traditionell zweitklassig

4. Spieltag: Erzgebirge Aue – VfB Stuttgart

Noch Fragen?

von Christoph Mack

Hätte ich eines meiner Kindheitstraumberufsziele mit mehr Ehrgeiz verfolgt, wäre ich nun womöglich Sportreporter bei einer mittelgroßen Tageszeitung. Wie es der Schlendrian so wollte, brachte ich es bislang nur zu einer Teilnahme einer Spieltags-Pressekonferenz im Rahmen eines Berufsorientierungspraktikums in der 11. Klasse. Der damalige Trainer, der sich auf dem Podest den Fragen der wartenden Journalisten stellen durfte, hieß Armin Veh. Kantig, stoisch und ohne mehr Minen als nötig zu verziehen beantwortete er damals sämtliche Fragen in kurzen Sätzen und legte dabei keinen gesteigerten Wert auf Sprachmelodie oder Phrasierung.

Kein Vergleich also zum derzeitigen Trainer Tim Walter. Der schafft es zwar mittlerweile auch jede dieser allwöchentlichen Dates mit der Presse in weniger als 10 Minuten über die Bühne zu bringen, jedoch wirkt er dabei mitnichten distanziert, wortkarg oder gar missgelaunt. Vielmehr versteht er es mit klarer Sprache, entwaffnender Eloquenz und teils auch mit süffisantem Schmunzeln eine stete Überlegenheit auszustrahlen, die in den allermeisten Fällen abstoßend wirken würde, bei ihm aber auf seltsame Weise sympathisch rüberkommt.
Der Menschenkenner in mir wird jedenfalls noch nicht ganz schlau aus diesem bärtigen Bruchsaler. Ist er jetzt tatsächlich ausnahmslos authentisch, wenn er von der Freude am Fußball als wichtigste Grundvoraussetzung spricht, wenn er wiederholt betont, dass er nur auf seine Mannschaft schaue, wenn er jedwede äußere Begleiterscheinung eines Spiels (Trainerwechsel, Transfergerüchte, Vorjahresergebnisse, Name des gegnerischen Teams) als nebensächlich abtut?

Irgendwie müsste der Mann doch aus der Reserve zu locken sein, Humor scheint er ja zu haben, Wortwitz auch.
Doch da der herkömmliche Journalist ohnehin doch immer nur die zu erwartenden Floskelfragen stellt, beginnt der auf dem Weg verlorengegangene und daher Kind gebliebene Sportreporter in mir leise und vergnügt das Sesamstraßen-Lied zu pfeifen, spitzt den Bleistift und notiert nach dem torlosen Auswärtsspiel in Aue folgende Fragen für die anstehende Pressekonferenz:

„Herr Walter, die Anforderungen hinsichtlich der kämpferischen Einstellung und die Vorgaben zur Ballsicherheit haben ihre Spieler in dieser Partie gut umgesetzt. An anderer Stelle haperte es jedoch offensichtlich an Timing und Effektivität.
Werden demnach in der kommenden Woche verstärkt Schwalben trainiert?“

„Die Innenverteidigung hat einen passablen Job gemacht, kein Gegentor zugelassen, dennoch stimmt mich eine Szene aus der ersten Halbzeit bedenklich.
Meine Frage: Macht Holger Badstuber auch weiterhin die Sprintübungen mit Günther Schäfer oder bekommt er fortan einen Partner auf Augenhöhe zugewiesen? Michael Meusch würde sich anbieten.“

„Als Beobachter des Spiels war ich mehrfach irritiert als im Stadion eine Glocke ertönte. Was hatte es damit auf sich?“

„Die fußballerischen Fähigkeiten von Patrick Klement hat er bislang nur andeuten können. Was mich interessiert, da sie ihn ja auch täglich im Training erleben: Hat er tatsächlich zwei linke Kopfhälften?“

„Die Fans haben das Team auch in Aue wieder vehement unterstützt, gerade in der Phase als der VfB in Unterzahl spielte waren sie voll da, verhalfen dem Team durch Nebelkerzengebrauch gar noch zu einer Extra-Trinkpause. Warum sprang der Funke nicht über?“

„Hätten sie etwas dagegen, wenn ich mit Nat Phillips mal `ne Halbe trinken gehen würde?“

Der Realist in mir reißt den träumenden Jungen aus seinem Halbschlaf und schließt mittels Mausklick ein Fenster auf dem ich just die Facebook-Kommentare der Fans zum 0:0-Unentschieden studiert und ihnen entnommen habe, dass die ersten Berufs-Bruddler schon wieder Fahrt aufnehmen und von den besonders furchtlosen und treuen Anhängern zurechtgewiesen werden. Hier werden Schulterklopfer verteilt, hier wird beigepflichtet. Hier wird Unverständnis geäußert, hier werden Fragen gestellt. Fragen, die Tim Walter garantiert an sich abperlen lassen oder süffisant weglächeln würde.
Der VfB ist noch immer ungeschlagen.
Noch Fragen?

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
homeenvelopefutbol-ofacebook-official