traditionell zweitklassig

6. Spieltag: Jahn Regensburg – VfB Stuttgart

Zwei Hälften in sechs Sechsteln

von Christoph Mack

Vorbemerkung

Bekanntlich trafen der Jahn aus Regensburg und der Verein für Bewegungsspiele aus Stuttgart schon seit über 40 Jahren nicht mehr in einem Punktspiel aufeinander. An jenem Septembersamstag sollte es dennoch zu einem Treffen alter Bekannten kommen: Gleich drei mittlerweile für Regensburg spielberechtigte Akteure wiesen eine Vergangenheit im brustringbehafteten Trikot aus. Mittelfeldregisseur Max Besuschkov hatte seine komplette Ausbildung bei den Schwaben erhalten,  Torjäger Marco Grüttner drei Saisons in der zweiten Mannschaft ausgeholfen und Stammkeeper Alexander Meyer hatte die letzten zwei Jahre lang zumindest am Torwarttraining der Stuttgarter Profis teilnehmen dürfen. Bei den Stuttgartern saß mit Hamadi Al Ghaddioui ein Spieler auf der Bank, der im letzten Jahr noch 33mal für den heutigen Gegner auf dem Platz stand. Besagte Regensburger hatten jüngst in einem furiosen Sturmlauf Tabellenschlusslicht Wehen Wiesbaden mit 5:0 aus dem Stadion gefegt, der VfB kam als ungeschlagener Tabellenzweiter in die Oberpfalz, der auswärts noch kein Spiel gewinnen konnte. Klare, auf Makulatur gedruckte Vorzeichen also, die eine revolutionäre Spielberichterstattung offenkundig nicht zwingend erforderlich machen. Der Autor ist anderer Meinung und teilt die zwei Hälften in sechs Sechstel.

1/6 (1.-15.Minute)

Eine erfundene Fußballweisheit besagt:
Wenn ein Team presst, das andere auch,
dann hemmt das oft den Spielverlauf.

Das sieht dann buchstäblich so aus:

Sicherheitspass – Sicherheitspass – Sicherheitspass – Fehlpass – Sicherheitspass – Sicherheitspass– Fehlpass – Sicherheitspass – Fehlpass – Sicherheitspass – Sicherheitspass – Flanke – Toraus – Abstoß – Sicherheitspass– langer Sicherheitspass – Stockfehler – Sicherheitspass – Foulspiel – Freistoß – Fehlpass – Sicherheitspass…

Oder omnipoetisch ausgedrückt:

Stenzel marschiert. Überall hin.
Warum? Was kommt ihm in den Sinn?
Es scheint nun grade so als hätte
er seinen Platz in der Viererkette
noch nicht verbindlich definiert.
Und so wird fleißig ausprobiert.

Auch Silas ist noch nicht im Spiel.
Gelingen will ihm noch nicht viel.
Herr Walter fängt schon an zu zetern.
Hamadi scharrt mit blauen Tretern.  

2/6 (16.-30.Minute)

Die Sonne entledigt sich ihres wattigen Wolkenmantels.
Sie überstrahlt die nach einem Reifenhersteller benannte Arena mit ihrem wohlwollenden Licht, während Orel Mangala das Spiel robust an sich reißt.
Der VfB versucht zwanghaft stets von hinten raus zu spielen und wird genauso zwingend zugestellt.
Es gibt zwei Ecken. Für jedes Team eine.
Flügelstürmer tauschen ihre Positionen.
Für die Stuttgarter ergibt sich eine erste Schusschance – geblockt.
Für die Stuttgarter ergibt sich eine zweite Schusschance – verwandelt.
González – er braucht halt nur eine Chance, sagt der auktoriale Erzähler im Fernsehen.
Einige VfB-Fans zweifeln seine Allwissenheit an.

3/6 (31.-45.Minute)

Regensburg wird nervöser. Fahriger. Unvorsichtiger.
Es wird gechipt, taktisch gefoult und zu kontern versucht. 
Mangala spielt Pässe als wäre er Didavi.
In der 43. Minute passiert das, was keiner geahnt hätte:
Gregor Kobel macht einen weiten (!), einen langen (!!) Abschlag.
Zwei pressschlagsbedingte Spielunterbrechungen machen Silas zum Sündenbock. Es wird gepfiffen.
Das Schauspiel nimmt seinen Lauf.
Doch erstmal ist Pause.

4/6 (46.-60.Minute)

Plitsch, Platsch, *plätscher.

La, le, Lull.

Dann plötzlich. Da!
Insua!
Sinkt wie von einem Zugvogel gepickt nieder.
Die Regensburger spielen vollkommen mitleidsbefreit weiter und stehen flugs vor dem Stuttgarter Tor. Ein Schuss fällt. Drüber.
Wekesser, der Ball. Weg isse, die Chance.

5/6 (61.-75.Minute)

Es wird gewechselt.
Torjäger Grüttner und Torhüter Kobel liefern sich ein einminütiges Duell am Sechzehnmeterraum – dabei geht es um alles, es geht um einen Abstoß.
In der 70. Minute spitzt sich das Spiel zu, als George in den Stuttgarter Strafraum spritzt, Stenzels lilafarbener Schuh zuckt und George vornüberfällt. Zur Strafe gibt’s Strafstoß – Besuschkov trifft zum Ausgleich, Kobels Urschrei zum Trotze.

6/6 (76.-93.Minute)

Der VfB zeigt sich trotzig. Mangala übersteigt und flankt.
Regensburgs Keeper Meyer segelt kursbefreit durch die Lüfte, Didavi geliert die verlorengeglaubte Kugel in die Mitte, Holger Badstuber stupst sie in die Maschen. Der VfB führt fortan.
Er führt sein dominantes Spiel fort, fürwahr: er spielt die vielzahligen Überzahlsituationen nicht zu seinen Gunsten aus.
Silas, der sich mittlerweile ins Spiel gekämpft hat, trifft den Pfosten und den Querbalken.
So kommt der anfangs noch schmorend mit den Füßen scharrende Hamadi Al Ghaddioui doch noch zum Einsatz und zu seinem großen Auftritt: Sein Flachschuss findet den Weg ins Ziel – zum Jubel aller Stuttgarter, außer ihm. Demütig erträgt er die Gratulationen seiner Kameraden.
Er selbst wird später einem Gegenspieler namens Palacios noch zu dessen Treffer beglückwünschen.

Schlussbemerkung

Erster Auswärtssieg.
Erster Tabellenplatz.
Erste Sahne, diese zweite Liga.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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