traditionell zweitklassig

5. Spieltag: VfB Stuttgart – VfL Bochum

Baumwollhochzeit

von Simeon Boveland

Fünfter Spieltag in der zweiten Bundesliga – die Baumwollhochzeit unter den Hochzeitsjubiläen. Kaum losgegangen die Ehe, kaum losgegangen die Saison, sagen die einen. Die anderen sagen: Etappenziel. Völlig legitim. Die erste Länderspielpause steht an und dann da oben zu stehen, ist die halbe Miete zur Herbstmeisterschaft und die Herbstmeisterschaft ist die halbe Miete zur ausgewachsenen Meisterschaft. Um im Bild zu bleiben quasi die Kronjuwelenhochzeit. Vom zweiten Platz grüßt der VfB mit einem gemütlichen 3-Punkte-Abstand auf Platz 6. Noch ist alles eng da oben, aber dann, gerade dann kommt es darauf an nicht nur gut in die Saison gestartet zu sein, sondern es geht darum wie gut es war. 11 von 15 Punkten ist nicht übel und Fürth und Aue mit ihren 8 Punkten freuen sich sicher auch, aber das kann doch noch viel eher als Momentaufnahme aufgefasst werden, als die Stuttgarter Platzierung. Aber im Fußballzirkus ist das alles ohnehin nebensächlich. Was andere machen? Wir schauen nur auf uns? 11 Punkte aus 5 Spielen, steht der Aufstieg damit fest? Wir schauen nur von Spiel zu Spiel. Ganz so leicht ist es in der zweiten Bundesliga ja auch nicht mehr. Es tummeln sich so viele „Bundesligisten“, da werden Ziele auch mal forsch formuliert. Klar will der VfB aufsteigen. Aber Etappenziel „Länderspielpause“ meint nicht nur eine Etappe der Saison, sondern auch Erkenntnisse, die gezogen werden können. Zum Beispiel: Der VfB kann Spiele knapp gewinnen, ist aber auch immer gut für ein Gegentor. In zwei von fünf Spielen haben sie immer ein Tor mehr als der Gegner geschossen (reicht!). Sie treffen regelmäßig und gerne (2 von 5 Gegentoren hat der VfB sogar selber geschossen). Und unter Walters Händen blühen Sorgenkinder auf.

Eines dieser Sorgenkinder war Nicolas Gonzalez und wie er so an diesem sonnigen, aber doch schon frischen Septembermorgen auf seine Espressomaschine wartete, füllte ihn ein wohliges Gefühl aus. Im Schnelldurchlauf zogen die Bilder vor seinem Augen vorbei. Was war in diesem Jahr alles passiert? Er, der junge und ja eigentlich noch unerfahrene Argentinier, auf dem Weg nach Deutschland. Stuttgart hatte er vorher noch nie gehört, wo denn? In der Schule? Als hätten deutsche Schulkinder schon mal von Belén de Escobar gehört. Dann aber 8,5 Millionen Euro für einen Zwanzigjährigen ausgeben. Eine absurde und abstrakte Summe, gemacht um unvorstellbar zu sein. Aber der Sommer war heiß und nahm ihm die Angst vor dem Winter, die die anderen Argentinier im Team bei ihm schürten. Immerhin, die anderen Argentinier. Er war nicht alleine, nicht ganz alleine. Gonzalez lächelte. Denn dann kam Schalke und der unsägliche Pfosten. Die ganze Saison lief nicht, nicht für ihn, nicht für die Mannschaft. Aber der Anspruch an sich selbst war so hoch, egal, ob das hier alles so schnell und stark war. Wie oft war er nach den Spielen aufgewacht und alles tat ihm weh? Er kämpfte und biss und rieb sich auf. Die einen sahen es wohlwollend, die anderen forderten mehr. Und das war immer der Moment an dem seine Gedanken schwarz wurden und er die dunkle Wendeltreppe hinunter ging. Dann kamen die beiden Spiele im Sommer. Extraspiele. Dead or alive. Gonzalez sprach nicht gerne darüber, aber seine Familie sah es in seinen Augen, wenn sie skypten. Der Freistoß. Abseits. Abstieg. Er wusste, dass er es so nicht sehen durfte, aber manchmal empfand er es einfach so. Und die Wochen danach plagten ihn Schlafstörungen und einen Drang zu gehen und zu bleiben und wieder gut zu machen. Auch wenn bis zuletzt nicht klar war, ob er tatsächlich bleiben würde, weil Vereine angeklopften, die er seit seiner Kindheit kannte, die in Städten spielten, die er seit seiner Kindheit kannte, war doch jetzt alles in bester Ordnung. Die Spiele mit der Nationalmannschaft hatten ihm geholfen und die neue Stimmung im Verein auch. Gleich in seinem ersten Spiel hatte er getroffen und gestern…das war ein schönes Tor. Endlich, dachte er, ernte ich die Früchte meines Einsatzes. Gonzalez schaute auf seine neue Stadt und spürte, dass der Sommer zu Ende ging. Sein zweiter Winter stand bevor, fern von Zuhause, aber er war angekommen.

Das konnten auch alle anderen sehen, die den Weg ins Stadion gefunden hatten. Dritter Sieg im dritten Heimspiel war die Marschroute, aber mit dem VfL Bochum kam ein Gegner ins Stadion, der unberechenbar war. So ein Trainerwechsel, auch interimsweise, war ja immer ein zu beachtender Faktor. Tatsächlich entwickelte sich in der ersten Halbzeit ein richtig erfrischendes Montagabendspiel. Der VfB taktgebend und mal wieder mit einem schönen langen Ball, der Packing-Nerds zu unkontrollierten Brunftgeräuschen verleiten ließ. Didavi bekam zwar davon nichts mit, zeigte dafür aber sein feines Füßchen und endlich, dass bei seinen Fähigkeiten auch was rumkommt: Zweites Tor plus ein Assist in fünf Spielen. Es folgt dann aber etwas, was sich auch schon in den Spielen vorher abzeichnete. Der VfB hinten unsortiert und gut für ein Gegentor. 1:1 zur Pause und mit Gonzalez in die zweite Halbzeit. Gonzalez, der ja auch immer wieder Dinge macht, die man vielleicht anders gelöst hätte, zeigte das Selbstbewusstsein und die Fähigkeit Dinge zu erzwingen. Gonzalo am Sechzehner auf Gonzalez, kurzer Stopp, sich mit rechts den Ball auf links legen und völlig humorbefreit ins lange Eck. Schönes Tor. Gonzalez hätte auch nochmal getroffen, aber mit zwei Toren Abstand gewinnen steht erst auf dem Lehrplan für die Länderspielpause. Die Fans müssen sich noch gedulden, wissen aber auch: Das war erst die erste Etappe. Da geht noch was.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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