traditionell zweitklassig

13. Spieltag: VfL Osnabrück - VfB Stuttgart

Clueso - Gewinner

von Simeon Boveland

Aus den Boxen schallt Clueso und bläuliches Bildschirmlicht dient dem Mann vor dem Laptop als einzige Lichtquelle.

„An allem was man sagt, an allem was man sagt, ist auch was dran.
Egal wer kommt, egal wer geht, egal es kommt nicht darauf an.
Ich glaube nichts, ich glaub an dich, glaubst du an mich, ich glaub ich auch.
Ich frage mich, ich frage dich, doch frag ich nicht, fragst du dich auch.“

„An allem was man sagt, an allem was man sagt, ist auch was dran.“ Die Schubibar hängt mir noch in den Klamotten. Wieder einmal. Wieder einmal die Schubibar. Es ist der melting pot in allen Facetten des Begriffs. Da kommen die Leute zusammen, arm und reich und jung und alt, und dort am Tisch – außer am Stammtisch – ist auch ein Plätzchen für dich frei. Eingeladen auf eine Halbe. Ab der zweiten und dem richtigen Ergebnis auch ein paar Erdnüsschen. Am Samstag gab es keine, aber die Gäste, die Seele der Schubibar, zürnten. 80 Millionen Bundestrainer im Land, so heißt es. Und alle Schubibar-Dauerkartenbesitzer sind die besten VfB-Trainer. Sie alle wissen es besser und an allem was sie sagen, ist auch was dran. Zumindest an vielem und so können wir einfache Fußballgänger es nicht fassen. Wie titelte der Kicker so liebevoll: „Nach der Krise ist vor der Krise: Man wähnte sich schon wieder in der Spur. Dann kam Osnabrück und die vierte Niederlage der Stuttgarter in den jüngsten fünf Ligaspielen. Nach der Krise ist vor der Krise und der VfB ins Hintertreffen geraten auf dem Weg zum erhofften Aufstieg.“ Nach der Krise ist vor der Krise. Wunderbar, wäre es nicht so zermürbend. Es ist nämlich auffällig wie schwer sich der VfB gegen Mannschaften aus den unteren Tabellenregionen tut, also gegen Mannschaften, die spielerisch vor allem selten stattfinden, aber um jeden phrasenschweinischen Grashalm kämpfen. Nun, die Vergangenheit lehrt aber auch Demut, die auf einige Fans schon abfärbt. So auf diesen, der weise, hoffnungsfroh und sinngemäß feststellte: „4 Niederlagen aus 5 Spielen und immer noch 3 Punkte hinter dem Tabellenführer.“ Mittlerweile und nach dem Sieg des neuen Tabellenführers aus Bielefeld sind es zwar 5 Punkte, aber die Botschaft ist klar. Das ist nicht alles Gold, aber noch ist nichts passiert. Und das ist ein Wunder, das nicht immer mit „der stärksten (2.) Liga der Welt“ umschrieben werden kann. Die „Großen“ haben Probleme. Punkt. Nicht, dass die Leistung von Arminia Bielefeld – vor allem nach dem Lauf der letzten Rückrunde – überrascht, hingegen das Abschneiden der beiden HSVs aus dem Norden, der Nürnberger Franken und der Schwaben schon.

„Ich bin dabei, du bist dabei, wir sind dabei uns zu verlieren.
Ich bin dabei, bist du dabei, sind wir dabei uns zu verlieren.
Ich bin dabei, du bist dabei, wir sind dabei uns zu verlieren.
Ich bin dabei, bist du dabei, bin ich dabei uns zu verlieren.“

Das haben sich alle anders vorgestellt. Allen voran natürlich der 1. FC Nürnberg und Hannover 96, da läuft ja gar nichts, dagegen ist es beim HSV und dem VfB jammern auf hohem Niveau, aber es ist eben kein unberechtigter Jammer. Man wollte oben mitspielen, unter den Top 5, und am liebsten einen beruhigenden Abstand auf Platz 6 haben. Dass nun die Reihenfolge Bielefeld, Hamburg, Stuttgart, Heidenheim, Aue ist, kommt dann doch überraschend. Problem und Grund zur Sorge ist die nicht abzuzeichnende Verbesserung. Das Loch in der VfB-Abwehr, das bei der herben Niederlage in Hamburg zu einem Leck korrodierte, ist inzwischen gestopft, aber vorne verballert die Mannschaft zu viele Chancen. Lässt sich zu schnell von einen massierten und aggressiven Mittelfeld aus der Ruhe bringen. Dabei befindet sich die Mannschaft und der Verein auf dem Weg, auf dem Stuttgarter Weg, und im Gegensatz zum letzten Zweitligaaufenthalt könnte es ein Prozess sein, der womöglich länger dauert, aber dann auch länger anhalten soll. Es wurde ein neuer Trainer geholt, der kompromisslos und zum Leidwesen der Fans seinen Fußball durchbringen will. Ein Faktum, das die VfBler noch zu schätzen wissen lernen. Dann merken sie nämlich, dass sich der Gegner auf ihre Mannschaft einstellen muss und nicht andersherum. Dann wurde da noch ein neues Team geholt, jung und hungrig und manchmal eben auch leichtsinnig, unerfahren. Und ganz nebenbei wird auch noch der Verein umgebaut und abgesehen von der Tatsache, dass es nur besser werden kann, scheint die Mitgliederversammlung im Dezember ein Erfolg zu werden. Eine tiefgreifende, aber überlegte Veränderung und mit viel Glück – toi, toi, toi – sitzen dann Menschen mit Ahnung und Leidenschaft auf den wichtigen Posten im Verein.

„Leichter als leicht, geht es vielleicht, leichter als das, was vielleicht war.
Leichter als leicht, das ist nicht weit von hier zu dem, was noch nicht war.
Suchst du mich, dann such ich dich, ist die Versuchung groß genug.
Ich lass es zu, komm lass es zu, komm lass es uns noch einmal tun.
Ich geb' nicht auf, gehst du mit mir, gehst du mit mir, mit auf uns zu.
Fällt dir nichts ein, komm leg nicht auf, komm reg dich auf und komm zur Ruh.“

So nämlich. Der Super-Gau wäre ein weiteres Jahr Zweitklassigkeit, aber das ist in weiter Ferne. Es gibt Gründe für Kritik, aber es ist die Phase in der Demut und Geduld geübt werden darf. Leichter, als leicht, […] leichter als das, was vielleicht war.“ Was war? Daran wollen doch alle Stuttgarter ein Haken dran machen. Ruhig bleiben und die Leute die Arbeit machen lassen, für die sie geholt worden sind. Das braucht manchmal Zeit. Und wenn es nicht klappt? Dann klappt es beim zweiten Mal. Uns bekommen sie hier nicht weg und das bisschen Aufregung und Luft-machen ist doch das, weshalb wir zum Fußball gehen.

„An allem was man sagt, an allem was man sagt, ist auch was dran
Egal wer kommt, egal wer geht, egal es kommt nicht darauf an
Ich glaube nichts, ich glaub an dich, glaubst du an mich, ich glaub ich auch
Ich frage mich, ich frage dich, doch frag ich nicht, fragst du dich auch.“

Der Mann klappt den Laptop zu, steht seufzend auf und verlässt das Zimmer. Clueso – Gewinner.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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