traditionell zweitklassig

17. Spieltag: SV Sandhausen - Hamburger SV

Halb Fußball, halb Ballett

von Christoph Mack

„Los, schwing den Lachs in die Mitte.“ Lasse tippelt ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Er steht kurz vor dem Fünfmeterraum und wartet. Er wartet auf seinen Kumpel Fred. Genauer gesagt wartet er auf eine Flanke. Fred steht an der Außenlinie und bindet sich den Schuh. „Nun mach schon“ meckert Lasse. „Is‘ ja gut, Kleiner.“ So nennt Fred Lasse manchmal, weil er ein bisschen stolz darauf ist, einen halben Kopf größer zu sein als sein Freund. Ansonsten sind sie sich sehr ähnlich: beide haben dunkelblondes Haar, besuchen die dritte Klasse, beide spielen beim Bostelbeker SV in der E-Jugend und beide sind HSV-Fans. Fred zurrt die Doppelschleife fest und spuckt fachmännisch auf den Rasen. Dann nimmt er den Ball an den Fuß, läuft ein paar Schritte und passt den Ball halbhoch in die Mitte zu Lasse. Der dreht sich, erwischt den Ball mit dem Hinterteil und von da aus kullert der Ball in Richtung rechter Torpfosten. Patrick, der im Tor steht, lacht aus vollem Hals: „Ha, Ha!! Verkackt, verkackt!!“. 
„Flach, sollst du ihn spielen. Fla-hach!! Checkst du das echt nicht?!“ fährt Lasse seinen Vorlagengeber an. 
„Die Pille ist scheiße, da is‘ viel zu wenig Luft drin“ versucht sich Fred zu verteidigen.
„Dein Fuß ist scheiße“, bläfft Lasse zurück.
„Der HSV ist scheiße.“
Patrick lächelt schadenfroh. Auch er geht in dieselbe Klasse, auch er spielt beim BSV aber im Gegensatz zu Lasse und Fred ist er FC St. Pauli-Fan und im Gegensatz zum HSV hat der FC St. Pauli am Wochenende gewonnen. „Ihr schlagt ja nicht mal Sandhausen und ihr wollt wieder in die erste Liga? Pff.“ Patrick tippt sich mit dem Finger an den Kopf während er den Ball lässig zu Lasse zurückrollt. 
„Halt’s Maul“ brüllt Lasse und drischt dermaßen auf den Ball, dass Patrick sich nur überrascht wegducken und den Ball ins Netz lassen kann. „Passt lieber auf, dass ihr nicht absteigt, ihr Pfeifen.“
„Wir haben wenigstens gegen Wehen gewonnen, wie habt ihr gegen die nochmal gespielt?“ Patrick weiß, wie er seine beiden Kumpels auf die Palme bringen kann. Er holt den Ball aus dem Kasten und schlägt ihn weit ins Feld hinein. „Und Alter, eure Auswärtstrikots sind ja mal abartig hässlich. Hat die Tim Wiese designt? Zehn kleine Schweinchen aufm Platz oder was?“ Fred sprintet der Kugel hinterher und ruft: „Lieber n rosanes Auswärtstrikot als n kackbraunes Heimtrikot.“ Patrick zieht eine Grimasse und Fred fährt fort: „ Und ja, jetzt hast du `ne große Fresse, aber wie viele Punkte habt ihr? 15? 16? Also sei mal bitte leise.“ 
„18“, korrigiert Patrick und dann spielt er seinen großen Trumpf. „Aber…“ er lässt eine gekonnte Pause, „wir sind DERBYSIEGER, DERBYSIEGER, HEY! HEY! DERBYSIEGER, DERBYSIEGER, HEY! HEY!“ Patrick springt in seinem Strafraum auf und ab bis ihn der wutschnaubende Lasse erreicht hat und ihn mit beiden Armen zu Boden wirft. Die Beiden wälzen sich im Schlamm, Patrick drückt Lasse seinen stinkenden Torwarthandschuh ins Gesicht, Lasse reißt ein Büschel Gras aus und versucht es in Patricks Mund zu stopfen. Fred hat den Ball mittlerweile erreicht und donnert ihn in Richtung der raufenden Jungs. „AUA!“ Von Lasses Rücken springt der Ball in Richtung Außenlinie. Patrick lässt von ihm ab, spuckt einen Grashalm aus, kniet sich neben Lasse, kichert und hilft ihm schlussendlich wieder auf die Beine. Dazu murmelt er leise, aber dennoch deutlich hörbar „Dutzi-Dutzi-Dudziak“, was Lasse aber bewusst nicht beachtet. Er klopft sich den Schmutz vom weißen Trikot. 
„Jetzt komm, bring den Ball nochmal“ ruft er Fred zu. „Aber flach jetzt.“

Fred konzentriert sich, läuft drei Schritte, tanzt einen vorgestellten Gegenspieler aus, legt sich den Ball vor und passt flach in die Mitte. Lasse springt, kurz bevor ihn der Ball erreicht, hoch, dreht sich und trifft den Ball dabei mit der linken Hacke. Von dort aus geht der Ball in die lange Ecke des Tores. Patrick kann nur hinterherschauen. 
„Toooor, Tooorrr“, Lasse dreht jubelnd ab und läuft in Freds Richtung, „Hinterseer macht das Ding!“ „Jaaa“ Fred fällt ihm um den Hals. „Alter, was ein Tor, Mann.“
Patrick schüttelt den Kopf. „Das klappt auch nur einmal in hundert Jahren.“

Doch das nehmen die beiden anderen Jungs nicht wahr. Sie stehen längst am Gitter des Bolzplatzes und feiern mit den Fans in der Kurve, die in ihren Köpfen lautstark zu hören sind.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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