traditionell zweitklassig

16. Spieltag: Hamburger SV - 1. FC Heidenheim

Das Fehlen der Leichtigkeit

von Simeon Boveland

„Alles was ich im Leben über Moral oder Verpflichtungen des Menschen gelernt habe, verdanke ich dem Fußball."

Sagte dereinst der Schriftsteller, Philosoph und bekennender Fußballfan Albert Camus über den Fußball. Fußball und Philosophie, das ist offensichtlich eine Beziehung, die funktionieren kann, gibt es doch mehr Parallelen als im ersten Moment gedacht. Zwar meinte Camus damals wohl noch etwas anderes als er den Begriff „Moral“ in Bezug auf Fußball verwendete und sicher meinte er auch etwas anderes als er „Verpflichtungen“ in Bezug auf Fußball verwendete, aber philosophisch kommen einem zuweilen die Pressekonferenzen vor und nach den Spielen und die Fieldinterviews vor. Woche für Woche heben die Fußballer, die für etwas anderes Profis sind, die philosophischen Perlen. So machte sich Aaron Hunt nach dem Spiel gegen Heidenheim auf die Suche nach diesen, als er sich auf die Suche nach der Leichtigkeit machte.

Es waren fast zwei Jahrzehnte nach Camus´ größtem Triumph, des Weltmeistertitels der Schriftsteller, dem Gewinn des Literaturnobelpreises, als der HSV mit seiner längsten Serie an ungeschlagenen Spielen vor Leichtigkeit sprühte. Saisonübergreifend hatten die Rothosen 1981/82 und 1982/83 19 – in Worten: neunzehn – Heimspiele nicht verloren.* Das so eine Erfolgsgeschichte so lange her ist, ist für den heutigen HSV-Fan nicht verwunderlich. 1987 wurde der letzte und unbedeutendste der bedeutenden Titel, der DFB-Pokal, gewonnen (natürlich möchte ich die UI-Cup-Gewinne 2005 und 2007 nicht unterschlagen, unter Kennern auch noch der Intertoto-Cup oder Cup der guten Hoffnung genannt ). Na, zumindest war der HSV Anfang der Achtziger so eine richtige Heimmacht und konnte da später nicht mehr so richtig anknüpfen. Einzig Ende der Neunziger, Anfang der Zweitausender, als das Volksparkstadion gerade in ein reines Fußballstadion mit dem schrecklichen Namen AOL-Arena umgebaut und umbenannt wurde, da gab es eine Zeit als der kleine Butschi Boveland mit seiner teuer erwünschten, ersten HSV-Dauerkarte liebend gerne ins Stadion pilgerte. Nicht nur weil Block 25A sein neues Wohnzimmer wurde, sondern auch weil Präger, Mehdii und kürzlich geschasster Kovac in der Saison 99/2000 richtig für Furore sorgten. Elf nicht verlorene Heimspiele waren es damals, darunter Unentschieden gegen die Bayern, torreiche Partys gegen Berlin und Bielefeld und natürlich die köstliche Saisoneröffnung gegen die Stuttgarter Schwaben (1:0 Cardoso, 2:0 Butt, 3:0 Butt, alle Tore vorbereitet von oben bereits Genannten). Man mag es gar nicht für möglich halten, dass die erste Niederlage erst am 24. Spieltag passierte und dann auch noch gegen den zukünftigen Absteiger aus Ulm. Ja, ja, der SSV Ulm. Die Kollegen haben auch mal in der Bundesliga gekickt. Auch in der 2. Bundesliga – zumindest in der zweiten Saison – hat sich der HSV zu einer ähnlichen Heimmacht entwickelt. Zum 16. Spieltag stand noch keine Niederlage zu Buche und mit dieser breiten Brust, aber einer Niederlage im Rücken, marschierten die rot Behosten gegen Heidenheim in ihr 50. Zweitligaspiel. Die zweite Schwaben-Elf mit Ambition (wenn es nicht nach Tiefstapelfahrer Schmidt geht) hat sich erfolgreich an die „Verfolgergruppe“ geheftet. Die Anführungszeichen sollen hervorheben, dass zum Verfolgen eigentlich jemand oder etwas vorweg eilen müsste, was im Falle der 2. Liga ja nicht der Fall ist. Und hier ist auch schon der nächste Knackpunkt: Wieder einmal gab es in der zweiten Liga ein „Topspiel“ zwischen dem 2. und dem 4. Diese Anführungszeichen sollen die inflationäre Bemühung dieses Begriffes verdeutlichen. Zum Beispiel wurde auch das Spiel zwischen den Stuttgartern und den Nürnbergern als Topspiel klassifiziert, was in Anbetracht der misslichen, aber seit dem Fall Jatta, doch auch belustigenden Situation der „Glubberer“ blanker Hohn ist. Die Anführungszeichen hier sollen im Übrigen das aberwitzige Fränkisch karikieren.

Nun scheint es mir abgeschweift zu sein, war ich doch bei der Heimstärke der Hamburger, der daraus resultierenden breiten Brust, dem Druck, auch das Jubiläumsspiel erfolgreich zu gestalten, gepaart mit der hochnäsigen „Prima Ballerina“-Performance (Hecking) der Vorwoche. Was schon nach einer Gleichung klingt, soll in Zahlen gesprochen werden: 76%-24% Ballbesitz, 8-1 Ecken, 738–236 Pässe, 16-9 Torschüsse, aber eben auch: 121,7-124,6 gelaufene Kilometer (das ist noch nicht so schlimm, hat doch mein alter Trainer Friedhelm immer gesagt: „Wer passt, muss nicht laufen!“), 0-2 Alutreffer und 0-1 Tore. Wenn wir diesen Zahlensalat mit Blick auf die bisherige Saison wieder in Worte übersetzen, dann war es eine typische Niederlage in Manier eines Aufstiegsaspiranten. Der Ballbesitz zeigt die Dominanz, die aber ohne Ideen und mit Chanchenwucher nichts bedeutet und manchmal eine Niederlage mit sich bringt. Ungesehen würde ich jeder Kritik Glauben schenken, die besagt, dass der HSV dominant, aber behäbig und mit Schwierigkeiten bei der Kreation von Chancen agierte. Es ist der Unterschied, der eine Topmannschaft von einer normalen Mannschaft trennt und ein langjähriges Problem der Hamburger – selbst in der zweiten Liga. Denn eine unausgesprochene Fußballweisheit meinerseits sagt, dass Konter durch Fehler entstehen. Die Folgeweisheit führt aus: Konter sind sehr gefährlich! Abschließende Fußballweisheit ist sicher: Durch Konter können auch devote Mannschaften Torchancen erarbeiten und Tore erzielen. Da bringt alle Dominanz nichts. Weniger verkopft gelingt es Dieter Hecking den gordischen Knoten zu lösen: „Wenn du vorne kein Tor machts, dann musst du eben hinten die Null stehen haben.“ Fußballphilosophie in Reinform. Nun steh ich hier, ich armer Tor! Die erste zweite Niederlage in Folge in dieser Saison und angesteckt von den Mechanismen des Fußballs, zieht ein Tief namens Minikrise auf und bringt den so gerne und schnell leckschlagenden Kahn HSV in unnötige Schlagseite. Eigentlich ist nämlich Ebbe und der HSV liegt beinahe noch im Trockendock und Kapitän Hecking hat eigentlich alles unter Kontrolle. Eigentlich. Wie wurde er gelobt für die Ruhe, die er in den Verein brachte, aber nun hapert es hier und dort und überhaupt, ein Aufstieg ist so nicht möglich. Halten wir besser mal den Ball flach und schauen uns an, was passiert. Bielefeld muss den Atem der Schwergewichte auf Platz 2 und 3 erst einmal aushalten. Stuttgart ist punktgleich und auch nicht sattelfest und der Rest? Vor Nürnberg muss gerade wirklich niemand Angst haben… Trotzdem ist Hobbyphilosoph Hunt auf der Suche nach der verlorenen Leichtigkeit, bilanziert aber schlussendlich: „Uns fehlt momentan ein Erfolgserlebnis, dann wird vieles leichter.“

In seinem letzten Prosawerk – „Der Fall“ von 1956 – lässt Camus seinen Protagonisten sagen: „Nur im Fußballstadion und im Theater kann ich mich noch völlig unschuldig fühlen.“ Mit dieser Unschuld und dem berühmten Quäntchen Glück wird auch die Leichtigkeit wieder in den Volkspark kehren.

*Ich gehe davon aus, dass die längste Serie ungeschlagener Spiele auch gleichbedeutend mit der längsten Serie ungeschlagener Heimspiele ist. Sollte der HSV irgendwann einmal mehr als 19 Heimspiele nicht verloren haben, so sei es hiermit korrigiert. Für möglichen, aber äußerst nerdigen Fauxpas würde ich mich hier dann unterwürfig entschuldigen und gleichzeitig auf ebendiese nerdige Klugscheißerei verweisen.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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