traditionell zweitklassig

3. Spieltag: VfB Stuttgart – FC St. Pauli

Die Willy Sagnol Gedächtnisflanke

von Simeon Boveland

Saison 2003/04

Das Bild ist noch weit entfernt von HD. Die Münchener Bayern in den gewohnten roten Trikots von rechts nach links, aber im heute ungewohnten alten Olympiastadion. Auf der rechten Abwehrseite tankt sich der Verteidiger durch. Ein „moderner Verteidiger“ wie es heißt. Einer, der die ganze Seite beackert, hinten wie vorne, das Offensivspiel befruchtet. Aber bis zur Grundlinie kommt Willy Sagnol nicht. Knapp hinter der Mittellinie, 40 Meter vor dem Tor vielleicht, schlägt der junge Franzose mit dem viel zu großen Leibchen den Ball hoch und weit in den gegnerischen Strafraum. „Da ist Schnee drauf“, hätte meine Jugendtrainerlegende geschrien und in München konnte es gut sein, dass da wirklich Schnee drauf ist. So eine coole Vorlage kann nur der kaltschnäuzigen Rudolphus Anton, genannt Roy, Makaay, der Inbegriff holländischer Torgefahr, verwandeln. Gewohnt und routiniert dreht der Holländer jubelnd ab – Richtung Flankengeber Willy Sagnol. Diese Erinnerung ist nur ein Beispiel der sagenumwobenen Willy Sagnol Gedächtnisflanke. Viele haben sich seitdem daran versucht und obwohl dem Auge des Laien kaum der Unterschied ersichtlich wird, gibt es ihn doch: Sagnol auf Makaay oder Jeremies auf Jancker – hoch und weit, aber doch ein himmelweiter Unterschied.

Saison 2018/19

8 Millionen haben sich die Schwaben die Dienste eines zwanzigjährigen Juwels im letzten Sommer kosten lassen. In Zahlen liest sich der Verlauf der Saison 18/19 dann aber folgendermaßen:

Soll: 8 Millionen – Haben: 12 Spiele in 613 Minuten.

Ungewollt kann wohl Borna Sosa als das Gesicht des VfB Stuttgart in der letzten Saison dienen. Ziel von Dietrich und Reschke – und klar, Anspruch des VfB – war das europäische Geschäft. Nach Platz 7 in der Aufstiegssaison beinahe nachvollziehbar. Trotzdem rieb sich manch ein VfB-Fan verwundert die Augen. In der Transferphase wurden gewaltige und millionenschwere Einkäufe für sehr junge Spieler getätigt. Vorschusslorbeeren in die Zukunft, in die neuen jungen Wilden, die sich nur und völlig überraschend der Abwehrmann Kabak verdiente und der Verteidigung so etwas ähnliches wie Stabilität gab, aber vor allem vorne gefährlich auffiel. Die Maffeos, Sosas, González´ konnten dieses Versprechen nicht einlösen. Zum Glück konnten sich die jungen Menschen nicht zweiteilen und gleichzeitig im Stadion auf der Bank und im Stuttgarter Osten in einer verrauchten VfB-Kneipe sitzen. Es hätte den Jungs nicht gut getan. Der Eklat dann unter der Ägide Weinzierl, insgesamt wohl eine Episode, die jeder Stuttgarter schnell vergessen möchte. Sosa beschwert sich, fühlt sich nicht wertgeschätzt und wenig beachtet. Klar, könnte man sagen: Der VfB steckt mitten im Abstiegskampf und Abstiegskampf heißt nun mal Härte und Aktionismus. Die Fans wollen mindestens die           Mannschaft kämpfen sehen und keine unlustigen und millionenschwere Legionäre, die dem erstbesten Ruf folgen. In die Kerbe schlagen natürlich die Verantwortlichen. Gras fressen, das Herz in die Hand nehmen und kämpfen, kämpfen, kämpfen. Wenigstens verbal die Einheit zu den Fans herstellen. Verletzte Gefühle werden da als Eitelkeiten und Mimosereien abgetan. Aber der Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft, vor allem bei Traditionsvereinen, vor allem wenn die Bilanz der Saison Abstieg heißt.

Saison 2019/20

Auf einmal war da kein Grüner mehr um ihn herum. Bevor er überhaupt begreifen konnte, was das bedeutet, hatte der Ball schon seinen Fuß verlassen und segelt in Richtung Strafraum. Ein sträflicher Fehlpass war das, dachte er, als er dem Ball hinterherblickte. Wirklich, direkt in den Fuß. Dann nur noch an dem einen vorbei stochern und er war alleine. Viel zu viel Platz zwischen den Ketten. Der Rest war ein Automatismus. Eine Flanke. Eine Flanke im Rücken der Abwehr. Zwanzig, fünfundzwanzig Meter vom Tor entfernt. Tausendfach hatte er so einen Ball schon geschlagen. Tausend Mal geübt. Er konnte sogar an dem Gefühl, wie der Ball sein Fuß verließ, spüren, ob es gut werden würde. Da gehörten natürlich noch ein Verwerter dazu, aber das fühlte sich gerade gut an. Der Ball ging gut weg. Mit Kraft und trotzdem ganz leicht und ohne viel Rotation. Satt getroffen, eher wie eine Kanonenkugel. Er segelte nicht, er strich Richtung Fünferkante und senkte sich jetzt. Er verfolgte noch immer die Laufbahn des Balles. Das sah gut aus, auch weil er jetzt aus dem Augenwinkel seinen Stürmer anrauschen sah. Der muss nur noch den Fuß reinhalten, schmunzelte er in sich hinein. Ja, der fällt ihm auf den Fuß. Es fühlte sich gut an. Schon als kleines Kind spürte er die große Genugtuung, diese Schönheit einer Torvorlage. Was für eine Flanke. Eine Flanke aus dem Lehrbuch.

Gegen die braunen Trikots, die heute weiß sind, das gleiche Bild. Diesmal sind es sicher dreißig und mehr Meter, aber die Flanke ist die gleiche. Scharf im Rücken der Abwehr, direkt auf die Fünfmeterlinie. Nur noch reindrücken muss er ihn, nur noch reindrücken muss er ihn. Er ist angekommen. Gut Ding will Weile haben. Schon jetzt hat er eine Vorlage mehr als in der gesamten letzten Saison. Zwei Vorlagen in drei Spielen bei sechs Toren insgesamt. Borna Sosa hat sie zurückgebracht – die Willy Sagnol Gedächtnisflanke.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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