traditionell zweitklassig

14. Spieltag: VfB Stuttgart - Karlsruher SC

Besonders besonders

von Christoph Mack

Fangen wir heute mal da an, wo wir meistens aufhören: Der VfB hat das baden-württembergische Derby gegen der Karlsruher SV mit 3:0 für sich entschieden. Soweit die Fakten. Doch was war das denn jetzt, dieses besondere Spiel, zu diesem speziellen Zeitpunkt unter den nicht alltäglichen Randbedingungen?
Balsam für die schwäbische Seele? Opium fürs Volk? Wasser auf die Mühlen der Euphoriker? Wind in den Segeln der Skeptiker? 
In den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke, welche zuverlässig sowohl einen authentischen Einblick in die schwäbische Fan-Seele geben als auch diesen Blog regelmäßig inspirieren, ist man sich traditionell uneinig. Die Einschätzungen reichen von einem „souveränen Erfolg“ bis hin zu einem „Dusel-Ding“. Eingeleitet durch ein „Glücksf*ckertor“ würde Alois Schwarz anmerken. Die größte übereinstimmende Schnittmenge findet sich in folgenden Themengebieten.

  1. Am Sonntag feierte der VfB seinen bislang höchsten Saison-Sieg. 
    Zum zweiten Mal spielte der VfB in dieser Saison zu Null. Beides hatte Tim Walter in der Pressekonferenz vorausgesagt. Demzufolge ist die Mannschaft mittlerweile imstande die Vorstellungen (respektive: die Prophezeiungen) des Trainers umzusetzen.
  2. Wataru Endo: „Bissig“, „fleißig“, „passgenau“. Drei Attribute des Spielers mit der Rückennummer Drei, der bislang erst genauso viele Einsatzminuten verzeichnet hatte, im Derby jedoch von vielen zum Spieler des Spiels gekürt wurde. Wataru Endo, bis dato nur regelmäßigen Traditionell-Zweitklassig-Lesenden ein Begriff, überzeugte und katapultierte sich damit in die Notizbücher diverser Journalisten, die bei der nächsten Pressekonferenz den Cheftrainer garantiert fragen werden, warum er so lange auf einen Startelf-Einsatz warten musste.
  3. Ganz im Gegenteil dazu die Meinungen über einen Altgedienten: Mario Gomez enttäuschte die Anhängerschaft. „Phlegmatisch“, „unsäglich“ und „grottenschlecht“ so die angebotenen Attribute in den mehr oder weniger sozialen Medien. Ein vorgezogener Beginn seiner Trainerkarriere wird vorgeschlagen.

Und hier muss ich entschieden einschreiten und vom Darlegen von Fakten zum Brechen von Lanzen übergehen.

Zugegeben, Mario Gomez mag mittlerweile den Zenit seines Mittelstürmerdaseins überschritten haben, und ja, Tim Walter neigt mitunter zu übertriebenen Aussagen, aber dieser Mario Gomez, der 34-jährige, zeitweilige Vorruheständler, ist für dieses Team des VfB Stuttgarts tatsächlich von dem unschätzbarem Wert, dem ihn sein Trainer in jeder Pressekonferenz bescheinigt.

Das Interview, welches Gomez im Anschluss an das gewonnene Derby mit dem SWR führte, öffnete mir persönlich die verklärten Augen. Denn selten hörte ich einen Fußballer meines Herzensvereins so reflektiert, so klar analysierend, so klug und wohlüberlegt sprechen. 
Er bleibt auf dem Teppich, als einer der Wenigen bricht er die Partie gegen den KSC auf das herunter was es im Kern ist – ein Fußballspiel. Ein wichtiges zwar, aber kein überlebenswichtiges, kein Krieg. 
Er relativiert die Unruhe im Umfeld. Er mahnt die Medien zu mehr Fingerspitzengefühl und weniger reißerischer Berichterstattung.
Er erinnert an das junge Durchschnittsalter der Mannschaft.
Er kritisiert gar das teils aufbrausende Naturell des eigenen Trainers und er lobt Dieter Hecking, den Übungsleiter des direkten Aufstiegskonkurrenten HSV.

Die auf der Hand liegende Frage: Warum macht der das?
Die kinderleichte Antwort lautet: Weil er es kann.

Mario Gomez ist sich seiner Position auf und neben dem Platz wohl bewusst, gibt zu, dass er im Spiel nicht mehr der Spritzigste ist und lässt sich dementsprechend klaglos aus- oder einwechseln; nicht viele Akteure mit einer vergleichbaren Vita wären derart demütig. 
Auf der mentalen Ebene ist er aber so wichtig wie nie zuvor, hier spielt er jetzt seine geballte Lebenserfahrung aus, denn wenn sich ein weltbekannter Stürmerstar und sein weniger üppig dekorierter Vereinstrainer in sachlich authentischer Art öffentlich kritisieren dürfen, ohne dass dies das Loyalitätsverhältnis der beiden negativ berührt, ist das meines Erachtens ein großer Gewinn für den Club. Und gerade deswegen ist es so wichtig, dass dieser Mario Gomez eben noch NICHT Trainer ist, sondern immer noch Teil der Mannschaft. Denn in dieser Position kann er vermitteln und die teils vehement vorgetragenen Verbalbotschaften des Coaches „übersetzen“. Für die jüngeren Mitspieler, für die Medien und für die Fans. Das tut er pflichtbewusst und mannschaftsdienlich und nicht zuletzt, weil er sich mit dem VfB Stuttgart identifiziert. Und gerade deswegen dürfte ihn der Sieg gegen den Karlsruher SC insgeheim doch besonders gefreut haben.

Zum Schluss noch eine kleine Waltersche Prophezeiung meinerseits: Mario Gomez schießt in dieser Saison mindestens zehn Saisontore.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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