13. Spieltag: Holstein Kiel - Hamburger SV

Nachspielzeit

von Christoph Mack

Sepp Herberger, zu seiner Zeit die unumstrittene Eminenz,
bis heute gibt es landesweit gegen ihn spärlich Resistenz.
Sein Wort ist gleich Gesetz, wie der Volksmund zu sagen pflegt.
Nur den einen seiner Sätze halte ich für widerlegt.

„Der Ball ist rund“ - so sei die Norm, dagegen führ ich nichts ins Felde.
Ein Spielgerät von anderer Form – dann wär das Spiel nicht mehr dasselbe.
Sein Satz fährt aber wie folgt fort: „das Spiel dauert 90 Minuten“.
Welch `ne Chimäre für den Sport! Denn ich muss wahrlich nicht vermuten,

sondern kann felsenfest behaupten, dass noch bei keinem einz‘gen Spiel,
das ich mit meinen eigenen Augen sah, dann auch der Abpfiff fiel. 
Niemals war wirklich Schluss nach punktgenauen eineinhalb Stunden.
Zum Glück oder Verdruss wurde die Nachspielzeit erfunden.

Und die gibt zuverlässig Stoff für alle möglichen Annalen. 
Meist gibt’s ein Team, das hofft, oft muss ein Team bitter bezahlen. 
Und dieser Zeit wird sie so relevant wie seither nie:
Der Grund ist wohl bekannt: Video Assistant Referee.

Er potenziert die Nachspielzeit in bisher ungeahnte Sphären. 
Die Spieler täten ein‘m beinah leid, wenn sie nicht so vermögend wären.
Doch keine der Expertenzungen wagt‘s Herberger zu korrigieren. 
So sehe ich mich nun gezwungen die Weisheit umzuformulieren.

Auch wenn der Geiste Sepps mich schauert, sag ich als blanker Realist:
Der Ball ist rund und das Spiel dauert bis wirklich abgepfiffen ist.

Der Hamburger Sportverein hat in dieser Spielzeit eine besonders innige Verbindung zur Nachspielzeit. Nachdem am letzten Spieltag dem Gegner aus Wehen nach Ablauf der regulären Spielzeit das Tor zum 1:1 gelang, so widerfuhr eine Woche später den Hamburgern diese glückliche Fügung. Auch hier war ein Eckball, der nicht entscheidend geklärt werden konnte, ursächlich für einen späten Ausgleichstreffer. Der eingewechselte Timo Letschert ließ seine Mannschaft in der 91. Minute jubeln und einen zwar verdienten, aber quasi nicht mehr für möglich gehaltenen Punkt aus Kiel mitnehmen. Ein gefundenes Fressen für die im Gedicht beschriebenen Annalen der Nachspielzeit – und ebenso für die in der Vorwoche von Kollege Boveland dargestellte Relativitätstheorie Dieter Heckings.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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