traditionell zweitklassig

6. Spieltag: FC St. Pauli – Hamburger SV

Remember, Remember the twentyfifth of November

von Simeon Boveland

Dieser Tag war es nämlich – 1995 – als ich, zwischen meinem Vater und meinem Onkel das erste Mal den Weg in den Volkspark suchte und fand. Wenn man in Hamburg aufwächst und sozialisiert wird, dann gibt es eine ganz demokratische und faire fifty-fifty Chance welchem Verein man die Treue hält – HSV oder St. Pauli. Erst viel später und von dieser Entscheidung unabhängig geht es um VFL 93, Altona 93, Victoria oder ETV. Naja, Sozialisation hin oder her, eine richtige Chance gibt es dann doch nicht. Bei mir in der Familie hält und hielt man eben zum HSV. Mein Vater erzählt noch heute, wie er damals „Uns Uwe“ am Rothenbaum gesehen hat. Meine Omama strickte schwarz-weiß-blaue Schals mit richtigen Rauten und in meinem Zimmer stand jahrelang eine riesige – sicher zwei bettlakengroße und selbstgenähte – HSV-Fahne von meinen Onkels, die wohl auch seit Rothenbaumzeiten nicht mehr ins Stadion gebracht werden durfte. Und so fand ich nun meinen Weg in den Volkspark an diesem Freitagabend nicht ganz alleine, sondern er wurde mir bereitet. Dieser Abend war auch nicht irgendein November-Freitag-Flutlicht-Spieltageröffnungsabend, es ging gegen den Stadtrivalen. Bis vor kurzem hätte ich schwören können, dass Pauli an diesem Abend ein Heimspiel hatte und aus Platzgründen ihr Spiel im Volkspark austrug, auch weil ich mir noch immer sicher bin, dass der HSV in den blauen Auswärtstrikots spielte. Das weiß ich noch, weil ich die immer so schön fand und es ganz nebenbei auch mein erste Trikot war. Am nächsten Tag sammelte ich alle Artikel, Statistiken und Bilder aus dem Hamburger Abendblatt und malte die spielentscheidende Szene sogar am Anfang der Woche in der Schule nach. Aber zurück zum nassen, schmuddeligen Novemberabend. Ich war ziemlich aufgeregt, auch weil ich damals die Dunkelheit nicht so gerne mochte und noch heute große Menschenmassen lieber umgehe. Wir sind mit der Bahn zum Stadion gefahren; ich erinnere mich an lautes Gegröle, an Bierdosen und an meinen Vater neben mir. Mein Onkel saß im Zweier gegenüber und beobachtete das Ganze belustigt. Dann durch den dunklen Volkspark. Den ersten Blick auf das Stadion, das sich vor mir erhob, werde ich nie vergessen. Die vier großen Flutlichtmasten hatten den Betrieb schon aufgenommen und gleißend weiß und durch den Nebel gedämpft strahlte es von innen heraus. Wir sind von außen dann die vielen Treppen hoch – ich vermute Haupttribüne, weiß es aber nicht genau – und dann sah ich dieses kleine Rechteck grünen Teppichs, das mich jedes Mal wieder faszinieren sollte. Drum herum die Werbebande – Öger Tours und Hyundai, auch TV Spielfilm war noch mit dabei – und die rote Laufbahn. An das Spiel erinnere ich mich größtenteils nichts mehr, nur die Lautstärke, die Rufe und Pfiffe, die Menschenmassen. In der Pause durfte dann ein Fan von der Mittellinie auf ein leeres Tor schießen, mir kam das sehr leicht vor, besonders weil es ja auch einen Gewinn geben sollte. Papa meinte aber, dass es gar nicht so leicht wäre. Ich glaubte ihm wohl, auch weil der Mensch verschoss. In der 88. Minute wurde dann ein Blauer von einem Braunen von den Beinen geholt. Großer Aufschrei, Elfmeter. Harald „Lumpi“ Spörl trat an und traf. Ein noch größerer Aufschrei folgte, überall Jubel und Umarmung. Es wurde mit Toilettenpapier geworfen und mein Onkel bekam eine Ladung Bier auf die schwarze Lederjacke. 1:0. Der Endstand. Auf dem Weg nach Hause war das Gedrängel noch größer und mein Onkel hob mich auf die Schultern. Von oben beobachtete ich das Köpfemeer und versuchte die schwarz-grauen Borsten meines Vaters im Auge zu behalten, der durfte nicht verloren gehen. In der Schule spielten wir diese entscheidende Szene des Spiels nach. Mein bester Freund freute sich besonders, er hielt es ohnehin mit „Lumpi“ Spörl, ich eher mit dem späteren „Hammer“ Ali Albertz, aber das machte ja nun alles nichts. Auch nicht, dass das Tor nicht in der 88., sondern schon in der 41. Minute fiel. Der Kicker sollte das Spiel am Ende mit der Note 3 bewerten, beste Männer auf dem Platz: Schiedsrichter Markus Merk und HSV-Torwart „Richie“ Golz. Aber egal, alles egal.

Bei meinem ersten Stadionbesuch hatte der HSV St. Pauli 1:0 geschlagen. Es sollte auch nicht der letzte Besuch sein. Im alten Volkspark verpasste ich dann noch das frühe Tor von Andre Breitenreiter gegen Spartak Moskau, bis es mich bald zu jedem Spiel in die neuen Arena zog. Aber die Lastminute-Meisterschaft der Bayern und die überragende Leistung beim legendären 4:4 gegen Juventus Turin müssen später erzählt werden. Die Frage, warum der HSV bei meinem ersten Spiel mit den blauen Trikots gespielt hat, kann ich immer noch nicht beantworten, aber dass es so war, dafür würde ich eben jenes Trikot verwetten.

Mein Onkel sollte wieder neben mir sitzen, an diesem unsäglichen Montagabend, diesem historischen Montagabend, an dem der FC St. Pauli nach fast 60 Jahren mal wieder am Millerntor gegen den HSV gewann. Gerne würde ich noch mehr schreiben, aber die Wunden sind noch zu frisch.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
homeenvelopefutbol-ofacebook-official