traditionell zweitklassig

9. Spieltag: Hamburger SV – Greuther Fürth

Der Stoff auf dem die Träume sind

von Christoph Mack

Mittlerweile ist schon ein Viertel der Saison vergangen, die ersten Trainer sind entlassen worden, die Tabelle gewinnt von Spieltag zu Spieltag an Aussagekraft und einige vor der Saison noch ungleich unklarere Fragen wurden beantwortet.
Ja, der HSV wirkt stabiler und gefestigter als in der Vorsaison.
Ja, auch der Hauptaufstiegskonkurrent VfB Stuttgart kann verlieren.
Ja, Bakery Jatta ist wirklich Bakery Jatta und
Ja, Ruud van Nistelrooy kommt zu Rafael van der Vaarts Abschiedsspiel.

Mittlerweile ist schon ein Viertel der Saison vergangen, die ersten Trainer sind entlassen worden, die Tabelle gewinnt von Spieltag zu Spieltag an Aussagekraft und einige vor der Saison noch ungleich unklarere Fragen wurden beantwortet.
Ja, der HSV wirkt stabiler und gefestigter als in der Vorsaison.
Ja, auch der Hauptaufstiegskonkurrent VfB Stuttgart kann verlieren.
Ja, Bakery Jatta ist wirklich Bakery Jatta und
Ja, Ruud van Nistelrooy kommt zu Rafael van der Vaarts Abschiedsspiel.

Das Interesse an Fußball und dem HSV wurde ihr in die Wiege gelegt, das Interesse am anderen Geschlecht genetisch vorbestimmt und altersgemäß entwickelt. Zielscheibe ihrer Schwärmereien war seit Beginn der aktuellen Saison der neue Spielmacher der Hamburger, der blonde Sunnyboy Sonny Kittel. Schon bei seiner Präsentation als Neuzugang war er ihr sympathisch gewesen, als er dann am zweiten Spieltag sein erstes Saisontor erzielte, hatte er prompt eine Instagram-Fanpage mehr. Bei ihrem zweiten Besuch des öffentlichen Trainings traute sie sich, ihn im Anschluss um ein Autogramm und ein Foto zu bitten. „Viel Glück weiterhin“ wünschte sie ihm, nachdem er ihr ihren Wunsch erfüllt hatte und es sollte Wirkung zeigen: Drei weitere Saisontore und stabile Leistungen folgten. Das allgemeine Ansehen der Hamburger Nummer Zehn wuchs genauso wie Lenas Zuneigung.

Lange musste sie ihrem Vater nicht in den Ohren liegen – die Karten für das Heimspiel gegen die Spielvereinigung Greuther Fürth kaufte er ihr gern und so witterte sie ihre Chance zur vorläufigen Vervollkommnung ihres Fantums: Das im Spiel getragene Trikot des Idols musste her. Und um ihren Helden davon zu überzeugen, gerade ihr und nicht irgendwem anderen der 44 180 erwarteten Zuschauer sein Leibchen zu geben, musste sie ihrem Anliegen besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen, das war ihr klar.
In einem unbemerkten Moment stibitzte sie demzufolge ein altes Bettlaken, aus dem elterlichen Schrank, auf welchem sie ihrem Wunsch mittels eines Textilfarbstifts in großen Buchstaben Ausdruck verlieh. Zusammengefaltet in der Jackentasche schmuggelte sie das Stückchen Stoff ins Stadion, um bei der Verkündung der Mannschaftsaufstellung empfindlich getroffen zusammen zu zucken: Sonny Kittel saß nur auf der Bank – zum ersten Mal seit dem ersten Spieltag.

Sie verstand die Welt nicht mehr und Dieter Hecking schon gar nicht. Für den Hamburger Teamchef mochte es eine kleine taktische Variante gewesen sein, anstelle von Sonny Kittel mit Kapitän Aaron Hunt zu beginnen, für Lena war es ein Strich durch ihre eigens erdachte Gesamtstrategie, denn ohne Einsatz von Kittel konnte es kein Trikot für sie geben. Teilnahmslos ließ sie die erste Halbzeit über sich ergehen, der HSV erspielte sich eine Tormöglichkeit nach der anderen – ohne Erfolg. Für Lena war klar woran es lag.

Die Portion Pommes in der Halbzeitpause hellte ihre Laune kaum merklich auf. Denn der Trainer wechselte nicht – Sonny trabte nur gemächlich an der Seitenlinie auf und ab. Dafür traf Dudziak per Flugkopfball zur 1:0 Führung. Lenas Vater prostete seinem Sitznachbarn begeistert zu. Lena klatschte einmal in die Hände.

Hamburg blieb spielbestimmend, doch Greuther Fürth hatte plötzlich eine Riesenchance zum Ausgleich, die Lenas Vater zum ersten erwähnenswerten Tobsuchtsanfall brachten. Normalerweise strafte ihn Lena bei dieser Gelegenheit stets mit einem tadelnden Blick und Vater entschuldigte sich dann für gewöhnlich und bat sie eindringlich ihrer Mutter bloß nichts von seinen verbalen Verfehlungen zu erzählen. Heute blickte Lena stoisch an die Seitenlinie – und sah tatsächlich wie ihr Lieblingsspieler seine Dehnübungen abrupt unterbrach und gen Auswechselbank lief. „72 Minuten bis der endlich mal `nen Geistesblitz hat“ dachte sie in Richtung Hamburger Trainer, da leuchtete schon die Nummer 10 auf der Anzeigetafel mit Lenas Augen um die Wette. Bei jedem Ballkontakt entfuhr Lena ein Glucksen, bei jeder Ecke die er trat, applaudierte sie schallend. Nun war sie im Spiel, die Zeit schien fortan schneller zu verstreichen. Schon war die 85. Spielminute erreicht. Ein feines Zuspiel aus dem Mittelfeld flog in den Strafraum, Sonny Kittel hatte sich im richtigen Moment auf den Weg in den selbigen gemacht, nahm das Zuspiel zärtlich zungeschnalzend an und überlupfte den herauseilenden Torwart der Fürther. 2:0, die Entscheidung. Lenas Vater lag seinem Sitznachbarn in den Armen und bemerkte so nicht, dass seine Tochter aufgesprungen und die Treppen der Tribüne nach unten gerannt war, ganz nach unten, bis an die Bande, so nah ans Spielfeld heran wie es eben ging. Im Herunterlaufen griff sie in die rechte Jackentasche, zog das vorbereitete Laken heraus und als sie die letzte Treppenstufe erreicht und den Oberkörper über die Bande gebeugt hatte, entfaltete sie es und übermittelte ihre Bitte an den frisch gebackenen Torschützen:

„SONNY, darf ich dein‘ Kittel haben?“

Leider vermag ich weder zu wissen noch zu spekulieren ob dieser Antrag von Erfolg gekrönt war. Ich weiß auch nicht, inwiefern Sonny Kittel sich für Wortwitze empfänglich zeigt, noch dazu auf Kosten seines eigenen Namens.
Ebenso fraglich ist, ob der vor 26 Jahren nördlich der Mainlinie geborene Spielmacher überhaupt imstande war die Frage richtig zu verstehen? So ist der Ausdruck „Kittel“ als Beschreibung für mittellange Arbeitskleidung veraltet, noch dazu nicht im Sportjargon beheimatet und wird lediglich im süddeutschen Sprachraum für nahezu jedwede Art an Oberkörperbekleidung verwendet.

Wie dem auch sei, liebe Lena, ich hoffe, du hast dein Trikot bekommen – wenn nicht nach dem Spiel, dann hoffentlich nachdem Sonny Kittel das Hamburger Abendblatt aufgeschlagen hat.

Quelle: https://www.abendblatt.de/sport/fussball/hsv/article227289693/Sonny-Kittel-erzielte-einen-Treffer-fuers-HSV-Geschichtsbuch.html

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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