traditionell zweitklassig

18. Spieltag: SV Darmstadt – Hamburger SV

Aufstieg

von Simeon Boveland

Schon seit Anbeginn der Zeit stellen sich Menschen auf Bretter und verhindern so in schneereichen Gebieten im Schnee zu versinken. Tatsächlich soll es in Skandinavien Höhlenmalereien von den ersten Menschen auf Skiern geben. Natürlich die Skandinavier! Die haben bewiesenermaßen ordentlich Schnee vor der Hütte. Und alles was wir über das Skifahren wissen, wissen wir von denen da oben. Telemark zum Beispiel ist eine Provinz in Norwegen. Dort hat Sondre Norheims eine Bindung entwickelt, die Skifahrer noch heute kennen und benutzen. Ganze Landungen wurden nach dieser Provinz benannt. Natürlich blieb das kein Geheimnis. Aus der Not heraus erfunden, entwickelte sich der Ski zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung, die sich krankhaft ausbreitete und das verlief meistens so:

Zuerst mussten Mensch und Gesellschaft die Industrialisierung hinter sich lassen. Währenddessen war an Freizeitbeschäftigung nicht zu denken. Dann brauchte es junge Menschen, die diese Leidenschaften in andere, fremde Landstriche trugen – Studenten! Stark runtergebrochen brachten so junge Skandinavier die Ski in die Alpen und junge Engländer den Fußball nach Deutschland. Zufall, dass sich beide Sportarten, respektive Sportvereine, in der gleichen Zeit, nämlich Ende des 19. Jahrhunderts, etablierten? Das darf als offene Frage im Raum Internet stehen bleiben. Fakt ist: Es gab ihn nun, den alpinen Skisport. Was neu ist, muss aber organisiert und entwickelt werden. Skilifte und regelmäßige Wettkämpfe und 1931 wurde dann die erste alpine Skiweltmeisterschaft in Mürren ausgetragen.

Nur 478 Kilometer entfernt und ein Jahr und 6 Tage nachdem der Schweizer David Zogg in Mürren erster Weltmeister und Landsmann Toni Seelos Vizeweltmeister im Slalom wurden, kam Ernst Hinterseer zur Welt. Quasi auf Skiern, in Kitzbühel. Damals war Kitzbühel noch ein kleiner Ort am Fuße des Hahnenkamms, heute ist es der Nabel der Wintersportwelt. Das Hahnenkammrennen mit der Streif gehört zu den legendärsten und gefährlichsten Rennen der Welt. Nun wuchs Ernst Hinterseer also dort auf, wo es nun Skifanatisten hinzieht und natürlich fuhr auch er Ski, als wäre er auf Skiern geboren worden, aber weit davon entfernt ein Skistar zu werden. Bodenständig eben, wie die Kitzbüheler damals waren. Seine Eltern waren Bauern und der Junge wollte Senner (Hirte) werden und sollte es dafür nicht reichen dann eben auch Bauer. Ein Junge, tief verwurzelt mit seiner Heimat. Wenn man den alten Hinterseer heute trifft, wenn er im Sommer den Hahnenkamm runterwandert oder im Winter noch ab und zu auf der Piste steht, dann hört man ihn singen oder jodeln. Alte Volkslieder. Das Schuhplattlern hat er mittlerweile an den Nagel gehängt, aber zu besonderen Anlässen verleiht er seiner Heimatverbundenheit einen besonderen Ausdruck und singt, am liebsten mit dem Jöchl Leo und dem Eberharter Pepi. Seine wahre Leidenschaft aber war immer das Skifahren und der Junge hatte Talent. Er schmiss seine Lehre zum Zimmerer, der Traum des Senners hatte sich wohl inzwischen erledigt, und fuhr als Skiläufer Titel und Erfolge sein. Weltmeister und Nachfolger von David Zogg und sogar Olympiasieger wurde er. Heute wünscht sich der 87-jährige nur noch Gesundheit und erfreut sich an seine Familie. Seine Leidenschaften hat er noch, hat sie aber auch rechtzeitig weitergegeben. Sein erster Sohn Hansi hat gleich alles abbekommen. Das Skifahren, aber auch die Volksmusik, und auch die anderen Söhne Guido und Ernst der Jüngere haben von der Sportbegeisterung geerbt und weitergeben. Guidos Sohn trug es aber raus aus den Bergen. Auf die Skier stellt er sich zurzeit nicht so häufig, aber gerne zu Hause ist er. Bei seinem neuen Verein hat er dafür sogar alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass er wenigstens in der Vorbereitung nochmal in seinem alten Kinderzimmer schlafen konnte. Der Weg nach Hamburg ist doch sonst sehr weit. Wie beschwerlich der Weg nach Hamburg und von da aus nach oben ist, das durfte Lukas inzwischen feststellen. Zum Jahresende und kurz nach der Saisonhalbzeit hat der Gipfelstürmer in bester Skifahrer-Manier mal wieder das Tor getroffen. Für den Sieg hat es nicht gereicht, aber das Ziel ist klar: Aufstieg! Und damit müsste sich der Österreicher ja eigentlich auskennen.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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