traditionell zweitklassig

10. Spieltag: VfB Stuttgart – Holstein Kiel

Erfüllte Erwartungen

von Christoph Mack

Die S1 kommt pünktlich, ist gut gefüllt und eine Vierersitzecke riecht nach mittelaltem Erbrochenen. Station für Station passt sich das Farbenspiel der Insassen der äußeren Gestalt des öffentlichen Nahverkehrsmittels an – der ganze wilde Süden strahlt in weiß und rot. Die Schals an den Hälsen erinnern an internationale Spitzenspiele aus dem letzten Jahrzehnt, Nummern und Namen auf den Rücken der Anhängerschaft zeugen von Klassespielern und Karteileichen. Am Neckarpark entleert der Schlachtenbummelzug seine frenetische Fracht und mit dem weiß-roten Strom lasse ich mich treiben – hin zu meinem ersten Stadionbesuch der laufenden Saison.

Zum zweiten Mal ist der VfB nun schon binnen kürzester Zeit in die zweite Liga abgestiegen. Zum zweiten Mal vermeldet der Verein ungeachtet dessen Dauerkartenverkaufsrekorde und steigende Mitgliederzahlen. Auch in dieser Spielzeit ist man in der zweitklassigen Zuschauertabelle unangefochten auf dem ersten Rang. Die gesamte zehnminütige Wanderung von der Bahnstation zum ausgemachten Treffpunkt mit Sports- und Busenfreund Max mache ich mir Gedanken, welche Gründe diese, rational nicht ohne weiteres zu erklärende, Entwicklung haben könnte. Die Ticketpreise sind nicht exorbitant gesunken, die Aussicht Spiele zu gewinnen dagegen nur tendenziell gestiegen. Die Anstoßzeiten sind verbraucherunfreundlicher geworden, die Gegner unattraktiver.

Max begrüßt mich mit einem angenehm kühlen Radler aus der Dose und der Dauerkarte eines verhinderten Kumpels. Der Plausch über das zu Ende gehende Wochenende wird bald von Fachsimpelei über die just veröffentlichte Mannschaftsaufstellung abgelöst. Ein paar Zeigerumdrehungen später haben wir unsere Plätze eingenommen, wie 54 174 andere Menschen auch. Alle in freudiger Erwartung des Heimspiels gegen Holstein Kiel, einen Gegner aus dem hinteren Tabellenmittelfeld – so scheint es.

Mit dem Anpfiff trudeln auch unsere unmittelbaren Sitznachbarn ein, man kennt sich, begrüßt sich teils mit Handschlag, teils mit vielsagenden Blicken. „Alles Dauerkarteninhaber“ erklärt Max, der Ball rollt derweil durch die Stuttgarter Reihen. Mit gefühlt 102% Ballbesitz waltern die weiß-roten Leistungssportler um den Strafraum der sogenannten Störche aus Kiel. Engagiert doch noch ohne zwingende Ideen. So mancher Pass verfehlt sein Ziel und ein unnötiger Stockfehler nötigt unseren Vordersitzer zur ersten spöttischen Bemerkung: „Zweite Liga Premium“ sei das Dargebotene. Die erste Halbchance des VfB, die von einem Kieler Abwehrbein geblockt wird, kommentiert er mit: „Blindes Draufgebolze.“ Die Erwartungshaltung in diesem Block auf der Gegengerade scheint demnach eine Besondere zu sein, die Zündschnüre der Zuschauer dazu besonders kurz. In Minute 18 erhebt sich unser Nebensitzer das erste Mal von seinem Stuhl, nicht um der gesanglichen Aufforderung aus der Kurve („Steht auf wenn ihr Schwaben seid“) Folge zu leisten, sondern um seinen Unmut in Form einiger langer und gellender Pfiffe Ausdruck zu verleihen. Selbst die für gewöhnlich überkritischen Haupttribünensitzer sind noch still, aber nachdem in der 33.Minute der Führungstreffer noch immer nicht gefallen ist, bekommt der Erstpfeifer die erwartete Unterstützung aus dem eigenen Block. „Unglaublicher Fußball“ – der Zyniker in der Reihe vor uns klatscht höhnisch. Als der Stuttgarter Stürmer Silas mit einem Schuss an die Torlatte dem Erfolg bedenklich nahekommt, bringt er dann aber zumindest ein authentisches „Puh“ über die Lippen. Die Halbzeitpause verbringt die Bruddlerbande geschlossen am Bierstand, während Max und ich zu erörtern versuchen, was dem Spiel der Stuttgarter den erfolgbringenden Kick geben könnte, der gegebenenfalls auch unsere Umsitzenden zumindest temporär in Verzückung versetzen dürfte.

Doch mit Beginn des zweiten Spielanschnitts wird schnell deutlich, dass jede Hoffnung auf eine effektvolle Wendung des Spiels vergebens sein sollte: Innenverteidiger Holger Badstuber wird nach wiederholt ruppigem Einsteigen mit der gelb-roten Karte des Feldes verwiesen und reiht sich beim Verlassen des Rasens spielend leicht in die Verbalaggression unserer Sitznachbarn ein. Bald darauf findet eine Kieler Kopfballbogenlampe aus heiterem Himmel den Weg ins Stuttgarter Gehäuse – 0:1. Das lässt den VfB und seine Anhängerschaft verzweifeln und während sich die Spieler mit den weißen Stutzen an der norddeutschen Defensive die Zähne ausbeißen, pfeifen die sogenannten Fans durch die selbigen. „Sammal geht’s noch?! GRAUSAM!!!“ entfährt es unserm Vordermann; „PFUI!!! Dusel hoch zehn“ gibt sein Nebensitzer nach einer vergebenen Kieler Konterchance zu bedenken. „Was für ein MÜLL!!“ Der Mann direkt neben uns vergräbt den Kopf in seinen Händen und tippt, dank übergroßem Handydisplay und ausbaufähiger Schreibgeschwindigkeit auch für mich gut sichtbar, eine Chat-Nachricht an einen Hannoveraner Leidensgenossen: „Mit uns geht’s drastisch bergab – Walter Fußball ist gescheitert“. Nun wird auch noch Stürmerstar Mario Gomez eingewechselt und während ich auf den Pizarro-Effekt hoffe, in den Super-Mario mit seinen jugendlichen 34 Jahren zugegebenermaßen erst noch hineinwachsen muss, spottet ein weiterer Zuschauer: „Wie kann man so ne Pfeife einwechseln?! Vier Millionen verdienen und es kommt nichts. Nada. Nossing…“
Mein gedachtes Kompliment ob der Mehrsprachigkeit dieses Ausspruchs wird vom Schlusspfiff übertönt, der die Gewissheit bringt, dass wirklich nichts (Nada. Nossing) mehr passiert. Der VfB verliert auch das zweite Heimspiel hintereinander – wieder gegen einen vermeintlichen Abstiegskandidaten. Um uns herum wird abgewunken, es werden Köpfe geschüttelt, gepfiffen wird auch.

Die Antwort auf meine anfänglich gestellte Frage nach einem plausiblen Grund für die weiterhin hohen Zuschauerzahlen scheint weiter entfernt denn je. Max und ich lassen die Klappsitze hochschnellen und sind schon im Begriff uns in den Storm der fluchtartig das Stadion verlassenden Menschenmasse einzugliedern, als uns ein Dialog aus der Reihe vor uns aufhorchen lässt, den ein vorbeigehender mit dem besonders begabten Bruddler vor uns führt:

„Schönen Sonntag no‘!“
„Jo, gleichfalls.“
„Wobei: scho‘ versaut oder?“
„Naja, I hans g‘wusst wieder!“
„Hasch Recht.“
„Also bis näggschdes Mal“
„Ade.“

Das muss es sein: „I hans g‘wusst wieder!“ Hier liegt der Grund begraben. Der VfB erfüllt schlicht und ergreifend stets die ureigenen, teils verborgenen Erwartungen der schwäbischen Fanseele. Und das mit einer traumwandlerischen Sicherheit nach der man die Stadionuhr stellen könnte. Auf was kann man sich noch verlassen in dieser schnelllebigen Zeit? Das Stadionbier hat nur noch weniger als 5 % Alkohol als früher, die Sportvorstände kommen und gehen im Wochenrhythmus und im Gleichschritt Trainern und Spielern, die Gegner heißen nicht mehr München, Dortmund oder Schalke. Doch das Aufregungspotential dieses provinziellen Großstadtklubs bleibt bestehen und wird wohl niemals untergehen. Wo kann man sonst noch ungestraft und gleichzeitig berechtigterweise fluchen und zetern? Beim VfB.
Wo wird dieses Verhalten noch so vorbehaltslos geteilt und unterstützt? Beim VfB. Wo gibt es denn noch so einen Rummelplatz der gereizten Rhetorik? Nur beim VfB.
Der VfB ist das gern genommene, allgemein verträgliche, kollektiv verbindende Ventil für jegliche Unausgeglichenheit mehrheitlich maskuliner Menschen – und bestätigt dies Woche für Woche.
Zu den Klängen der ehemaligen Vereinshymne „VfB, I steh zu dir“ verlassen wir die Arena. Und mir scheint etwas klarer geworden zu sein, warum dieser Satz für Stuttgarter Fans gerade in Zweitligazeiten eben doch nicht nur ein loses Lippenbekenntnis darstellt.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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