traditionell zweitklassig

11. Spieltag: Hamburger SV – VfB Stuttgart

Mund abputzen, weitermachen!

von Simeon Boveland

Eigentlich wollte ich einen ganz anderen Text schreiben, aber manchmal kommen die Dinge eben anders als man denkt. 

Ich könnte jetzt erzählen, was ich geplant habe, wie ich als Hamburger nachvollziehe, wie der VfB sich im Elyssee Hotel einquartiert, wie sie sich – da ja noch ein zweites Spiel ansteht – den schönsten (noch) Rasenplatz Hamburgs am Borgweg im Stadtpark gesichert haben. Aber was soll das, wenn ich den Text eh nicht schreibe? Was versuche ich denn überhaupt das Bild der Stuttgarter in Hamburg zum Leben zu erwecken, wenn ich doch an diesem besonderen Spieltag in Stuttgart sitze? Wo doch der VfB ohnehin nicht die Tage bis zum nächsten Aufeinandertreffen in der Hansestadt zum Sightseeing nutzt, sondern wieder zurück ins Ländle düst? Was ist überhaupt besonders?

1. Ich bin Hamburger im Stuttgarter Exil! 2. Ich schreibe als HSV-Fan zusammen mit einem VfB-Fan einen Blog über unsere Vereine. Das gepaart macht das Spiel zwischen diesen Mannschaften natürlich automatisch zum Spiel der Spiele und in Stuttgart gibt es nur einen einzigen Ort an dem so ein bedeutsames Spiel geschaut werden kann: Die Schubibar! Die Schubibar heißt eigentlich Schubart Stube und ist die beste Fußballkneipe der Stadt. Da gibt es kein „wenn“ und kein „aber“, nur ein „Issso“. In dieser ehrlichen Kneipe bekommt man für viel Geld viel Bier und den Nachbarn als VfB-Hooligan. Ein Ort, der dich weich umschließt und erst nach 90 Minuten plus Nachspielzeit wieder auf den Asphalt des wahren Lebens spuckt. Als erwähnter Exilant ist das Standing bei einem doch durchweg VfB-geprägten Publikum natürlich schwer. Da pokert man nur darauf – wie damals in der Jugendmannschaft – dass sich der Gegner nach dem ersten Gegentor selber zerfleischt und mehr von der eigenen Mannschaft als vom Gegner genervt ist. Wie gut das geklappt hat, ich hätte es nicht für möglich gehalten. Was war das denn bitte für ein Spiel? Dabei fing es für mich persönlich gar nicht so gut an.

Das Spiel:

Zum einen war ich so viel zu spät in der Kneipe, dass ich das erste Tor gar nicht mitbekommen habe, zum anderen war mein Stammplatz besetzt. Frechheit, aber kein Tag an dem man schon zum Spielbeginn und mit einer Führung im Rücken Ärger mit der Mehrheit anzettelt. Also: Zweitbester Platz und erstmal gucken, wer es gewagt hat den Platz zu klauen. Stuttgarter, wenig überraschend. Die waren natürlich nach dem 1:0 schon auf Temperatur. Und bevor ich überhaupt ein Pils in der Flosse hatte, stand es ja auch schon 2:0. Ohne das bisherige Spiel gesehen zu haben, war das Problem klar. Die Stuttgarter Abwehr. Nicht dass mich das überrascht. Schon vor 4 Wochen habe ich meinem Schreibpartner gesagt, dass der VfB zu viele Gegentore bekommt. Damals fand er das Problem noch nicht problematisch genug, aber als HSVer (das letzte Mal als die eine positive Tordifferenz hatten sind die wohl Meister geworden) kennste die Problematik genau. Aber der HSV war auch gallig. Stand in der ersten Halbzeit hinten gut drin. Nervte die Stuttgarter und provozierte Fehlpässe am laufendem Band. Hatten vorne mit Kittel, Harnik und Jatta drei unausstehliche Störenfriede. Am Nebentisch wird gegen die Stuttgarter Hintermannschaft, Tim Walter und Gomez zerlegt, der spielt zwar nicht, aber klatscht die HSV-Bank ab. Ich bin beinahe froh als Leibold zu Heuer-Fernandes zurück köpfen will, aber unnötig zur Ecke klärt und die auch noch über Umwege und Gonzalez im HSV-Tor landet. Kurze Freude am Nebentisch. Zum Anstoßen der Trinkspruch „der trifft auch nur, wenn du ihn anschießt“ und „2:1 in der 30. Minute nehme ich!“. Mit dem nächsten Angriff ein feines Lächeln auf meinem Gesicht und eine geballte Faust in der Tasche. Keine Ahnung wo die Stuttgarter Spieler waren, aber in der Abwehr bzw. in der eigenen Hälfte nicht. Jatta fein in die Gasse auf Moritz (Moritz!) und der noch feiner auf Kittel und der mit dem Kopf (mit dem Kopf!) ins Tor. Am Nachbartisch – und erst als sich die Wogen etwas geglättet hatten: „Na, ein 3:2 in der 44. Minute nehme ich auch!“ Gab es nicht. 3:1 zur Pause und ich noch kein Stück beruhigt. Vorne gut, aber hinten schon auch anfällig.

2. Halbzeit:

Was denn jetzt los? Castro kommt ins Spiel und der HSV nicht mehr aus der eigenen Hälfte. Ich würde sogar so weit gehen, dass der VfB klar besser ist und auch trifft, aber auf jeden eigenen Treffer kommen 3 HSV Treffer, sicher hat der HSV Glück, dass das 4:3 zurückgepfiffen wurde, aber ohne Partei zu ergreifen würde ich die Regelung als Problem sehen. Die Frage ist nicht, wie kommt Gonzales da mit dem Arm hin, sondern die Antwort ist: Ja, er bekommt ihn an den Arm und das ist Hand. Hart, aber nicht das erste Mal in dieser Saison der Stein des Anstoßes (auch schon hier im Blog!). Klare Forderung: Ändert diese Kackregel!

Kommen wir aber zurück zu mir in die Schubibar: Nachdem der VfB das 4:3 nicht macht, schießt der HSV das 5:2. Wahnsinnig effizient die Jungs heute! Und erst jetzt kann ich entspannen. Das 6:2 dann aus Hamburger Sicht die Krönung und für die Stuttgarter eine schallende Ohrfeige, die der Lektion gleich kommt: mit so einer unterirdischen Abwehrleistung reißt du in der zweiten Liga nichts. Wie auch immer der Ballbesitz verteilt oder wie nah der VfB auch am Ausgleich war, chancentechnisch hätte der HSV noch zwei Hütten mehr machen können. Aber ich will nicht zu viel, ich bin da eher der Verfechter des „man sieht sich immer zweimal“, was im Fußball allgemein und am Beispiel HSV-VfB im Speziellen gilt. Übersetzt: Diss nicht den, der dich morgen dissen könnte.

Fazit:

Versuche ich mich mal an einem emotionslosen Fazit. In der ersten Halbzeit stand der HSV richtig gut und hat aggressiv verteidigt, gefühlt sind sie auch mehr gelaufen. Vorne mit drei beweglichen, schnellen und treffsicheren Unruheherden. Das 2:1 durch den VfB ein HSV-Geschenk. Die VfB Abwehr eine einzige Katastrophe. In der zweiten Halbzeit macht der VfB Druck und der HSV weiß nicht wohin. Die Schwaben viel besser, aber ohne Ergebnis. Der HSV dagegen hat immer die richtige ein-Wort-Antwort: Tor! Der HSV effizient wie sonst was und die VfB Abwehr immer noch katastrophal.

Einordnung:

Die 2. Bundesliga ist die Pflicht, der DFB-Pokal ist die Kür. Mit dem Sieg gegen einen direkten Konkurrenten ist die Pflicht also geglückt, gegen den gleichen Gegner geht es nun also um die Kür. Also: Mund abputzen, weitermachen. 

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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