traditionell zweitklassig

7. Spieltag: VfB Stuttgart – Greuther Fürth

Wehret den Anfängen

von Simeon Boveland

Am Beginn einer Rede steht das exordium, die Einleitung. Aristoteles war der Ansicht, dass diese nicht unbedingt der Sache dienen muss, sondern Affekt auf das Publikum haben sollte. Der Beginn muss das Publikum erreichen. Hier kann schon unterschieden werden: Prooemium (1) oder Insinuatio (2) oder auch: (1) Ist das Publikum dem Redner wohlgesonnen? oder (2) „Der Eingang auf gekrümmter Bahn“, also ein Redner, der vermutlich auf ein Publikum mit opponierender Haltung stößt. Zweiteres ist wohl hier der Fall. Es ist nämlich Zeit für einen offenen Brief.

Seit knapp zwei Jahren bin ich in Stuttgart und was habe ich mich erfreut an der neuen Stadt und der großen Fan-Basis in der Stadt, eine wahnsinnige Stimmung und Liebe umgibt den Verein. Erst als ich die heimeligen Gefilde und damit die Blase des eigenen Vereins verlassen habe, merkte ich, wie wichtig der heimische Verein für das Aufwachsen des Nachwuchses ist – egal wo. Hier spielen also die Kinder im VfB-Trikot im Feinstaub, aber mit den gleichen dicken Schokoeisflecken auf dem Leibchen. Wehe die Eltern wollen abends das Trikot in die Waschmaschine stecken. Niemals! Das war der Eindruck, den ich hatte, als ich Stuttgart und den VfB kennenlernte. Und als Christoph und ich dieses Projekt begannen, war das auch ein Grund und Teil unserer „Leiden“schaft. Fan wird man und bleibt man. Wie genau kann man selten sagen. Um das alles zu ertragen, was in unseren Vereinen passierten, brauchten wir ein Ventil. Denn auch wenn niemand das hören möchte, aber: Unfassbare Parallelen musste ich zwischen dem HSV und dem VfB feststellen. Leicht war es mich in die Gefühlswelt der VfB-Fans hineinzuversetzen. Ein Verein mit Geschichte und Historie mit Anspruch und ahnungslosen Leuten in verantwortungsvollen Positionen. Kannte ich alles.

Ein Geniestreich war unsere Idee im Wechsel über die Vereine zu schreiben. Es gibt uns Gelegenheit als Außenstehender und durch die Brille eines Laien zu schauen und durch diese besondere Sehhilfe erscheinen manche Dinge logischer oder unlogischer, nachvollziehbarer oder weniger nachvollziehbar, mindestens aber emotionsloser. Und so ist es an mir, mich zum großen Redner aufzuschwingen, zum Moralapostel mit mahnenden Zeigefinger. Und ich rufe hinaus und euch zu: Wehret den Anfängen. Ende Insinuatio.

Ein „schwieriges Umfeld“! Damit lässt sich in und um den VfB Stuttgart werben. Keine Frage, so ist es auch. Der Verein hat so viele Baustellen wie die Stadt und hier ist weder Zeit, noch Raum, noch Fachwissen um das adäquat aufzuarbeiten. Wozu auch? Deshalb bin ich doch Laie. Aber 2017 – als ich kam – war Hannes Wolf Trainer und Jan Schindelmeiser Sportvorstand. Neidisch blickte ich als Hamburger auf den Stuttgarter Weg, der da beschritten werden sollte (Zum Vergleich für die Interessierten: Markus Gisdol war da seinerzeit Trainer beim HSV, wissen die wenigsten noch). Am Ende der VfB-Saison der verdiente Aufstieg und das Wiedererwachsen alter Denkmuster. Kaum wieder da, wieder oben mitspielen. Das geht nicht lange gut, kann nicht gut gehen. Zwei Jahre später ging es wieder runter und wieder macht der VfB anscheinend alles richtig: Haben mit Hitzlsperger einen guten Mann im Vorstand – „wie gut“ fragt ihr? Er fährt mit dem Fahrrad zum Spiel, so gut! Haben mit Walter einen guten Trainer. Haben mit Mislintat einen guten Sportdirektor. Haben gut eingekauft. Haben noch kein Spiel verloren und sind Tabellenführer. Letzten Samstag hat der VfB als Tabellenführer Greuther Fürth empfangen. Der Anspruch des VfB ist, völlig zu Recht und total nachvollziehbar, der Aufstieg, trotzdem möchte ich an dieser Stelle daran erinnern, dass Gegner Greuther Fürth zum Zeitpunkt des Spiels auf dem 4. Platz war und auch nur einmal verloren hatte. Am Ende gewinnt der VfB mit 2:0, aber allerorts starten die Diskussionen. Damit meine ich nicht die Diskussion um die „harte Gangart“ des Gegners, über Seguin brauchen wir nicht sprechen. Aber in Medien- und Fankreisen ist die Rede vom schlechtesten Spiel der Saison, jeder Stein muss umgedreht werden, „knallharte Analyse“ folgen. Der 2:0 Sieg ein glücklicher Sieg. Warum? Weil Fürth zweimal Latte oder Pfosten getroffen hat? Oder weil der VfB einen Elfer nicht bekommen hat?

Auf einmal fühlt sich Trainer Walter genötigt den Vergleich zu Barca oder Bayern zu monieren: „Viele meinen wir sind der FC Bayern oder der FC Barcelona der 2. Liga“. La, la, la. Das wird man nur, wenn man sich dazu macht. So ist es nun mal, wenn man nach oben will, wenn man da oben steht, dann jagen die anderen und selbst wird man gejagt. Dann hat man meist ein Team mit hoher Qualität und der Gegner muss kämpfen, dass kann weh tun. Aber gleich eine mangelnde-Erfahrung-Diskussion starten? Seid doch froh, dass ihr die ganzen Alten los seid. Ihr habt ein richtig geiles Team, richtig gute junge Typen, ne gute Mischung, wenn ihr mich fragt. Schwarz malen, wenn es eigentlich mal wieder richtig gut läuft, wenn die Fans endlich wieder mit einem guten Gefühl ins Stadion gehen können? Das kenne ich zur Genüge aus Hamburg und ihr kennt es aus den letzten Jahren. Aber ein 2:0 ist immer noch ein 2:0 und Tabellenführer zu sein, heißt noch immer Tabellenführer sein. Fußballweisheiten, die selbst einem Sepp Herberger zu blöd waren zu äußern. Am letzten Samstag bin ich gegen 16.00 Uhr nach Esslingen gefahren. Am Bahnhof Bad Cannstatt habe ich die Fans stehen sehen und ich konnte aus den Mienen nicht schließen, wie das Spiel ausgegangen ist. Nach einem 2:0 Sieg sah das nicht aus. Wenn das nach einem Heimsieg so aussieht, dann muss der Barca/Bayern-Vergleich herangezogen werden.

Ich stelle zu guter Letzt noch eine kleine Rechnung auf, die auch das Zeug zu einer Fußballweisheit hat: „Ein gewonnenes Scheißspiel bringt auch drei Punkte, aber das Scheißspiel muss erst einmal gewonnen werden!“ Am Ende fragt niemand mehr wie das Spiel am 7. Spieltag gegen Greuther Fürth war. Unsere Kindeskinder werden in den alten Statistiken sehen, dass das Spiel 2:0 ausgegangen ist, sie werden zu Oma und Opa im Schaukelstuhl laufen und fragen: Wo spielt dieses Fürth jetzt?

Redeschluss oder peroratio/conclusio (Hier kann noch einmal an die Emotionen des Publikums appelliert) .Und nun noch ein paar Sahnestücke aus meinem neugelernten Dialekt: Rafft euch! Bruddelt wenn es sein muss und lasst es bleiben, wenn es nicht sein muss. Bitte. Ich mag euch nämlich eigentlich. Freut euch, bitte, bitte freut euch. Lasst euch von den Medien nichts einreden. Ihr habt ein geiles Team und alles stimmt gerade. Genießt es und macht es wie Heimspiel- und Tordebütant Förster: „Mir hat es Riesenspaß gemacht, endlich hier vor unseren Fans in der Arena aufzulaufen. […] Zwischenzeitlich hatten wir Glück, aber wichtig ist, dass wir gewonnen haben. Das ist das, was zählt.“

Wehret den Anfängen, stammt übrigens ursprünglich aus der Schrift Heilmittel gegen die Liebe von Ovid, der darin vor den Folgen des sich-verliebens warnte. Für uns alle kommt es zu spät. Wir sind schon verfallen und leiden, trotzdem tut es uns manchmal gut uns zu besinnen: Wehret den Anfängen. Ende der Rede.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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