traditionell zweitklassig

12. Spieltag: Wehen Wiesbaden – Hamburger SV

Hecking´sche Relativitätstheorie

von Simeon Boveland

Es ist die Rückkehr in den Alltag. Das bekannte Gefühl des Arbeitnehmers, der mit der Stempelkarte in der Hand der 40 Stunden-Woche entgegenstrebt. Es ist einerseits dieses Gefühl doch vielleicht noch was Besseres in seinem Leben zu finden, aber andererseits ist da diese kleine Stimme im Kopf, die sagt: „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.“ Ganz nach dem Motto „tust du mir nichts, tu ich dir nichts.“

Vielleicht haben die HSV-Spieler auch dieses Gefühl gehabt, als sie sich auf den Weg nach Wiesbaden gemacht haben. Wiesbaden, das ist das Tabellenschlusslicht mit dem halben Stadion. Und Wiesbaden ist vielleicht genau der richtige Gegner nach dem Spiel gegen Bielefeld und dem Doppelspiel gegen Stuttgart. Absolute Knallerspiele. Gegen direkte Konkurrenten. Die Top 3 jagt sich gegenseitig die Punkte ab. Bielefeld war bei dem damaligen Auswärtsspiel, das 1:1 ausging, Tabellendritter und ist nun Zweiter. Stuttgart der größte Konkurrent der Hanseaten in der Liga. Drei Spiele also (das zweite Spiel der Hamburger gegen die Schwaben war die 2. Runde des DFB-Pokals) in 10 Tagen und alle irgendwie wichtig. Jetzt aber, nach diesen Spielen und den Nachwehen vor Wehen Wiesbaden, weiß beim HSV niemand, wo er jetzt gerade eigentlich so steht. Dabei kann das Spiel gegen Bielefeld ausgeklammert werden, hier geht es nur um den HSV und den VfB Stuttgart. Mit einem 6:2 Heimsieg schickte der HSV die Schwaben kurzfristig nach Hause. Ein Ergebnis, das den Spielverlauf nicht genau wiedergibt, trotzdem verwundert folgende Analyse nicht: Der HSV war besser! Nur eben nicht 4 Tore besser.

Danach griffen die typischen Mechanismen: Der VfB gratulierte dem HSV zur Meisterschaft, die Hamburger Presselandschaft feierte, die Fans träumten und Dieter Hecking mahnte. Tatsächlich war Hecking, dem alten Trainerfuchs, die Stuttgarter Unzulänglichkeiten aufgefallen, die er umgehend und mit Hilfe eines stürmischen Dreigestirns ausnutzte. Vielleicht war Hecking aber auch einer der Wenigen, der sich über diesen kapitalen (auch in der Höhe) Sieg nicht so recht freuen konnte. Hecking war sich sicherlich im Klaren darüber, dass er zwar 1. aus einem breiten und qualitativ guten Kader schöpfen und auch Rotation eine Option für das zweite Spiel sein könnte, aber dass er 2. Tim Walter nicht nochmal so überraschen würde (vor allem weil dieser schon in der Halbzeit des ersten Spieles gut reagierte) und dass er 3. mit diesem hohen Sieg gegen eine Mannschaft mit Erstligaanspruch den Stachel so tief ins stolze Schwabenherz gerammt hatte, dass die schnelle Gelegenheit der Revanche eher ungelegen kommen könnte.

Vermutlich spielte für Hecking aber keine große Rolle, dass die Spieler des Gegners von den eigenen Fans und der Stuttgarter Presse geteert und gefedert wurde. Tim Walter, der mit seiner direkten Art Sympathie weckt, aber durch seine scheinbar stoische Sturheit auch den Unmut der Fans regelmäßig auf sich zieht – vor allem nach drei Niederlagen in Folge! Jener Walter jedenfalls blieb gelassen. Eine 2:6 Niederlage gegen den HSV brächte ihn nicht um den Schlaf, meinte er gar. Wie stark aber der Druck auf ihn und seiner Mannschaft lastete und wie richtig Hecking mit seiner Skepsis nach dem ersten Spiel lag (siehe Punkte 1-3), das zeigte sich 72 Stunden nach dem verheerenden 6:2 (Walter: „Haben auf die Fresse bekommen und uns nun Respekt verdient.“ Auutsch, vielleicht war da doch eine schlaflose Nacht dabei…). Gut, dass Gideon Jung schon nach 30 Sekunden leichtsinnig und unnötig einen Elfmeter verschuldete, spielte dem angestachelten VfB sicherlich in die Karten, aber das alleine war es nicht. Es war ein anderes Spiel. HSV nicht so gut und der VfB nicht so schlecht wie am vorherigen Samstag. Und dann stand da eben nach 90 Minuten ein 1:1 und wenn es eine Gewissheit im Fußball gibt, dann die, dass ein KO-Spiel nicht unentschieden ausgehen kann und so stand es eben nach 120 Minuten 1:2 für den VfB. Aufmerksame Leser dieses Blogs werden sagen: „Ja, ja, das hat der Herr Boveland doch schon letzte Woche gesagt! Um nicht zu sagen, teilte dieser scheinbare Hellseher die hecking´sche Skepsis!“ Ganz genau, aber soweit kommt es nicht, dass ich mich hier selber zitiere, aber ich habe so etwas befürchtet. Gar nicht, weil ich so ein Tiefstapler bin, sondern weil ich der Friede, Freude, Eierkuchen-Stimmung in Hamburg nicht traue. Was samstags also noch Machtdemonstration war, das war dienstags nüscht. Und hier zeigt sich die Routine des Trainer, was dem Schwiegersohn Wolf damals noch gefehlt hat. Der Hecking schützt und teilt aus! Nach dem Pokal-Aus schießt Hecking gegen die Kritiker aus den eigenen Reihen. Er moniert, dass man in der Hafenmetropole noch immer nicht verstanden hat. Im Zentrum seiner Kritik steht die falsche Erwartungshalt einiger Fans. Klar wollte der HSV in die nächste Runde einziehen, aber die Niederlage gegen den VfB war nicht unverdient. Und schon setzt er zur hecking´schenRelativitätstheorie an, die das große 1x1 des Fußballsachverstandes beinhaltet: Relativierend zeigt Hecking nämlich auf, dass die Topspiele zuvor ja nicht verloren gegangen sind – er rechtfertigt dies durch die für die Liga wichtige Zeitmessung in 90 Minuten. Innerhalb dieser 90 Minuten hatte seine Mannschaft weder gegen Bielefeld und gegen das doppelte Stuttgart verloren. Seiner Ansicht nach ist aber genau diese Erwartungshaltung in Hamburg das Hamburger Problem, was den HSV in der Vergangenheit letztlich in die zweite Liga geführt hatte. Hecking unterstreicht: „Genau das sind Dinge, die den HSV in der Vergangenheit immer umgebracht haben. Es wird noch ein weiter Weg. Man kann nicht erwarten, dass man immer so Leistungen wie beim 6:2 gegen Stuttgart sieht.“ So nämlich! Mit dieser Gefühlsachterbahn nach Sieg und Unentschieden gegen starke Gegner in der Liga und dem Aus im Pokal hält nun wieder der Liga-Alltag Einzug bei den Hamburgern. Dabei plagen Hecking nun ganz neue Sorgen: Sein Ersatz-Rechtsverteidiger fällt vorläufig aus und auch einige anderen Wunden müssen geleckt werden. Zudem trifft der HSV auf ein Tabellenschlusslicht, das ungewöhnlich selbstbewusst daher kommt.

Das werden die Gedanken gewesen sein, die sich Trainer und Mannschaft auf dem Weg in den Süden des Landes und der Tabelle gemacht haben.

Nach dem 1:0 kurz nach Beginn der zweiten Hälfte gelingt dem HSV auch in Überzahl nicht das zwingend nötige und beruhigende 2:0. Stattdessen trifft kurz vor Schluss wieder ein Joker gegen den HSV und entführt in Person von Törles Knöll (natürlich ein ex-HSVer) einen Punkt nach Wiesbaden. Sollten Hecking die Worte fehlen, dann kann er sich noch immer auf seine Relativitätstheorie berufen. Durch das Gegentor in Minute 90+2 kann er auch hier sagen, dass der HSV innerhalb der 90 Minuten das Spiel 1:0 gewonnen hat.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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