traditionell zweitklassig

15. Spieltag: VfL Osnabrück - Hamburger SV

Kopf an

von Christoph Mack

Wir müssen vom Kopf her da sein. Immer 100% fokussiert. Alles andere ausblenden. 90 Minuten lang zählt nur eins.

Markige Sprüche, Fußballfloskeln, immer wieder durch die Gebetsmühle gedreht und dann wieder pulverisiert. An sich sollte der Mensch doch in der Lage sein, sich eineinhalb Stunden pro Woche nur auf eine Sache zu konzentrieren. Doch das dies bei der Ausübung der besagten Rasenballsportart nicht so einfach ist, wie es sich hier liest, wurde mir spätestens damals klar, als ich zu meiner Zeit als Juniorentrainer ein F-Jugend-Spiel als Schiedsrichter begleiten sollte und sämtliche Halbwüchsige Mitte der zweiten Halbzeit das Fußballspielen vorrübergehend einstellten, um sich stattdessen der ausgiebigen Betrachtung eines Zeppelins zu widmen, welcher mit ungewöhnlich niederer Flughöhe über den Sportplatz schwebte.

Nun könnte man jenes Phänomen mit kindlicher Neugier erklären, doch das Ablenkungspotential steigt meinen Recherchen zufolge mit dem zunehmenden Alter linear an. Denn während in der F-Jugend das unbekannte Flugobjekt einer Polarisation der Aufmerksamkeit auf das eigentlich Wesentliche empfindlich stören kann, genügt in der E-Jugend schon die kratzende, lange Unterhose, mit welcher die gutmeinende Mutter ihrem Sprössling zur Verhinderung von aufgeschlagenen Knien auf dem Aschenplatz ausgestattet hatte, um den Konzentrationsfluss empfindlich zu stören. Die unliebsame Rückennummer, die der unbarmherzige Trainer seinem Mittelfeldspieler in der D-Jugend zuteilt („Du kriegst die 14, ist das einzige Trikot in deiner Größe“), die hübsche Christiane aus der 8c, die urplötzlich mit zwei Freundinnen an der Seitenlinie steht, während die C-Jugend ihres Heimatvereins das Pokalhalbfinale bestreitet, der fehlende Schlaf nach einer durchgezockten Nacht, der dem Innenverteidiger der B-Jugend beim Aufwärmen unweigerlich einholt, das neue Haarband des Torwarts, das dem windigen Wetter beim A-Jugend-Abstiegskrimi nicht genügend Standhaftigkeit entgegenzusetzen hat, die beachtenswerte Alkoholfahne, die die Ansprache des Bezirksliga-Trainers an seinen kurz vor der Einwechslung stehenden Top-Joker die Ernsthaftigkeit entzieht – all das kann, wie ich aus eigener Erfahrung berichten darf, der Fokussierung entscheidend entgegen wirken.

Nun könnte man jene Phänomene mit mangelnder Professionalität erklären, die den unteren Spielklassen vielerorts immanent ist, doch wie ist es dann zu erklären, dass auch viele Fußball-Lehrer landauf landab ihren hochbezahlten Berufsfußballern immer wieder mangelnde Einstellung vorwerfen und als Grund für eine schlechte Leistung ins Felde führen. Ich meine mir erlauben zu können, behaupten zu dürfen, dass solche Symptome, die Profis von der schönsten Nebensache der Welt ablenken könnten, mit dem Aufstieg auf der Karriereleiter eher mehr als weniger werden.

Die höhere Anzahl an Zuschauern, mit all ihren Begleiterscheinungen in Sachen Dezibel, Pyromanie und Intellekt. Da ist die mannigfaltige mediale Komponente wie die BILD-Zeitung, Wolf-Oliver Fuß und Instagram. Da ist sich bewegende Bandenwerbung an die sich nur nahezu alle Bundesligaprofis mittlerweile gewöhnt haben. 
Und trotzdem mutmaße ich, dass es die kleinen Dinge sind, die sich manches Mal hartnäckig im Hinterkopf festbeißen, dergestalt auf den Platz mitgeschleppt werden und der Gedankenzentralisierung negativ entgegenwirken. Dinge, die den Fernsehzuschauenden verborgen bleiben. Dinge wie der beim Einlaufen unfreiwillig inhalierte, beißende Geruch des Aftershaves des Vordermenschens, das nicht zu eitern aufhören wollende Ekzem am linken Ohr des jungen Labradorrüden der Spielerfrau, der vergessene Anruf zum Hochzeitstag bei den Schwiegereltern. Kleine, menschliche Schwächen also. Solche die augenscheinlich auch ursächlich dafür sind, dass in jedem mittelständischen Unternehmen mal eine Rechnung verschwindet, in jedem Handwerksbetrieb mal eine falsche Fugenfarbe verwendet wird und in manchem Blogbeitrag auch mal ein Tippfheler passiert.

Und das ist auch gut so.

Kein Mensch will ein Spiel sehen, in dem alle Akteure zu jeder Zeit vollkommen fokussiert sind und indem folglich auch keine Fehler gemacht werden. Vielleicht wäre die zweite Liga dann noch spannender, da alle Mannschaften im Gleichschritt pro Spieltag Punkt für Punkt holen würden. Aber sicherlich wäre sie weniger menschlich.

In diesem Sinne: ein Hoch auf die Zeppeline, auf die kratzenden Unterhosen, auf die unliebsamen Rückennummern oder alle anderen ablenkenden Artefakte, die womöglich auch die Akteure des favorisierten Hamburger Sportvereins davon abgehalten haben im Spiel gegen den VfL Osnabrück ihre bestmögliche Leistung abzurufen und das Spiel gegen den vermeintlichen Underdog mit 1:2 zu verlieren.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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