traditionell zweitklassig

12. Spieltag: VfB Stuttgart - Dynamo Dresden

Ein Feuerwerk aus Endorphinen

von Christoph Mack

Recaro – sechs Letter, die den vier Buchstaben des universalen Menschens größtmöglichen Komfort bieten sollen. Ob im Sportwagen, im Flugzeug, ob am Arbeitsplatz, ob beim professionellen Computerspielen oder im heimischen Wohnzimmer – die Stuhlpioniere aus Stuttgart haben für jede Sitzgelegenheit eine adäquate, hochpreisige Lösung. Selbstverständlich vertraut auch der VfB Stuttgart hinsichtlich der Hinterteile seiner hochdotierten Auswechselspieler auf die Dienste des regionalen Unternehmens. Woche für Woche nehmen die Profis des Zweitligisten, die es nicht in die Anfangself geschafft haben, auf den ergonomischen Polsterungen Platz und warten auf ihren Einsatz. Nah dran sind sie am Spielgeschehen, doch mittendrin nur manchmal. Gebetsmühlenartig laufen sie sich meist die ganze zweite Halbzeit lang in lockerem Tempo warm. Maximal drei der mittlerweile neun Reservisten dürfen in einem Spiel noch eingesetzt werden und da Trainer Tim Walter nicht dafür bekannt ist, frühe Veränderungen in seiner Startformation vorzunehmen, müssen nicht selten fast alle anfangs Draußensitzenden auf ihre vertraglich zugesicherte Einsatzprämie verzichten. 
Der schwäbische Pragmatiker verweist an jener Stelle mitleidsbefreit auf das ohnehin unverschämt hohe Monatsgehalt der Profis – leicht verdientes Geld sei das doch. Ersatzspieler müsste man sein – in der ersten Reihe sitzen, in der zweiten Halbzeit auf und ab laufen, am Ende des Spiels den Fans zuwinken, duschen gehen und dann ungefragt an der nervenden Horde der Journalisten vorbei huschen, die sowieso nur die Stammspieler interviewen wollen. Soweit die tölpelhafte Theorie. 
Doch auch Fußballprofis sind selbstredend Menschen, meist welche von der ehrgeizigeren Sorte. Ein dauerhafter Platz auf der Bank ruft in ihnen für gewöhnlich keine Genügsamkeitserscheinungen hervor, sondern gegenteilig Frust und das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Keiner kennt dies derzeit wohl besser als Wataru Endo.

Im August war der 26-Jährige von einem belgischen Verein an den VfB verliehen worden. Für ein Jahr. Es war, laut VfB Sportdirektor Sven Mislintat „ein Transfer, an dem wir lange gearbeitet haben“ denn „Jeder Klub wünscht sich einen solch vielseitig einsetzbaren Spieler in seinen Reihen.“ Trainer Tim Walter sah die Sache wohl etwas anders und setzte den japanischen Nationalspieler einseitig ein – als Bankwärmer. Hier variierte maximal Endos Sitzposition, mal neben Ersatztorwart Fabian Bredlow, mal neben Roberto Massimo und einmal sogar neben dem großen Mario Gomez. Manchmal war Wataru Endo sogar ganz außen vor: Dann saß er auf der Tribüne, mit der Gewissheit, dass es 20 Spieler im Training wohl besser gemacht hatten als er. Von den Rängen sah er, wie sich auf seiner Stammposition, der des defensiven Mittelfeldspielers, reihenweise Mitstreiter versuchten. Sie durften Zweikämpfe verlieren, im Spielaufbau Bälle herschenken, beim Eckball den Gegenspieler aus den Augen verlieren oder jegliches Engagement vermissen lassen. Er kam trotzdem nicht zum Zuge. Einer beschwerte sich sogar lauthals und medial darüber, dass er ein (!) Mal die kompletten 90 Spielminuten auf der Bank sitzen musste – ein einziges Mal. Über das was der stolze Argentinier Santiago Ascasibar als Majestätsbeleidigung auffasste, konnte Wataru Endo nur milde lächeln, einerseits auf Grund seiner anerzogenen Höflichkeit, andererseits glaubte er zu wissen, dass seine Zeit schon noch kommen würde.

Die Saison schritt voran. Am 12.Spieltag schaffte es Endo zum siebten Mal in den Kader und nahm seinen angestammten Platz auf der Bank ein. Schnell ging der VfB auch ohne sein Zutun in Führung, ein Eigentor und ein fein herausgespielter Treffer des eben erwähnten Santiago Ascasibar waren hierfür ursächlich. Eine Zwei-Tore-Führung zur Halbzeit hatte es in dieser Spielzeit noch nie gegeben. Wataru Endo witterte seine Chance, der Spielstand könnte seinen Trainer womöglich dazu erweichen ein Experiment zu wagen und ihn tatsächlich einzuwechseln. Doch nichts da – kurz nach der Pause verursachte Innenverteidiger Nathaniel Philips einen Foulelfmeter, den die Dresdener verwandelten. Und nun ging es hin und her – Chancen hüben wie drüben, eine kläglicher vergeben als die nächste. Wataru Endo fühlte mit, selten hatte er so geschwitzt beim Warmmachen. Der knappe Spielstand spielte ihm nicht in die Karten, Trainer Walter brachte mit Hamadi Al Ghaddioui und Silas Wamangituka zwei Stürmer in die Partie, die das Spiel möglichst schnell zugunsten des VfB Stuttgarts entscheiden sollten. Der letztgenannte nahm diese Aufgabe besonders ernst und schoss 22 Sekunden nach seiner Einwechslung das 3:1. Wataru Endo hatte eben erst mit seinem Kumpel Roberto Massimo abgeklatscht, da traute er seinen Ohren und Augen kaum. „Wata“ rief Co-Trainer Rainer Widmayer in seine Richtung und hielt, um seinen Ausruf zu unterstreichen, sein Trikot hoch. Im nächsten Moment stand der Gerufene bereits vor der Auswechselbank, die Trainingsjacke schon ausgezogen. Beinahe feierlich streifte er sich das weiße Trikot mit dem roten Brustring über. Es lief die 89.Spielminute und Wataru Endo tippelte an die Mittellinie: „Du kommst für Phillip, auf der Acht – Bring das Ding heim“ gab ihm Tim Walter mit auf den Weg. Wataru verstand nichts, nickte aber brav. Dann flackerte die Nummer Drei schon auf der Anzeigetafel. Die Fans riefen schallend seinen Nachnamen. Kaum war Wataru auf dem Feld, schon forderte er vehement den Ball, bekam ihn auch und leitete ihn sofort weiter. Er war motiviert bis in die Haarspitzen. Endlich konnte er „seinen Teil dazu beitragen, dass der VfB die Rückkehr in die Bundesliga schafft“, wie er vor der Saison im Antrittsinterview zu Protokoll gegeben hatte. Er lief, nein er sprintete in alle sich bietenden Räume. Viel Spielzeit blieb ihm nicht mehr, einen Ball erarbeitete er sich noch, spielte ab, lief in den Strafraum, bekam den Ball tatsächlich zurück. Uneigennützig köpfte er quer zu Hamadi Al Ghaddioui, der musste ihn nur noch einschieben – doch er traf den Pfosten. Wataru Endo raufte sich die Haare. Kurz danach pfiff der Schiedsrichter ab. Die VfB Spieler fielen sich in die Arme – Wataru Endo war zum ersten Mal mittendrin statt nur dabei. Mit einem beseelten Lächeln machte er sich mit der versammelten Mannschaft auf den Weg in Richtung Cannstatter Kurve, wo sie für ihren Heimsieg gefeiert wurden. Roberto Massimo gratulierte ihm zu seinem Debüt, Trainer Tim Walter klatschte mit ihm ab und fuhr ihm väterlich über den Kopf. „Sehr gut, Wata.“

Im Kabinentrakt flackerten die Szenen des Spiels über die Mattscheiben. Wataru Endo warf frisch geduscht einen Blick auf seine Aktion kurz vor Spielende. Hätte Hamadi den rein gemacht, was wäre das für ein Einstand gewesen. Erstes Spiel, erste Vorlage. Schade, aber auch. Kurz begann er mit dem Schicksal zu hadern, dann machte er kehrt und ging aus dem Stadion, vorbei an den Journalisten, Richtung Parkplatz. Die Sporttasche verfrachtete er im Kofferraum seines Sportwagens, dann lies er sich auf dem Fahrersitz nieder. Ein vertrautes Gefühl beschlich ihn sogleich, diese Lehne, genau richtig weich, das Sitzpolster mit den ergonomisch wertvollen, sanften Erhebungen zu den Seiten. Das ist ja wie… Urplötzlich wurde seine heimelige Gefühlswallung von einer allergischen Reaktion abgelöst. Wataru Endo sah sich um. Der Blick auf seine Kopfstütze brachte die entscheidende Gewissheit. „Morgen lasse ich die Sitze wechseln. Noch vor dem Training“, beschloss er und brauste in den Stuttgarter Spätnachmittag.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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