traditionell zweitklassig

5. Spieltag: Hamburger SV – Hannover 96

Tor für die Welt

von Christoph Mack

Ein Tor des Willens. Ein Tor nach einer Energieleistung. Ein Tor nach einem satten Rechtsschuss. Ein Tor, das durch Mark und Bein geht. Ein wichtiges, ein besonderes Tor.

Unzählige Umarmungen und schulterklopfende Hände überdecken den dunkelhaarigen Schopf des Torschützen im Heimspiel des HSV gegen Hannover 96. Ohrenbetäubender Jubel übertönt die sich überschlagende Stimme des Stadionsprechers. 3:0, der Endstand. Ein letztendlich souveräner Sieg des alten und neuen Zweitligatabellenführers ist jedoch nur eine gut arrangierte Rahmenhandlung für das Happy End einer beschämenden Geschichte, die drei Wochen lang die Gemüter sämtlicher zweitklassiger Fußballaktivisten in Erregung versetzt hatte. Protagonist dieser Schmierentragödie war unfreiwilligerweise Bakery Jatta, Flügelstürmer der Hamburger, der in jener Zeit in einem unangenehm grellen Fokus gestanden hatte, welcher die hiesige Fußball- und Medienlandschaft insgesamt in kein gutes Licht stellte. Angefacht von der Sport-Bild fuhren sämtliche Berichterstattungsinstanzen auf dem argwöhnisch gezimmerten Trittbrett des Springer-Zugs mit. Die Kurzfassung: besagter Bakery Jatta, gebürtiger Gambier, hieße in Wirklichkeit Bakery Daffeh, wäre schon 23 und damit zwei Jahre älter als er bei seiner Registrierung als Geflüchteter im Jahr 2015 angegeben hatte. Bestätigt hätten dies angeblich zwei ehemalige Trainer des Spielers, die das selbsternannte Qualitätsmedium nicht beim Namen nennt. Bakary Jatta – ein Asylbetrüger. Einer der vorsätzlich und zu seinem eigenen Vorteil getäuscht hat, einer dem demnach die Spielberechtigung entzogen gehört. Oder gleich das Aufenthaltsrecht.

Wo kommen wir denn da hin?!

Die jüngst unterlegenen Gegner des HSV witterten indes ihre Chance auf Wiedergutmachung – wenn schon nicht auf dem grünen Rasen gewinnen, dann wenigstens am grünen Tisch. „Einspruch, euer Ehren“, tönte es aus Nürnberg, Bochum und Karlsruhe. „Ehrenlos“ nennt man solch ein Verhalten auf Cannstatter Bolzplätzen, früher sagte man dazu wohl schlicht „schlechte Verlierer.“ Aber im Eifer des Wettbewerbsgefechts schießt man mancherorts schneller als sein Schatten – manchmal auch an den äußersten Rand des moralisch Vertretbaren. Projiziert man dieses Fehlverhalten zurück an den Ursprung des Geschehens, würde man wohl von einer klassischen Schwalbe sprechen, eine bei der selbst Rivaldo sich nur fassungslos an den Kopf fassen würde.

Seit dem Spott-Bild-Bericht vergingen drei Wochen, drei Wochen in denen hin und her spekuliert wurde, in denen Geburtsurkunden angefordert, Gerichtstermine ausgemacht, Vorladungen versendet wurden. Drei Wochen in denen populistischer Staub aufgewirbelt und allgemeine Verunsicherung gesät wurde. Drei Wochen bis das zuständige Bezirksamt Hamburg-Mitte die Ermittlungen im Fall Jatta einstellte, nachdem keinerlei Unregelmäßigkeiten in den Angaben des Gambiers zu finden waren.

Am Tag nach den drei Wochen frage ich mich:

Wie konnte es soweit kommen?
Wieso versucht man vorsätzlich und grundlos diese Bilderbuchgeschichte an gelungener Integration zu beschmutzen?
Warum dichtet man dem Traditionsverein HSV just nach dem besten Zweitligasaisonstart aller Zeiten und der ersten skandalfreien Vorbereitung seit 1983 eine solche Ente ans Bein?
Bloße Sensationsgier?
Geschmacklose Verstörungsfantasien ausgerechnet vor dem Pokalspiel in Chemnitz?
Oder wurde gar ein BILD-Redakteur aus dem Politik-Ressort in die Sport-Bild-Abteilung strafversetzt?

An dieser Stelle möchte ich nicht weiter mutmaßen, sondern die Geschichte zu Ende erzählen. Zwölf Minuten nach seinem entscheidenden Treffer gegen Hannover wird Bakery Jatta ausgewechselt und verlässt unter Standing Ovations des Publikums den Platz. Ein Verein steht zusammen, vereint wie es sprich- und wortwörtlich so sein soll. Alle für einen, der unbescholten an den Pranger gestellt wurde. Einer für alle, die ein gesteigertes Gefühl des kollektiven Zusammenhalts nicht mehr vorbehaltlos gewohnt waren.

Hannover legte überdies keinen Einspruch gegen die Wertung des Spiels ein, die obengenannten Vereine zogen den ihrigen schlussendlich zurück, zeigten sich reumütig und wünschten dem Protagonisten nur das Beste. Damit fügten sie sich schlussendlich doch ein in die erfreulicherweise breite Reihe der Solidarischen, zu denen auch Ewald Lienen, Sportdirektor des Hamburger Erzrivalen FC St. Pauli gehörte, der wortstark für den einst geflüchteten Jungprofi Partei ergriff und die Geschichte wieder ins rechte Licht rückte: Bakery Jatta, ein feiner Kicker, schießt den HSV zum Sieg.

Ein verdienter Sieg. Ein Sieg des Durchhaltevermögens. Ein Sieg eines starken Kollektivs. Ein Sieg, der durch Mark und Bein geht. Ein wichtiger, ein besonderer Sieg.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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