansehen nicht sicher, ob Rick van Drongelen den Ball vom Schulterblatt überhaupt noch an die „Hand“ bekommt. Natürlich kann der Referee die Entscheidung nicht zurücknehmen nur weil Innenverteidiger van Drongelen das Trikot halb auszieht, um dem Schiedsrichter zu zeigen, wo der Ball abprallte. „Ah Ricky, da hat dich der Ball getroffen? Ist ja gar nicht Hand. Nein, dann entscheide ich natürlich nicht auf Elfmeter. Tut mir leid, hab ich falsch gesehen.“ Egal, Elfmeter, Tor, der HSV vor dem Aus. Und wie sagt man im Fußball? Das war eine Initialzündung. Das hat das Spiel gebraucht. Der HSV nun offensiver und mit Näschen und fußballkünstlerischem Anspruch. 1:1 Hinterseer. Es öffnen sich nun alle Schleusen. Chemnitz braucht nicht viel, eigentlich nur ein paar Standards und der HSV freut sich, dass sie jetzt auch einen Elferschützen aus der zweiten Reihe haben. Mit zwei Freistoßtoren in einer Woche macht Sonny Kittel Lust auf mehr und zeigt, dass man gegen den HSV lieber schon im Mittelfeld foult. Es kommt also zur Verlängerung und Elfmeterschießen. Am Ende gewinnen zwar die Hamburger, aber irgendwie haben alle was Positives zu berichten. Hier gut geschlagen, dort zählt nur der Sieg. Wie es abseits des Platzes bei den beiden Mannschaften weitergeht, wird man sehen. Aber es wird bis zum Ende gekämpft.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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