traditionell zweitklassig

17. Spieltag: SV Darmstadt - VfB Stuttgart

Im Feindesland

von Simeon Boveland

Fußball ist ein Militärsport, zumindest war es mal so in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zur allgemeinen körperlichen Ertüchtigung abseits des Turnsports. Und das klingt noch heute durch. Angriff und Verteidigung, Sturm und Abwehr, Flankenlauf und Dauerbelagerung. Der Kapitän hat das Sagen und ein Tor wird geschossen. Der Trainer arbeitet die Taktik aus, um den Gegner empfindlich zu schlagen. Der Platz, das Schlachtfeld. Nach einem Foul geht der niedergestreckte Feind zu Boden (was in den letzten Jahrzehnten aber zugenommen hat). Fußball ist ein martialischer Sport. Das war aber nicht die einzige Erkenntnis, die ich am Montagabend hatte.

Es ging los, dass ich fremd gegangen bin. So hat es sich angefühlt, als wir mit ein paar Jungs in ein mir unbekanntes Stüble rauschten. Kaum saßen wir, wurde Bewertungskriterien festgelegt. 1 zu 1 lassen sich so Kneipen nicht vergleichen, aber versuchen muss man es. Gut, die Geschichte mit dem Kamin ist schon heimelig und der Rest auch urig. Bierpreise, Anzahl der Fernseher, Sitzplätze, alles wurde unter die Lupe genommen. Unsere Plätze waren schon mal ganz gut und die Sicht auf den einen (!) Fernseher in Ordnung. Das alles und unser frühes Erscheinen gaben uns die Gelegenheit den höchst wichtigen Informationen der Vorberichterstattung zu lauschen. Muss man sich mal bewusst machen, der VfB hat mehr Ballbesitz als ManCity oder PSG. Über 70% ist da keine Seltenheit. Wenn also ManCity Arsenal schlägt und der VfB mehr Ballbesitz als ManCity hat, dann muss doch der VfB eigentlich auch Darmstadt schlagen. Simple Rechnung und kein Geist im unbekannten Stüble bezweifelte das, vor allem nicht mein, mir unbekannter, Sitznachbar. Wir konnten gar nicht so schnell sitzen, da blubberte er mir schon die Ohren voll, während er nebenher, die Lesebrille auf der Nasenspitze, die Wette im dreistelligen Bereich platzierte.

Und schon ging´s los. Der VfB als Ballbesitzmonster natürlich im Ballbesitz und mit dem Ball nur in eine Richtung, nach… zur Seite. Egal, fehlendes Spiel nach vorne machte der Nachbar links mit faszinierenden Informationen wett. „Der Sosa, der sieht ja echt auch wie, na sag schon, der Torwart vom VfB früher…“ „Hildebrand“, „Hildebrand! Aber nicht nur wegen der Haare, auch das Gesicht.“ Kurzer Faktencheck in der Runde: Borna Sosa, kein Portugiese, kein Argentinier, Borna Sosa der Kroate. Aber schon da, nicht nur wegen der Haare, der für mich auffälligste Spieler.

Sprung in die zwanzigste Minute und es wurde körperlich. Griff an den Arm: „Hab ich´s nicht gesagt?“ Zugegeben, hatte er. Kurz vorher seine prophetische Aussage: „Den Kempe darfst du nie aus den Augen lassen.“ Damals ging der Schuss noch am Kasten vorbei, jetzt klingelte es hinter Ersatz-Kobel und Hildebrand-Nachfolger Bredlow. Ein Pass von Badstuber auf Castro landete unnötigerweise im Seitenaus, der Einwurf bei Mehlem, der per Heber auf Kempe, der wiederrum vorher Phillips enteilte und nun sicher die Pille hinter Bredlow verstaute. Die Stuttgarter Hintermannschaft wieder einmal wie mein Knie nach einem Spiel auf´m Ascheplatz: offen! Und: Same old, same old. Der VfB lag auswärts zurück. Die Lilien mit dem 1:0 im Rücken verschwendeten nicht den Hauch eines Gedankens ihr 10-Mann-Abwehr-Bollwerk zu lösen, trotzdem entlastete die Offensive immer mal wieder, was den Kommentator kurz vor der Pause zu einem „jetzt verdient sich Darmstadt die Führung!“ hinreißen ließ. Aber zum taktisch perfekten Zeitpunkt – Sekunden vor dem Pausenpfiff – der Ausgleich. Castros abgeblockten Schuss zementierte Sosa volley in die Maschen. Pause und fast alle im unbekannten Stüble witterten den großen Kabinenauftritt von Tim Walter, während die anderen die bestellte Bratwurst witterten.

Zweite Halbzeit: Alles jetzt aktiver und wilder, aber der VfB verzettelte sich zu oft in kleinen Scharmützeln und Nebenkriegsschauplätzen (Gelb für Walter) und war zu selten mit Idee. Einzig Sosa immer noch bärenstark (in meinen Augen). Guter Querpass auf Gomez aber der drüber. Überhaupt hier nochmal ein Wort mehr zu Sosa. Sosa, später auch in anderen Medien hervorgehoben, machte, was er machen musste. Spielte stur die Bälle, die er spielen musste. Flankte ein ums andere Mal (zugegeben waren auch viele Blindgänger dabei) und der ausstehende Erfolg nur eine Frage der Zeit und tatsächlich eine der nächsten direkten Pässe auf Gomez verwertet dieser, aber – und wie könnte es anders sein – Abseits. Während sich VARio Gomez jubelnd Richtung Sosa drehte, machte der Teufelskerl wieder das, was er tun musste: Er zeigte Cojones, was man so vermutlich nicht auf Kroatisch sagt und wies Gevatter Gomez auf das Abseits-Malheur hin. Ich wiederhole: Teufelskerl! Der weitere Spielverlauf ist schnell erzählt: Mein Nachbar blubberte sowas wie „was wechseln denn die da?“, fand immer mehr Gefallen an Endo, „der g´fällt mir“, und an Schiedsrichter Ittrich, weil der zunehmend Mitleid mit den Stuttgartern hatte und immer mehr Entlastungsfreistöße für die Lilien nicht mehr gab. Nebenher erhöhte blubbernder Nebensitzer noch mal seinen Wetteinsatz, was mich sogar kurzfristig dazu bewog, dieser Nervensäge die Daumen zu drücken. Außer eines Pfostenschusses passierte aber auch nichts mehr groß und so leitete mein Sitznachbar auch den Abgesang ein: „Wenn man will, kann man es entscheiden, aber nicht so.“ Ich für meinen Teil frage mich noch immer, warum da nicht mal ein Stürmer die Socken in ne Sosa-Flanke hält und stelle fest: So ein Ausflug in Feindesland ist ja ganz nett, aber das nächste Mal sind wir wieder in der Schubibar, da kenne ich meine Pappenheimer. Fußball ist ja immer noch Krieg!

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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