traditionell zweitklassig

16. Spieltag: VfB Stuttgart - 1. FC Nürnberg

Es könnte alles so einfach sein

von Christoph Mack

Die Einlaufhymne erfüllt gerade den verregneten Cannstatter Abendhimmel, als Matze, Jakob und ich unsere Plätze in der Untertürkheimer Kurve einnehmen. Ohne große Vorbesprechung sind wir also sofort mittendrin im Spiel und sehen eine gewohnt ballbesitzende, engagierte Stuttgarter Mannschaft, die bald trotzdem mit 0:1 zurückliegt und der Teufelskreis beginnt sich zu drehen: Die Mannschaft rennt weiter krampfig an, ohne Ideen; die Eingliederung des vermeintlichen Heilsbringers und Spielgestalters Daniel Didavi gestaltet sich schwierig, ohne Bindung, ohne Spritzigkeit; Fans murren, werden verbal ausfällig und selbst hier, in der Untertürkheimer Kurve, wo traditionell eher die gemäßigteren VfB-Anhänger sitzen, ertönt bei jedem Rückpass auf den Torspieler genauso selbstverständlich ein Pfeifkonzert, wie der Torschrei bei Endos vermeintlichem Ausgleichstreffer. Und bei Gomez vermeintlichem 1:1. Anschließend entlädt sich die Wut nur noch teilweise auf die Mannschaft – der übrige Furor trifft den übergeordneten Fußballdachverband. Doch es ist auch tatsächlich schwer zu ertragen. Der symbolische Höhepunkt: Sosa schlägt über den Ball und erntet höhnischen Beifall von den Rängen. Die einzig positiven Lichtblicke in der ersten Halbzeit sind die Stücke vom Lübecker Marzipan, die Jakob väterlich an seine Leidensgenossen verteilt.

Die Halbzeitanalyse fällt, entgegen der ausgefallenen Vorbesprechung, umso ausführlicher aus. Und jeder hat seine eigenen Erklärungsansatz.

Matze prangert die Kaderzusammenstellung an, es werde zu sehr auf – politisch korrekt ausgedrückt – antiquarische Obstsammelbehältnisse gesetzt. Jakob sieht die generell überhöhte Erwartungshaltung im Umfeld, die insbesondere auch von Management und Präsidium in Sätzen wie „Aufstieg um jeden Preis“ gesät wird, als lähmendes Element. Ich suche, ganz der Pädagoge, die Wurzel des Übel im zwischenmenschlichen Kern der Mannschaft und verweise auf Santiago Ascasibar, der vor nicht allzu langer Zeit beinahe seinen Wechsel erstreikte, anschließend begnadigt wurde und seitdem, wie per Streik gefordert, permanent auf seiner Lieblingsposition zum Einsatz kommt – das müsse doch für Unmut unter den Kollegen sorgen.  

Ohne allzu hohe Erwartungen lassen wir die zweite Halbzeit über uns ergehen und werden Zeuge eines Trendwechsels. Auf dem Rasen wirkt der brustlösende Handelfmetertreffer von Silas wahre Wunder, der VfB kombiniert sich zu zwei weiteren Toren - eines sogar, soVAR ich keine Videowortwitze mehr machen wollte, durch Mario Gomez - und fährt einen letztlich verdienten Heimsieg ein. Auf der Tribüne murrt niemand mehr, beim Rückpass auf den Torspieler ist kein Pfiff mehr zu hören, ein ungenauer Flugball wird mit aufmunterndem Applaus bedacht. Der gleiche Mensch, der in der ersten Halbzeit noch die halbe Mannschaft ins sibirische Arbeitslager und Tim Walter in die Wüste schicken wollte, nippt nun selbstzufrieden an seinem roten Glühwein. Ein Sinneswandel? So schnell? So einfach?

Bei meinem ersten Stadionbesuch in dieser Saison betitelte ich den VfB als ein Ventil der Emotionen, diese Meinung hat sich mittlerweile verfestigt. 
Nun drängen sich eine weitere Feststellung in Bezug auf den VfB und neue Fragen hinsichtlich des Fußballs auf.

Zunächst die Feststellung: In weiten Teilen der Anhängerschaft des VfB Stuttgarts gibt es nur zwei Gefühlswelten: blanker Hass und blinde Liebe. 
Diese wechseln sich genauso gerne ab wie sie sich vermischen.

Nun die übergeordnete Frage: Ist der Fußball einfach einfach? 
Und ist dieses zweite Einfach ein Einfach im Sinne von „einfach gestrickt“ oder ein Einfach im Sinne von „einfach schön“. 
Irgendwo dazwischen muss die Erklärung liegen, dass ein einfaches Tor genügt, um eine Stunde Kampf und Krampf, um eine Stunde Wut, Bluthochdruck und eine erhebliche Menge vergossenes Bier zu vergessen? 
Das wäre sehr einfach und trotzdem nicht leicht zu verstehen.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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