traditionell zweitklassig

4. Spieltag: Karlsruher SC – Hamburger SV

Díaz von gestern

von Simeon Boveland

Das Licht zerschneidet den Rauch in dem abgedunkelten Raum. Regelmäßig das Klicken, wenn sich der Projektor ein neues Dia aus dem Magazin holt und an die Wand projiziert. Ich fläze in dem Ledersessel mit meiner Zigarre in der Hand. Die Bilder zeigen bekannte Gesichter aus der Vergangenheit. Ich hatte sie fast vergessen, aber da sind sie und ich erinnere mich an sie, als wäre es gestern gewesen. Sie haben erreicht, dass man noch heute von Ihnen spricht. Das Spiel zwischen dem Karlsruher SC und dem Hamburger SV ist nicht irgendein Spiel, nicht irgendein Duell. Es ist die Mutter aller, es ist die Mutter aller Relegationsspielen. Das erste Zusammentreffen nach diesem historischen Moment musste natürlich ein besonderes sein. Dahingestellt, dass mit Lasogga und Holtby die beiden letzten Erlebniszeugen den HSV am Anfang der Saison verlassen haben und beim KSC auch nur noch Gordon die Knochen hinhält. Aber das geht alles viel zu schnell. Es ist eine Reise in die Vergangenheit. Zurück ins Jahr 2015. Der geschichtsträchtige 1. Juni 2015 und selbst das ist nur der Versuch der dramaturgischen Verknappung des Verfassers. Denn das Spiel ging schon früher los und damit meine ich den HSV, die Relegation und tatsächlich auch das Hinspiel. Also von vorne:

Die Stimmung gegen den HSV ist in den letzten Jahren, ja, sagen wir mal, angespannt. Und ein klar denkender Fußballfan, wenn denn auch HSV-Anhänger, muss wohl zugeben, dass dies nicht ganz unberechtigt ist. Misswirtschaft und Finanzspritzen durch Mäzen Kühne, Rumpelfußball und die heillose Einbildung, der Dino der Liga zu sein, diese unsägliche Stadionuhr und himmelweiter Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit, der absurde Verschleiß an Trainern und Managern. Nicht zuletzt die HSV-Fans selbst fühlen sich von ihrem Verein verschaukelt und vor den Kopf gestoßen. Wie oft habe ich versucht Fan eines anderen Vereins zu werden, aber es geht nicht…

Bis zum – irgendwie auch verdienten – Abstieg war die einzige Erklärung, die ich auch für andere Fans parat hatte: „Ja, ja, stimmt. Der HSV hat eine unterirdische Saison gespielt. Stimmt, genau wie letztes Jahr. Ganz richtig, die hätten den Abstieg verdient gehabt. Aber weißt du was? Egal wie schlecht der HSV spielt, es gibt immer Mannschaften, die noch schlechter sind!“ Das Adjektiv „schlecht“ kann da auch wahlweise mit dem Adjektiv „dumm“ getauscht werden. Höhepunkt dieser fußballrepublikweiten HSV-Anfeindung war die Angst der Fußballfreunde in Deutschland, dass der HSV vielleicht doch unabsteigbar sein könnte. Damals waren nämlich alle HSV-Hasser kurz davor ihren Willen zu bekommen. Aber da war ja noch was anderes: Seit 2009 war es durch die Relegation wieder möglich, dass nur zwei Mannschaften schlechter sein mussten. Der Spitzenreiter des saisonalen Trio Infernales hatte die Gelegenheit mit zwei Relegationsspielen den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Das Ganze (die Relegation, Anm. d. Verf.) soll der Saison nochmal die richtige Würze geben, meinte die DFL. Tatsächlich lief es für den HSV auch nicht schlecht. 2014 mussten also nur noch zwei Mannschaften schlechter sein. Aus dem Mund eines galgenhumorigen Norddeutschen hieß das: „Endlich mal wieder der HSV live im Free TV.“ Im DFB-Pokal war ja seit 2009 meist schon früher Schluss. Gegen Greuther Fürth reichte dem HSV ein Tor und kein Sieg um in der Bundesliga zu bleiben. Ein Jahr später und in der zweiten Relegation ging es gegen den KSC aus Karlsruhe und was spielten die Badener die Hanseaten im Gästestadion an die Wand. Aber dann, aber dann! Dann kam der 1. Juni 2015. Darauf spitzte sich alles zu. In der 78. Minute hatte Yabo getroffen und nun pfiff Manuel Gräfe Freistoß. Rajkovic hatte Meffert aus kürzester Distanz angeschossen – 18 Meter vor dem Tor, in der 90. Minute.

„Díaz mit rechts oder van der Vaart mit links.“

Der Rest ist schnell erzählt. Diaz trifft und rettet den HSV in die Verlängerung. Müller trifft in der 115. Minute zum 1:2 und Rouwen Hennings (ehemals Jugendspieler beim HSV) verschießt in der 120. Minute einen Elfmeter.

Ich sollte später sagen: Das einzige Glück war, dass der HSV im Hinspiel nicht verloren hat bzw. dumm war, dass der KSC im Hinspiel nicht gewonnen hat. Was die Karlsruher nämlich im heimischen Wildpark ablieferten, das war weit entfernt von der Leistung ein paar Tage zuvor in Hamburg. Die Hosen waren so voll, dass die Beine schwer wurden. Lirumlarum. Wir brauchen nicht diskutieren, dass der Freistoßpfiff eine Frechheit war. Diese Handentscheidung war damals und ohne VAR falsch, wobei bezüglich der heutigen Handentscheidungen der VAR ja nicht der Weisheit letzter Schluss zu sein scheint. Egal. Damals wäre der HSV abgestiegen, aber geht es darum?

Das ist, in Kurzform, die Vorgeschichte vor dem 4. Spieltag. Der KSC ist wieder zweitklassig, der HSV noch immer. Die Rückkehr in den Wildpark ist erfolgreich. Der HSV gewinnt insgesamt verdient, aber am Ende doch mit 4:2.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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