traditionell zweitklassig

9. Spieltag: VfB Stuttgart – Wehen Wiesbaden

Samsons Schicksalstage

von Simeon Boveland

Samson hatte es nicht leicht. Das war nicht schwer nachzuvollziehen. Ein Dreizehnjähriger, der Samson hieß, was könnte es schlimmeres geben? Was hatten sich seine Eltern dabei gedacht? In schwachen Momenten gestand er den beiden aber zu, dass sie sich was gedacht hatten. Samson, die lateinische Form von Simson, was auf hebräisch „der Sonne gleich“ oder „kleine Sonne“ bedeutete. Es entsprach einer der wenigen Leidenschaften seiner Eltern – tote Sprachen. Wie oft hatten sie ihm in den Ohren gelegen, wie nützlich Latein noch heute sei. Das Latinum und am besten noch das Greacum in der Schule machen, leichter würde er es woanders nicht bekommen. Sie bearbeiteten Samson so lange bis er auch Latein in der 7. Klasse gewählt hatte. Das war Anfang des Schuljahres gewesen und ein Fehler. Die Eltern wollten alles wissen, helfen, wo sie konnten und wo sie nicht konnten. Es war ein Kreuz Altphilologen als Eltern zu haben, dabei war er wohl der einzige Dreizehnjährige, der überhaupt das Wort Altphilologe kannte. Zugegeben, „kleine Sonne“ das war auch ein bisschen süß, aber damit konnten seine Mitschüler natürlich nichts anfangen. Mit Samson, dem dicken, fetten Plüschbären aus der Sesamstraße hingegen schon. Diesen Gedanken musste Samson gar nicht weiterdenken, aber wenn er es recht betrachtete, dann war das auch nicht sein einziges Problem. Nicht nur gestraft mit einem Namen, der ein Elfmeter für jede Hänselei war, hatte Samson noch eine weitere Achillesferse. Als Stuttgarter und Sohn von Stuttgartern im Epizentrum der VfB-Hochburg lebend, war Samson Wehen-Fan. Ein Ding der Unmöglichkeit. Samson verstand, dass die anderen ihn nicht verstanden. Es gab ehrlicherweise keinen einzigen Grund, warum ein Kind Fan vom SV Wehen Wiesbaden sein sollte. Was als Kind bei der Wahl eines Vereins zählte: Gewonnene Meisterschaften und Pokale im Allgemeinen. Größe des Vereins und Zahl der Fans. Gründungsdatum des Verein (je älter, desto besser – klar!). Größe des Stadions. Höchster Sieg. Dauer der Ligazugehörigkeit in der Bundesliga (im besten Falle Gründungsmitglied). Das waren Meilensteine. Wehen Wiesbaden hingegen kam nicht mal aus Wiesbaden. Samson mit seinen sieben Jahren „Fanseins“ konnte fast Gründungsmitglied des 2007 von SV Wehen 1926 – Taunusstein umbenannten SV Wehen Wiesbaden sein. Aber so ist es im Fußball, das wusste Samson aus einer inneren Wärme heraus, aber seine Umwelt sah das anders. Sein Vater, ein ausgemachter Fußballbanause, fiel bei jedem Wehen-Spiel nur auf, dass das W im Wappen Wehens ihn immer an die SG Wattenscheid erinnerte, „die doch auch mal in der Bundesliga gespielt haben, in den Neunzigern muss das gewesen sein.“ Nervig, aber erträglich. Bei Freunden und Mitschülern sah das schon anders aus. Erschwerend natürlich, dass er mit seinem Gymnasium in Untertürkheim auch noch eines dieser Gymnasien erwischt hatte in dem besonders auf den Sport-Zweig gebaut wurde. Nicht nur allgemein eine Eliteschule des Sports, sondern auch des Fußballs und einige der (angehenden) Stuttgarter Fußballprofis hatten dort mit Ach und Krach ihr Abitur gemacht. Hier stellte sich eher die Frage, ob VfB oder Kickers und das war schon eine, je nach Körperbau, existentielle. Bayernfans gab es natürlich überall und waren auch überall geduldet. Bei Traditionsvereinen würde man vielleicht eine Ausnahme machen. RB wegen Werner allerhöchstens, aber alles darüber hinaus? No go. Noch schlimmer war alles, was darunter hinaus ging. Kaliber: Sandhausen, Darmstadt, Wiesbaden. Es ergab also alles keinen Sinn und Samson wusste sogar im Innersten, dass selbst die Wiesbadener lieber Mainz-Fans wären, aber seit er mit seiner Mutter auf Kur in der Nähe von Taunusstein war, lebte und liebte er Wehen. Da kam Wehen nämlich her – Taunusstein, du Perle Südhessens – und Samson wusste das. Er wusste, dass es der Marketingcoup eines Vereins war, der endlich im Souterrain der Beletage angekommen war. Natürlich klang Wehen Wiesbaden besser, immerhin war Wiesbaden die Landeshauptstadt und die brauchten natürlich Profifußball und der SV Wehen 1926 – Taunusstein ein neues Stadion. Das wusste er jetzt und heute, aber damals, als er mit sechs Jahre dort war, da mochte er nur die Trikots und den ersten Fanshop in dem er jemals war. Wie auch immer, es war lange alles nicht so wild, weil Wehen Wiesbaden unter dem Radar schwamm. Dritte Liga, da tuste keinem weh. Sein bester Kumpel versuchte immer wieder ihn zum VfB zu bekehren, bloß nicht Kickers. Dann lieber HSV oder Köln, unter Umständen sogar Dortmund. An Tagen schlimmster Traktion tröstete dieser Freund sogar: „Weißt du was? Wehen, das ist immer noch besser als Werder Bremen, Schalke oder Frankfurt. Ey, die Fans sind irgendwo ganz falsch abgebogen.“

Aber seit dem Sommer konnte er nicht mehr richtig gut schlafen. Wehen Wiesbaden war aufgestiegen. Normalerweise Grund zum Feiern, machte ihn diese Tatsache nach den Relegationsspielen nervös. Und damit meinte er nicht nur die Relegationsspiele von Wehen. Auch in der Bundesliga-Relegation ereignete sich unerwartetes. Ergebnis: Wehen Wiesbaden und der VfB Stuttgart waren nun in einer Liga und Samson konnte es drehen und wenden, eines Tages würden sie gegeneinander spielen und Samson wusste im Sommer schon, dass dies schneller passieren würde als er wollte. Und nun war es soweit. Die Fronten waren soweit geklärt. Der Erste gegen den Letzten. Samson wusste aber, egal wie das Spiel ausging, es würde nur einen Verlierer geben – ihn. Vor dem Spiel die bekannte Anspannung und als Manuel Schäffler Fußballgott in der 3. Minute traf, war Samson froh, dass es nicht zu Null ausgehen würde. 1:1, alles im Soll. Nichts los. Aber dann 1:2, wieder dieser wahnsinnige Schäffler auf Einladung der Stuttgarter Abwehr. Dann nichts mehr, dann Halbzeit, dann Papas blöder Wattenscheid-Spruch und langsam ging Samson die Düse. Stuttgart klar besser, die hatten schon x-mal Alu getroffen. Samson überraschte sich selber, er wünschte dem VfB ein Tor. Erst noch ganz zaghaft, aber als die Zeit weiter und weiter voranschritt, immer doller. Ein Ausgleich wäre mehr als verdient, rechtfertigte sich Samson vor sich selbst. Die letzten 10 Minuten drückte er sogar aktiv die Daumen und biss so sehr die Zähne zusammen, dass sein Vater besorgt in seine Richtung schaute. Aber alles hoffen und bangen umsonst. Nun lag Samson im Bett. Zwei Tage und drei Nächte hatte er jetzt Zeit sich sein Vorgehen am Montag zu überlegen. Er dachte sogar darüber nach am Montag gar nicht erst in die Schule zu gehen – Gott sei Dank war es kein Montagspiel gewesen. Er legte sich Ausreden parat: Glück gehabt, der VfB hätte es verdient, blindes Huhn, am Ende steigt ihr auf und wir ab, kannst du nichts machen, Fußballgott, gibt ja noch ein Rückspiel, darf man jetzt alles nicht zu hoch hängen… Aber plötzlich warf Samson sich in seine Kissen und schrie so laut er konnte hinein. Sieg! Gegen den Tabellenführer! Schäffler, du Hundelunge!

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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