traditionell zweitklassig

3. Spieltag: Hamburger SV – VfL Bochum

„Na, Kolega?“

von Christoph Mack

Ein treffsicherer, kumpelhafter Schlag auf die Schulter riss mich aus meinen Gedanken. Branko grinste verwegen und stellte dabei unausweichlich seine beiden Zahnlücken im Oberkiefer zur Schau, „heute große Gewinn?“
„Mal sehen, mal sehen“, komplettierte ich den traditionellen Wortwechsel, welcher sich stets genau so zutrug, wenn ich mal wieder das liebevoll abgeranzte Kiosk an der Herrenwaldstraße betrat und mir vor einem Fußball-Tippschein den Kopf zerbrach.
Branko war der einzige verbliebene Kaufmann der Stadt, der diese Spielsucht-Einstiegsdroge noch offline vertrieb und ich der einzige Verbliebene meines Freundeskreises, der noch nicht zu einem der unzähligen Internetanbieter gewechselt war, die im Rahmen jeder Fußball-Fernsehübertragung um die Wette warben. Der allwöchentliche Gang zu Branko, immer freitags nach Feierabend, läutete mein Wochenende ein und verlangte schon allein dieses Umstands wegen eines gewissen zeremoniellen Charakters. Immer erstmal eine kühle Limonade aus der Dose, dann immer den dritten Tippschein ziehen, immer an den Stehtisch mit dem Brandloch, immer den eigenen Kuli mit der dunkelblauen Mine und immer zuerst das zuunterst aufgelistete Spiel tippen, dann sukzessive nach oben arbeiten. Diese Prozedur wurde stets unweigerlich umrahmt von gedämpfter aber trotzdem gut vernehmbarer deutscher Schlagermusik, auf dessen Unsäglichkeit ich Branko noch nie anzusprechen gewagt hatte.
Meistens kam ich mit meiner Zeremonie bis zum vierten von neun Spielen, ehe Branko mich auf die oben beschriebene Art unterbrach. An jenem Tag hatte ich aber schon für sämtliche Begegnungen des dritten Zweitligaspieltages mein Kreuz gemacht und auf Heimsieg, Auswärtssieg oder Unentschieden getippt. Unentschieden war ich demnach nur noch bei einer Partie.

„Ja, schwierig, schwierig“, fing ich an meine Gedanken zu verbalisieren, „HSV zuhause gegen Bochum. Das `ne heiße Kiste, da kann halt alles passieren.“
„Was die Quote?“, fragte Branko und obgleich ich wusste, dass diese Frage rein rhetorischer Natur war, da Branko selbst sein bester Kunde war und sämtliche Spielausgangstendenzen auswendig wusste, antwortete ich:
„1,6 auf Sieg HSV, 4,3 auf Unentschieden, 6, noch was auf Bochum.“ „Hmmm, ja schwer, schwer“, Branko wiegte den Kopf hin und her. „Hamburg früher gut. Barbarez, Romeo, Takahara. Aber jetzt, aaah.“
„Ja, und zuhause haben die halt immer auch noch richtig Druck…“
„Ja, Druck schon, ja, aber Bochum, nur ein Punkt und in Pokal auch schlecht, schlecht…“
„Ja, daher tendiere ich grad zu `nem Unentschieden, aber vielleicht wäre das auch zu einfach. Der HSV kann ja nicht immer unentschieden spielen gegen so vermeintliche Mittelklassegegner…“
„Mit Sergej Barbarez – 100 Prozent Gewinn HSV.“ Brankos Lächeln steigerte sich zu einem siegesgewissen Grinsen.
„Barbarez spielt aber mittlerweile nur noch Poker“, warf ich ein.
„Barbarez – beste Mann“, fuhr Branko ungehemmt fort und erzählte wort- und gestenreich davon, dass der ehemalige HSV-Stürmer einst der schwerkranken Stieftochter des Ex-Schwagers seiner mittlerweile unbekannt verzogenen Nachbarin einmal ein unterschriebenes Trikot hatte zukommen lassen. Diese Geschichte kannte ich schon längst, trotzdem lächelte ich höflich und tat so ungläubig überrascht und berührt, als wäre mir die Großzügigkeit seines bosnischen Idols erst unmittelbar vor Augen geführt worden.
„Ja, dann ruf doch den Sergej mal an und frag ihn was er tippen würde.“
„Sergej? Immer HSV – Sieg HSV. Klar.“
„Aber das ist doch ein Zocker-Typ und bei Sieg HSV ist doch die Quote sehr mau…“
„Mau, mau. Muss überlegen: was kann passiere?“
„Der HSV rennt an, hat Chancen ohne Ende, Bochum kontert, ein langer Ball auf Zoller, Bumm 0:1.“
„Ok“
„HSV rennt weiter an, verzweifelt, verkrampft, dann irgendein abgefälschter Drecksschuss. Eigentor, 1:1.“
„Ok“
„Was Ok?“
„Ja Ok. Kann sein. Kann auch anders sein. Kittel wieder Freistoßtor, 1:0, dann Kampfspiel, dann 83. Einwechslung Janjičić, der macht 2:0. Aus.“
„Janjičić?“
„Is auch guter Mann.“
„Der steht doch am hintersten Ende vom Abstellgleis. Mit seinem Mercedes CLA AMG. Und 0,64 Promille. Der wird nicht mal mehr in der Traditionself eingewechselt.“
Branko kommentierte meine Aussage mit einem undefinierbaren Laut, der mir jedoch unmissverständlich klar machte, dass er in dieser Sache ganz anderer Meinung war.
„Dann mach halt was sagt Werbung: Vertrau dein Instinkt.“
„Mach ich auch – Unentschieden. So. Getippt.“
„Letzte Spiele auch immer Unentschieden. Und kein Tore. Letzte Saison.“
„Ja und ich trau denen einfach keinen Sieg zu. Bochum ist ja schon auch ein Geheimfavorit auf den Aufstieg. Das passt so. Einfach nicht mehr nachdenken. Was kriegst du für die Limo noch?“
„Is gut, gib kurz dein Zettel.“
Branko quittierte den Tippschein, nicht ohne noch mal fachmännisch drüber zu schauen. Grinsend gab er mir die Quittung.
„Viel Glück.“
„Danke dir.“
„Aber ich sag ja, Barbarez hätte…“
„Ja, ja, alles klar“ wiegelte ich ab, „der ist wohl ein Engel für dich“ fügte ich hinzu und parodierte so die Zeile des just in dem Moment laufenden Schlagersongs.
Branko lachte herzlich beim Winken.

Der Hamburger Sportverein gewann das Heimspiel gegen den VfL Bochum mit 1:0. Torschütze: Lukas Hinterseer.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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