traditionell zweitklassig

8. Spieltag: Jahn Regensburg – Hamburger SV

Regelkunde

von Simeon Boveland

Die Abseitsregel. Die Abseitsregel ist wohl der längst überholter Indikator für die Unterscheidung zwischen Fußballfans und allen anderen (Schönwetterfans, Fußballgroßereignisfans, Deutschlandfahnenschwinger, Fußballhasser). Im Grunde ist es ja ganz einfach. Schwer wird es nur, wenn das Verständnis für 22 Männer oder Frauen, die einem Ball hinterher jagen, nicht existent ist. Hinter vorgehaltener Hand: Verstehen tu ich das auch manchmal nicht, aber das scheint mir nicht die Frage zu sein. Es ist eben das Gefühl, das Feeling oder wie Andreas Möller perfekt pointierte, es ist eben vom „Feeling her ein gutes Gefühl“. Die Abseitsregel also:

Ein Spieler steht im Abseits, wenn er bei Ballabgabe eines Mitspielers näher zum gegnerischen Tor steht, als zwei seiner Gegenspieler (einer der Gegenspieler kann der Torwart sein, muss es aber nicht, da gab es ja auch schon die dollsten Dinger).

Trotz dieser Einfachheit, die diesen Sport auszeichnet (man muss es ja nur verstehen), kommt es immer wieder zu Diskussionen, weshalb diese vereinfachte obige Form nicht immer reicht. So erlebt am Samstagnachmittag. Ein HSV zu Gast im schönen Regensburg. Eine Kaffeefahrt mit Besuch der Walhalla, des Regensburger Doms und der ältesten erhaltenen Steinbrücke Deutschlands, die zu Vereinfachung Steinerne Brücke genannt wird, sollte es aber nicht werden. Der HSV ist in der Vorsaison vom „Jahn“ ganz schön vermöbelt worden. Egal von wo die Statistik betrachtet werden will, es bleibt brutal. Beispiel gefällig? 1:7 Tore, 0:5 Niederlage im heimischen Volkspark oder, und das ist das eindrücklichste Beispiel: Der HSV konnte noch nie gegen Jahn Regensburg einen Punkt holen!* Unter diesen Umständen also das nächste meet&greet. Vor dem Spiel wurden solche Statistiken natürlich und richtigerweise klein geredet. Beim HSV gab es im Sommer so einen massiven Umbruch und neue Spieler (auch einen ganz feinen Neuzugang aus den Regensburger Reihen), dass die schlechte Statistik nicht zu einem Kopfproblem werden würde, so sagten sie im Chor. Trotzdem, und es scheint der wichtige roter Faden zu sein, ziehen wir jetzt nochmal die Abseitsregel zu Rate. Verkürzt – siehe oben – funktioniert also nicht immer, deshalb hat der DFB diese und alle anderen Fußballregeln nochmal ausführlichst ausformuliert. Unter Regel 11, Abseits, steht dann folgendes:

„[…] 2. Abseitsvergehen

Ein Spieler, der sich zum Zeitpunkt, zu dem der Ball von einem Mitspieler gespielt oder berührt wird, in einer Abseitsstellung befindet, wird nur bestraft, wenn er aktiv am Spiel teilnimmt, indem er

  • durch Spielen oder Berühren des Balls ins Spiel eingreift, oder
  • einen Gegner beeinflusst, indem er
    • diesen daran hindert, den Ball zu spielen oder spielen zu können, indem er ihm eindeutig die Sicht versperrt,
    • eindeutig aktiv wird und so klarerweise die Möglichkeit des Gegners beeinflusst, den Ball zu spielen […]

4. Vergehen/ Sanktion:

[…] Ein Spieler des angreifenden Teams darf das Spielfeld verlassen oder außerhalb des Spielfelds bleiben, um nicht aktiv ins Spiel einzugreifen. Wenn der Spieler das Spielfeld von der Torlinie aus wieder betritt und sich am Spiel beteiligt, bevor das Spiel unterbrochen wird oder bevor das verteidigende Team den Ball in Richtung Mittellinie gespielt hat und dieser den Strafraum verlassen hat, gilt der Spieler im Sinne der Abseitsregel als auf der Torlinie stehend.

Wenn ein Spieler des angreifenden Teams zwischen den Pfosten im Tor stehen bleibt und der Ball ins Tor geht, zählt der Treffer, es sei denn, der Spieler begeht ein Abseitsvergehen oder einen Verstoß gegen Regel 12 (Fouls und unsportliches Betragen). In diesem Fall wird das Spiel mit einem indirekten oder direkten Freistoß fortgesetzt.[…]“

Long story short: Berührt der angreifende Spieler den Ball mit einem Körperteil, das hinter der Linie liegt, ist es kein Abseits.

Schön und gut, aber was ist passiert? In der ersten Halbzeit trifft Jahn Regensburg, die loslegen wie die bekanntliche Feuerwehr, zum 1:0. Aber der Regensburger Marco Grüttner, der im Tor der Hamburger liegt, hatte den Ball noch einmal an den Körper bekommen. Tor oder doch Abseits? Das muss untersucht werden und das kann mittlerweile untersucht werden. Seit dieser Saison gibt es ja auch den VAR in der zweiten Liga. „Endlich“, rufen die Regelnazis. „Da seht ihr´s“, die zynischen Fußballliebhaber. Nach abermaligen Studiums der Regeln wird jedem klar. Nein, Abseits war es nicht. Dass Spieler Grüttner im Tor liegt, ist komisch, aber nicht verboten (solange ohne Absicht) und er greift ja auch nicht mehr aktiv ins Geschehen ein.

„Hää? Aber er berührt doch den Ball, aus passiv wird aktiv!“

Ja, er berührt den Ball, aber erst hinter der Linie und damit im Aus bzw. da Spieler Grüttner sich ja im Tor wund liegt, eben im selbigen. 1:0. Was für ein Ding. Auf der Hans Jakob Tribüne wird der HSV schon als neuer Lieblingsgegner auserkoren. Die Hamburger dagegen sprechen es nicht aus, aber denken es sehr wohl: Angstgegner. Trotz des 2:2 am Ende.

Nun, dass hier aber lang und breit über eine Abseitsdiskussion gesprochen wird, die ja zu Recht bewiesen keine war, zeigt das Dilemma eines HSV-Fans einen HSV-Text zu schreiben. Auch im dritten Spiel gelingt dem HSV gegen die Bayern aus Regensburg kein Sieg. Das zumindest die „Glas ist halb leer“-Perspektive. Die „Glas ist halb voll“-Perspektive ist: Der HSV holt seinen ersten Punkt gegen Regensburg. Und Regensburg? Die haben super gespielt und mit viel Selbstbewusstsein – ob das nun genetisch ist oder mit den letzten Spielen gegen den HSV zu tun hat… – beinahe bitter nur einen Punkt geholt. So ehrlich muss man sein, in der härtesten Liga der Welt.

*Stand vor dem 8. Spieltag der Saison 2019/20

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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