traditionell zweitklassig

10. Spieltag: Arminia Bielefeld – Hamburger SV

Wochen der Wahrheit

von Simeon Boveland

Es sind die Wochen der Wahrheit, die vor dem HSV liegen und von denen Dieter Hecking nichts wissen will. Die stoische doch menschliche Gebetsmühle hat schon einiges erreicht in Hamburg. Zusammen mit dem Überraschungscoup Jonas Boldt hat der Fingerspitzen-Grantler den HSV aus einem hochmütigen, aber hässlichen Schwan eine unansehnliche Ente in der Pubertät gemacht. Die Hoffnung, dass darunter etwas Schönes zum Vorschein kommt ist groß, so recht dran glauben mag aber noch niemand. Nur die Entenpapas Boldt und Hecking stellen sich vor ihren Nachwuchs und regieren mit Zuckerbrot (nach außen) und vermutlich Peitsche (nach innen). Das Ergebnis: In den letzten Monaten wurde auch mal wieder positiv über den HSV berichtet. Und so leiert die Gebetsmühle Hecking also weiter und wieder und wieder die Floskeln und Phrasen, die den alten DSF-Redakteuren die Dollarzeichen in die Augen zaubern. „Im letzten Jahr konnte sich der HSV auch nichts von der Herbstmeisterschaft kaufen.“ Usw, usf.

Und wahrscheinlich hat er recht. Zwar ist der HSV vor dem 10. Spieltag die beste Mannschaft der 2. Liga (ja, ja, liebe Stuttgarter es ist eine bessere Tordifferenz von 8 Toren), aber diese bisher beste Mannschaft der Saison 2019/2020 muss gegen die bisher beste Zweitligamannschaft des Jahres 2019 ran. Und das ist ja noch nicht alles. Was schwer genug gegen die Ostwestfalen aus Bielefeld werden kann, wird noch doller, wenn es nach dem Spitzenspiel zum Gigantenduell gegen den VfB geht. Erinnerungen an 2009 und die vier Spiele gegen Werder Bremen in drei Wochen werden wach. Diesmal also gegen den großen Liga- und Traditionskonkurrenten aus dem Schwabenland und das gleich zweimal. Dank der Losfee Christoph Metzelder finden aber beide Spiele in Hamburg statt, ein Umstand, der mir persönlich nur etwas ausmacht, weil ich die Spiele nicht live im Stadion sehen kann.

Wenn Hecking mich so sprechen hören könnte, dann würde es vermutlich einen Satz heiße Ohren geben. So oder so ähnlich würde es dann klingen: „Der HSV denkt nur von Spiel zu Spiel“, „wir tun gut daran Bielefeld nicht zu unterschätzen“, aber trotzdem: „Das ist kein richtungsweisendes Spiel“, „die Tabellenführung bedeutet am 10. Spieltag gar nichts“, und stark redend: „Es ist nicht überraschend, dass die Arminia da oben steht“, zum Schluss dann noch: „Wir müssen beweisen, dass wir da oben hingehören.“, „die Mannschaft muss noch viel lernen“, „wir sind noch nicht da, wo wir sein wollen“ und bekräftigend nochmals wiederholen: „Das nächste Spiel ist für uns das wichtigste Spiel.“[1]

Mensch, der Dieter ist mit allen Wassern gewaschen. Sein Wort Gesetz. Auf ihn Verlass. Wenn er das so sagt, dann ist das so. Natürlich. Natürlich ist das Spiel gegen die Bielefelder Arminia kein Selbstläufer, im Gegenteil. Selbst wenn die Ostwestfalen einen sondergleichen Rotz zusammenspielen sollten, die haben vorne immer noch den Hünen Klos, dem nur ein langer Ball richtig auf die Platte fallen muss. Und so entwickelt sich ein richtig gutes Fußballspiel. Der HSV, der gut reinkommt, mit einem kritisierten und engagierten Hinterseer. Erst ein Schuss zum Warm werden und dann die feine Vorlage von Edmundsson, die Hinterseer nur verwandeln muss. Dann – und in der zweiten Halbzeit – ein richtig gutes Spiel. Arminia jetzt auch gut in der Partie und letztendlich mit einem nicht unverdienten Ausgleich. Klos, klar. Mit dem Kopf, wie sonst. Ich will mich gar nicht aufregen über ein etwaiges Foul (vor dem Eckball!). Der VAR hat mir jeden Zorn genommen, auch wenn er dafür keine Gerechtigkeit gebracht hat. Aber da ist Vagnoman auch noch nicht Fuchs genug. Wenn im nächsten Jahr David Jarolim das Taktik-Training übernimmt (oder übernehmen sollte), dann klappt das auch, aber so sieht es einfach nur doof aus.

Am Ende des Spiels möchte ich nun wirklich Hecking zitieren. Das hat er schon vorher gesagt und es ging um die Länderspielpause: „Für die, die [gestern] gewonnen haben, war die Pause gut, für die, die verloren haben, war sie scheiße.“ Und die, die unentschieden gespielt haben sind unentschieden, ob die Pause gut oder scheiße war. So einfach ist Fußball. Nun heißt es wieder von Spiel zu Spiel denken. Für die Vorbereitung wird es leicht. Zu den nächsten beiden Heimspielen empfängt der HSV ja den gleichen Gegner. Es sind Wochen der Wahrheit.

[1] So oder so ähnlich könnte er es gesagt haben.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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