traditionell zweitklassig

8. Spieltag: Arminia Bielefeld – VfB Stuttgart

Irgendwo hinter Bad Hersfeld-West

von Christoph Mack

„Das glaub ich nicht, das kann’s doch nicht sein“.
Schaumi schlug mit der linken Hand auf’s Lenkrad, während er mit der rechten den Zündschlüssel im Zündschloss unablässig und ruckartig drehte. Der Motor des weißen Mercedes 190 D (Baujahr 88) gab sich alle Mühe seinen Wiederbelebungsversuchen Folge zu leisten; viel mehr als ein klägliches Aufheulen brachte er dennoch nicht mehr zustande. Dem Fahrer bliebt also nichts anderes übrig, als sein Gefährt, welches gerade erst wieder Fahrt aufgenommen hatte, auf den Seitenstreifen zu manövrieren und dort ausrollen zu lassen.
„Nich‘ dein Ernst jetzt?!“
„Alter, was `ne Scheiße!!“
„Und ich frag dich noch, ob die alte Mühle das noch schafft…“
Aus den Kommentaren der mitgereisten Schlachtenbummler Heiko, Didi, und Meische sprach blankes Entsetzen. 450 Meter später zeigte Schaumis Tachonadel denselben Wert an, den sie auch schon in den letzten zweieinhalb Stunden fortwährend vermeldet hatte. Gleichsam war die Stimmung der Reisegruppe nun auf dem Nullpunkt. Den baustellenbedingten Stau auf der A7 zwischen Bad Hersfeld-West und Hornberg hatten sie ja noch einkalkuliert gehabt. Köstlich hatten sie sich über den Ortsnamen „Aua“ amüsiert und sich in der dortigen Tankstelle noch mit ausreichend hopfenhaltigem Proviant ausgestattet. Selbiger war allerdings schneller als geplant erschöpft gewesen, was einerseits daran lag, dass sich die Standzeit aufgrund eines Unfalls und der damit verbundenen Verringerung der zu Verfügung stehenden Fahrsteifen (von zwei auf einen) deutlich verlängern sollte. Darüber hinaus hatte Didi bereits nach zwanzig Minuten Stillstand das Spiel ausgerufen hatte, bei jeder Erwähnung des Wortes „Baustelle“ zum Sturztrunk anzusetzen.

Nun machte sich zunächst resignierende Stille im Wagen breit.
„Guck mal unter deinem Sitz, da müsste das Warndreieck und die Warnwesten sein“ wies Steuermann Schaumi seinen Beifahrer Heiko an. Ungeschickt fummelte sich dieser zwischen den Beinen herum und fand, nachdem er den abgelaufenen Inhalt des Verbandskastens erfolgreich entleert hatte, auch die eigentlich gesuchten Gegenstände. Bevor Heiko seinen Chauffeur darauf aufmerksam machen konnte, dass lediglich zwei gelbe Westen vorrätig waren, war jener schon mitsamt Warndreieck aus dem Wagen gesprungen um die Pannenstelle vorschriftsmäßig abzusichern. Nachdem er zurück am Auto war, öffnete er nicht die Fahrertür, sondern die Motorhaube und verlor sich augenblicklich in den Tiefen des Motorraumes. Die übrigen Insassen beobachteten das Treiben teilnahmslos, Meische rülpste leise, doch weil er dabei den Mund geöffnet lies, entwich ihm ein deutlich hörbares „Aaah“. „Dee Aaa, Zeeh“ komplettierte Didi scharfsinnig, lachte triumphierend und weidete sich an seiner Geistesgegenwart, welche angesichts seines Spitzenplatzes in der Promillewertung der Auswärtsfahrer tatsächlich verwunderlich war. Keine achtzehn Sekunden vergangen, bis das Trio Infernale einen neuen Schlachtruf auf die Melodie des Dario G-WM-Songs von 1998 gedichtet hatten und lauthals intonierten:
„Aaa Deee –  Aaa, Deee –  Aaa, Dee, Aaa, Dee, Aaa Zeeeh
Gelber Engel – komm und Hilf uns:
Unser Wagen hat Weh-Weh“

Die Gruppe begleitete ihre vokale Verausgabung mit rhythmischem Klopfen gegen ihre jeweiligen Ausgangstüren, was das gesamte Auto zum Schaukeln und den immer noch über der Motorhaube hängenden Schaumi zum Schäumen brachte. Nun machte er seinem Spitznamen alle Ehre – wutentbrannt riss er die Fahrertür auf und brüllte der Sängergruppe seinen angestauten Frust in die geröteten Gesichter: „AAAAALLLTER HALTET MAL DIE SCHNAUZE JETZT!!!“ Sichtlich perplex verstummte der Chorgesang und Heiko murmelte kleinlaut: „Wir wollten ja nur helf…“ „AM ARSCH – HELFEN!“ Schaumi war richtig in Rage. „BIS DER PANNENDIENST DURCH DEN STAU IST, IST ÜBERMORGEN, IHR NULPEN! AUßERDEM NIMMT UNS DOCH SO KEINER MIT – SCHAUT EUCH DOCHMAL AN IHR ELENDEN BESOFFSKIS!“
Alle schwiegen betreten und Heiko verkniff sich die Bemerkung, dass der Pannendienst wohl erstmal Fahrer Schaumi aus dem Verkehr ziehen würde, der im Laufe der Fahrt weit mehr Alkoholhaltiges als nur die ihm zugedachten Radlerdosen vernichtet hatte. „In einer Stunde ist Anpfiff oder?“ Meisches unbedachte Frage trat Schaumis nächste Wutwelle los, doch weil er vor seiner Teufelstirade die Fahrertür zuschmiss, waren ein Tritt gegen das linke Vorderrad des bemitleidenswerten 190 D die einzige Auswirkung, die im Wageninnern davon zu bemerken war. Anschließend griff Schaumi zu seinem Handy. Vehement gestikulierte er und laut musste er sprechen, das war auch von Didis Platz aus deutlich zu erkennen. „Wen ruft der denn jetzt an?“ fragte er und nachdem er keine Antwort bekam, tat er es seinen Kumpels gleich, die stillschweigend verfolgten, wie Schaumi sich mehrere hundert Meter vom Auto entfernte und hinter der nächsten Kurve verschwand. Ehe sie sich über das absonderliche Verhalten ihres Fahrers wundern konnten, kam er ihnen schon wieder entgegengesprintet. „Der ist ja schneller als der Badstuber“ kommentierte Meische gerade noch rechtzeitig, bevor Sch(a)umi die Tür aufriss, ein letztes Mal den Zündschlüssel umdrehte, wieder nur ein kurzes Gurgeln des Motors erntete und an die Kollegen gewandt sagte: „Benzinpumpe kaputt, grad mit‘m Jorgo telefoniert, der meint das auch. Jungs, da vorne is’n Parkplatz, nach der Kurve noch 200 Meter. Aussteigen, Anpacken – wir schieben den Wagen da hin.“ „Alter, das doch sau gefährlich“ meinte Heiko kleinlaut, aber aus Schaumis Blick las er überdeutlich: Widerstand war zwecklos.
Und so wuchteten die vier Mittvierziger ihre ehemaligen Luxuskörper aus dem altehrwürdigen Daimler und schoben an. Schon nach wenigen Radumdrehungen stand dem Viererteam ihre mangelnde Kondition und ihre nicht vorhandene Erfahrung in Sachen Autoschieben ins Gesicht geschrieben. Schnaubend, schwitzend und fluchend gaben die Vier in ihren VfB-Trikots ein erbärmliches Bild ab, welches von einem vorbeifahrenden Bus, vollbesetzt mit ausgelassen Arminia-Fans, mit einem höhnischen Hupen bedacht wurde. Derart provoziert riss Schaumi instinktiv seine beiden Mittelfinger in die Höhe und wedelte damit in Richtung des rivalisierten Fanlagers. Nur vergaß er dabei seine Pflichten als Anschieber, die seine Mitstreiter indes äußerst ernst nahmen: Sekundenbruchteile später lag Schaumi mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Asphalt und hielt sich den frisch überrollten Knöchel. Das anschließende Wortgefecht war geprägt von gegenseitigen Schuldzuweisungen, aber angesichts der prekären Straßenverkehrssituation schnell beendet. Schaumi wurde ins Wageninnere bugsiert und sollte lenken und gegebenenfalls bremsen, denn glücklicherweise fiel die Straße nun etwas ab. Die übrigen drei Muskeltiere hievten das Fahrzeug samt seines angeschlagenen Besitzers folglich tatsächlich erfolgreich in eine Bucht im Parkplatz Fuchsrain. Schwer pumpend ließen sie ihre geschundenen Körper neben dem Wagen sinken.
Schaumi kurbelte das Fenster runter: „Jo Männer, schöner Rotz, echt. Hat jemand Sky-Go von euch?“ Alle verneinten diese rhetorische Frage, sahen sie doch für gewöhnlich jedes Heim- und jedes noch so weit entfernte Auswärtsspiel live im Stadion. „Ja gut, dann bleibt uns wohl nur der Klassiker“ schlussfolgerte Schaumi und begann am Autoradio herumzudrehen. „Wo kommt das denn hier?!“ Schaumis erfolglose Suche nach dem richtigen Sender veranlasste Meische, der als Erster wieder zu Kräften gekommen war, dazu aufzustehen und Richtung Klohäuschen zu wanken. Als er nach einiger Zeit erleichtert wieder zurückkam, saßen seine Sportsfreunde versammelt im Auto, die Scheiben waren beschlagen. „LATTE“ brüllte ihm der Radioreporter beim Einsteigen entgegen. Die Stimmung im Wagen war aufgeheizt: „WARUM schalten die DRECKSPISSER immer nur zwei Minuten live ins Stadion?“ empörte sich Didi, als nach kurzer Zeit ein Song von Bryan Adams die Stadionübertragung ablöste. Heiko war drauf und dran seine Faust im Cockpit des Daimlers zu versenken, wurde aber vom aufgeregten Meische unterbrochen: „Jungs, kurz mal ruhig jetzt: wie viel Bargeld habt ihr noch dabei?“ Die aktuelle Hochrechnung ergab 57,34 €. „Perfekt“ goutierte Meische den gesammelten Endbetrag, den er sogleich an sich riss: „Hab auf’m Klo grad `n LKW-Fahrer kennen gelernt, der hat gesagt, er fährt Bier aus“. Kaum hatte er seinen Satz beendet, war er auch schon aus dem Auto gehüpft und kam pünktlich zur Schlussphase der ersten Halbzeit mit zwei Paletten Dosenbier zurück. Sofort wandelte sich die Katerstimmung in volksfestliche Freude – der Bier- und Heilsbringer Meische wurde gefeiert, jeder Song im Radio mitgegrölt, bei jeder Erwähnung des Wortes „Baustelle“ geext. So wurden die immer wiederkehrenden Reportagen von der Bielefelder Alm, wo ihr VfB Stuttgart zur gleichen Zeit gegen die ortsansässige Arminia ein zweitklassiges Spitzenspiel bestritt, lediglich zur Kenntnis genommen („Da passiert ja doch nichts – ohne uns – keine Stimmung“), bevor der nächste Song ein weiteres Freudenfeuerwerk auslöste. Die Fenster des Wagens waren längst allesamt geöffnet, die gute Stimmung schallte über den gesamten Parkplatz – Schaumi hatte seine Fußschmerzen vergessen und voll aufgedreht. Heiko und DiDi lagen sich auf dem Rücksitz in den Armen und schmetterten „Taaaake meee – to the magic of the moment…“ Meische dirigierte energisch.
Ein letztes Mal meldete sich der Radioreporter: „Wir schalten nun zur Schlusskonferenz. Was tut sich in Bielefeld, Holger Dahl?“
„Ein eng umkämpftes Spitzenspiel, Bielefeld nur noch zu zehnt, nach der Gelb-Roten Karte gegen ihren Kapitän und Torjäger Fabian Klos. Die reguläre Spielzeit ist mittlerweile abgelaufen, der VfB rennt noch einmal an. Versuchts mit Mangala über rechts, der passt in die Mitte auf Kempf. Der spielt einen Steilpass auf Förster. Der ist gut, Förster im Strafraum, spielt nach innen, da ist Al Ghaddioui…“
Just in diesem Moment zollte Schaumis Autobatterie der vorausgegangenen Party Tribut und quittierte den Dienst.
Stille.
Die Fassungslosigkeit in den Gesichtern wandelte sich zuerst bei Didi in heiteres Gekicher: „Das ist nicht wahr – das gibt’s nicht“, nach und nach teilte auch der Rest der Gruppe seinen Galgenhumor.
„Wo ist die versteckte Kamera? Wo ist die verdammte verstecke Kamera?!“ „Das darfst du keinem erzählen, wirklich, wenn das jemand rauskriegt.“
„Ey, ich pack das nicht. Dafür extra die Schicht getauscht und jetzt son Ding, eieieiei.“
Meische war es, der dem ausuferndem Gefühlscocktail die formvollendete Krone aufsetzte: „Jungs, das hier mit euch erleben zu dürfen: ein Träumchen.“
In kollektiver Einigkeit setzten daraufhin alle ihre jeweils letzte Dose an, bevor der beachtliche Rauschzustand sie zunächst in apathische Teilnahmslosigkeit und schlussendlich ins wahrhaftige Land der Träume beförderte.

So erfuhren sie erst auf dem Rückweg, zusammengepfercht auf der Rückbank eines westdeutschen Abschleppunternehmers, vom Last-Minute-Sieg ihres VfB Stuttgarts. Hamadi Al Ghaddioui hatte tatsächlich getroffen. Und Schaumi hatte das Warndreieck vergessen – irgendwo kurz hinter Bad Hersfeld-West.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
homeenvelopefutbol-ofacebook-official