traditionell zweitklassig

11. Spieltag: Hamburger SV – VfB Stuttgart

Gang nach Canossa

von Christoph Mack

Der Rechberg legt ein unvergleichliches Imponiergehabe an den Tag. Hinter einem vorgelagerten Hügel kann man die Kapelle, welche auf seinem Gipfel hoch über Schwäbisch Gmünd thront, erahnen, keine zwei Kilometer Luftlinie mehr. Doch die Wegstrecke ist eine andere. An Kilometer 18 des nach dem bereits benannten Berg betitelten Dauerlaufs, beginnt mein rechter Oberschenkelmuskel zu krampfen. Wie kann das sein? Gut, meine Vorbereitung auf diesen 25 Kilometer langen Berglauf wurde durch eine nicht enden wollende und immer noch andauernde Erkältungserkrankung empfindlich gestört, im Übrigen war ich erst zwei Mal zuvor eine derartige Strecke mit vergleichbaren Höhenmetern gerannt. Vielleicht hätte ich auch bei der letzten Versorgungsstation mehr als nur den Inhalt zweier Wasser- und eines Iso-Sport-Bechergetränks zu mir nehmen sollen. Womöglich war ich die erste Hälfte der Strecke auch zu forsch angegangen und hatte ein übermütig schnelles Tempo vorgelegt. Wie auch immer: Mein Körper hatte begonnen mir eine Lektion zu erteilen. 
Kilometer 20: Mittlerweile krampfen beide Oberschenkel, der Mund so trocken wie der Humor von Joey Ryan und mir geht die Puste. Ich jogge noch, aber langsam und langsam, aber sicher beschleicht mich das Gefühl, diesen Lauf nicht erfolgreich zu Ende bringen zu können. Die Aussicht auf die letzte Versorgungsstation an Kilometer 21 ist der einzig legitime Grund weiterzulaufen – irgendwas zu Essen abgreifen und dann irgendwie ins Ziel. Der Schlachtplan steht. 
Am Versorgungsstand angekommen schnappe ich mir zwei Wasserbecher und kippe sie in mich hinein, die Essensauswahl ist begrenzt, ein Müsliriegel muss es tun – schließlich ist es ja nicht mehr weit. Vier Kilometer noch – eine Strecke, die ich für gewöhnlich in knapp 20 Minuten runterspule. Naiv von mir zu denken, dass das Schlimmste überwunden sei, naiv zu denken, dass ein Müsliriegel reichen sollte. Ich laufe weiter, der Müslirigel, klebt am Gaumen und dessen Verzehr bringt verheerenderweise keine sofortige Besserung meines Fitnesszustands. Im Gegenteil – trotz 23°C Lufttemperatur und eines sichtlich aufgeheizten Körpers beginne ich zu frieren. Die Krämpfe in beiden Beinen versuche ich durch ungelenke Schonhaltungen zu kurieren, zwei Mal bleibe ich stehen, um mich notdürftig zu dehnen. Bei einer langen Gerade begehe ich den Fehler nach vorne zu sehen – der Rechberg scheint nicht näher gekommen zu sein. Ich verfalle resignierend ins Gehen, ehe mich ein Mitläufer zum Weitermachen ermuntert. Ich jogge unbeholfen weiter, verfluche mich, meine Naivität, die Entscheidung mich bei diesem Rennen angemeldet zu haben, die pittoreske Landschaft der schwäbischen Alb und selbstverständlich alle Menschen, die mich überholen – es sind einige. Kurz vor dem Fuß des Rechbergs – der Weg ist seither wiederholt erheblich angestiegen – wird mir erstmals schwarz vor Augen. Ich schlage mir mit der Hand ins Gesicht – nicht aufgeben. Nicht umkippen. Bloß nicht. Nicht jetzt. Nur noch knapp zwei Kilometer. Mittlerweile schaue ich alle 20 Sekunden auf meine Uhr. Jeder Meter ist ein Erfolg. Ein Kilometer noch. Der Fuß des Rechbergs ist erreicht. Die letzten 130 Höhenmeter. Schritt für Schritt schleppe ich meinen kollabierenden Korpus den Hügel empor. Ich reiße die Augen auf, zwinge mich so bei Bewusstsein zu bleiben. Wurzeln und Steine, die sonst lustvoll übersprungen werden, mutieren zu ungeahnten Belastungsproben für meinen stotternden Motor. Der Tank steht auf Minus Zwölf und 200 Meter vor dem Ziel steht Andre, der diesen Lauf mit mir begonnen hatte und seit einer knappen halben Stunde im Ziel wartet. Er versucht mich zu einem Schlusssprint zu motivieren, merkt aber schnell, dass in dieser Hinsicht Hopfen und Malz verloren ist. Ich konzentriere mich lediglich darauf unfallfrei Fuß vor Fuß zu setzen. Wieder ein kurzes Flimmern auf der Linse, der Atem stockt. „Nur noch 100 Meter, wirklich“ höre ich Andre rufen. Die 100 Meter potenzieren sich für meinem nicht mehr zurechnungsfähigen geistigen Auge. Ich schleiche, ich taumle, ich wanke und sehe schlussendlich tatsächlich das Ziel, passiere die Lichtschranke – und sinke dahinter in formvollendeter Erschöpfung zu Boden.

Mehrere Minuten liege ich wie ein verunglückter Maikäfer auf dem Rücken, lasse mir Wasser und Salzbrezeln bringen, rede kein Wort, schwitze und friere gleichzeitig. Jedes Körperteil, an welches ich in meinem selbstverschuldeten Delirium noch einen Gedanken verschwenden kann, schmerzt höllisch. Mehrere Müsliriegel  und ein warmer Tee bringen nach und nach zumindest so viele Lebensgeister zurück, als dass ich mir meine Verfehlungen in Sachen Renneinteilung und Selbstverpflegung zum Vorwurf machen kann. Meine Gemütslage passt sich meinem körperlichen Zustand an. Wie in Trance lasse ich ein Souvenir-Selfie und den kurzen, aber knackigen Abstieg zum Bustransfer über mich ergehen. Auf der Heimfahrt nehme ich mein Mobiltelefon wieder in Betrieb. Instinktiv öffne ich die Kicker-App, im gleichen Moment fällt mir das heutige Zweitligaspitzenspiel ein, welches ich auf Grund des Laufs nicht live verfolgen konnte. HSV – VfB 6:2. Diese krachende Niederlage meines unfreiwillig gewählten Lieblingsvereins hätte mich für gewöhnlich geärgert. Doch jetzt bin ich urplötzlich ein klein wenig besser gelaunt. Das Ergebnis spricht Bände und verifiziert die Gewissheit: Ich hätte meinen Samstagnachmittag auch noch unangenehmer verbringen können.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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