traditionell zweitklassig

15. Spieltag: SV Sandhausen - VfB Stuttgart

Neig´schmeckta

von Simeon Boveland

Als ich an diesem Freitagabend todmüde ins Bett fallen, sind meine Arme labbrig wie Gummi, an allen anderen Stellen des Körpers spüre ich die Strapazen des Tages und der gesamten letzten Woche. Mit einem Auge und geschwinden Daumen öffne ich die Fußball-App meines Vertrauens und schaue nach den Ergebnissen. Das ist reiner Zufall, der Schlaf drückt mir schon die Augen zu. Fast hätte ich auch komplett vergessen, dass meine Mannschaft an dem Abend gespielt hat. Ein Freitagabend-Flutlichtspiel, eigentlich ein schöner Anlass für einen gemütlichen Kneipenabend, wäre es nicht gegen die Violetten gegangen, die ligaintern auch Favoritenfresser genannt werden, wäre es auch nicht der Tag meines Umzuges gewesen. Also halb blind und im Wegdämmern sehe ich das Ergebnis, diese beiden Zahlen, und es löst nichts in mir aus. Zwar muss ich nochmal sicher gehen, aber emotional regt sich nichts. Der Aufsteiger aus Osnabrück hat seinem Namen wieder alle Ehre gemacht. Aber darüber müsst ihr diese Woche andernorts lesen. An diesem Freitagabend ist es mir ohnehin egal. Das Spiel der Primaballerina würde ich mir am nächsten Tag zu Gemüte führen und überhaupt bin ich ja in dieser Woche mit den Stuttgartern dran und die spielen erst am Sonntag. Mir ist das Recht, der Umzug hat alle Kraft aus mir gesaugt und fertig sind wir noch nicht. Umzug also: Schon kurz vorher hatte ich mehr und mehr das Gefühl in Stuttgart angekommen zu sein, aber der erste Umzug innerhalb der Stadt, raus aus der WG, rein in eine richtige Wohnung, das trägt schon zu einem richtigen Wohlfühlen bei und ganz leicht geht mir schon ein „Zuhause“ von den Lippen. „Zuhause“, dieses seltsame menschliche Konstrukt. Es ist dieses altbekannte Phänomen, das ich von früher und von den Zeltlagern kenne. Obwohl ich da nicht mal in einem richtigen Haus geschlafen habe, sondern in einem Zelt und dieses Zelt weit entfernt vom richtigen „Zuhause“ stand, hieß es doch schnell nach einer Wanderung: „Jetzt geht es nach Hause“, und eben jenes Zelt war gemeint. Schnell richten wir Menschen uns den Ort so ein, dass wir uns zuhause fühlen. In diesem Sinne bin ich schon seit meiner Ankunft in Stuttgart zuhause. Was wurde ich hier in der Stadt aufgenommen?! Von den Menschen und meiner WG! Und doch war es in meinem Hinterkopf lange ein Ort, von dem ich nicht wusste, wie lange ich hier sein sollte. Und nun ist es mein Zuhause. Ich habe einen Stuttgarter Stempel im Ausweis und ein Kehrwoche-Schild an der Haustür (ratet mal, wer da nicht mitspielt). Ich bin ein Neig´schmeckta (Anm. d. Verf. für die Außerschwaben: Neig´schmeckta ist Dialekt und heißt eigentlich Reingeschmeckter und meint so viel wie Zugezogener). „Neig´schmeckter“, das klingt abwertend, ist aber eigentlich ein Lob. Es bedeutet: „Nee, einer von uns bist du nicht. Schon gar nicht, wenn du versuchst so zu reden, wie wir reden – was du eh nicht kannst und nicht versuchen solltest, wenn du uns nicht beleidigen willst –, aber Respekt, dass du es schon so lange bei uns und mit uns ausgehalten hast.“ Ein Neig´schmeckta wird nämlich immer ein Neig´schmeckta bleiben. Egal was kommt. Sogar dann, wenn du weißt das es der Wasen und nicht die Wasen heißtDiese Schwaben, das ist schon ein besonderes Völkchen. Alleine das Konzept vom Gaisburger Marsch… oder Herrgottsbescheißerle (Funfact: in Hamburger gibt es Maultaschen nur in ausgewählten, ja, Delikatessengeschäften) und bereits erwähnte Kehrwoche. Ich glaube, dass nur der Tod Ausrede ist keine Kehrwoche zu machen. Schnell bekommt man im Ländle das Schwäbische eingeimpft und dazu gehört auch der VfB. Fast erschrocken beobachte ich, wie sehr ich da schon mitfiebere. Am Spieltag wenigstens regelmäßig den Ticker aktualisiere, wenn ich das Spiel nicht sehen kann und nicht gerade umziehe – und das obwohl der VfB in vielerlei Hinsicht der direkte Konkurrent des HSV ist. Ich ätze und ätzte gegen Dietrich und Reschke, schwärme für Hitzelsperger, werfe Walter die fehlende Handschrift oder ausbleibende Verbesserung vor (wobei beim VfB ja mit jedem behobenen Problem neue entstehen). Was es über meine masochistischen Züge aussagt, dass ich mir da neben dem HSV jetzt auch noch den VfB angelacht habe, das bleibt wohl ein Thema für das eigene Zwiegespräch. Am Ende dieses Gesprächs werde ich es mir nicht erklärt haben können und mit einem lapidaren „Fußball“ abtun. Es soll auch nur ein kleiner Ausflug in meine Gedankenwelt sein, hust. Nun bin ich fest im Stuttgarter Süden gelandet und hängen geblieben. Die HSV-Zusammenfassung habe ich noch immer nicht gesehen, aber am Sonntag und nach dem geglückten Umzug – gerade erst haben wir den großen Bauernschrank in den 3. Stock gestemmt – da habe ich routiniert den Ticker aktualisiert. Bouhaddouz mit nem Doppelpack, Gomez mit dem Hattrick, der in die Geschichtsbücher eingehen wird, da fällt dir irgendwann nichts mehr ein. „Mit dem Kader“ heißt es dann, „sowas sollte ich mal Montag auf der Arbeit abliefern.“

Manchmal merke ich sogar, dass ich den hier nötigen „das Glas ist halb leer“-Pessimismus schon aufgenommen habe. „Das Bruddeln ist des Schwabens einzig Müßiggang“, wie ein von mir erfundenes Sprichwort lautet. Es ist erkennbar an der schwäbischen Art der Bilanzierung. Zuerst waren es nämlich 4 Niederlagen aus 5 Spielen, jetzt sind es 5 Niederlagen aus 7 Spiele. Es wird negative Bilanz gezogen, auch wenn ab und zu mal ein Dreier zwischenfällt. Am Ende der Saison werden es x Niederlagen aus 34 Spielen sein, ob das für den Aufstieg reicht oder nicht? Abgerechnet wird am Ende, aber die Zündschnur ist kurz.

In dieser Situation ist unvorhersehbar, was nächste Woche passiert. Dann geht es gegen Nürnberg, eigentlich ein Spitzenspiel, wenn man nach der Ansetzung am Montagabend geht. Der Club aus Nürnberg ist auch eigentlich eine Mannschaft für oben, was dem VfB zugutekäme, aber zu viele „eigentlich“ in den letzten zwei Sätzen sagen schon alles. Der Club dümpelt nämlich gerade irgendwo im Tabellenkeller rum, was dem VfB wiederum gar nicht zugutekäme. Die Kleinen und Schwachen mögen sie nicht. Nach Sandhausen ist man ja schon traditionell gar nicht gerne gefahren. Sandhausen, ganz ehrlich, wer bist du überhaupt? Aber mir ist nach diesem Wochenende eh alles recht. Nach dem VfB-Spiel haben wir den hochgestemmten Schrank direkt aufgebaut. Die Wohnung ist schon ganz wohnlich, auch wenn noch überall Werkzeuge und Kisten rumstehen. Die Wände sind noch nackt, aber das kommt noch alles. Ich bin angekommen! Soll der Rest der Republik über Stuttgart schimpfen und die Mietpreise weiter ins Exorbitante steigen, hier bekommt ihr mich so schnell nicht weg, nicht mal dem VfB wird es gelingen. Stolz und wie ein Aussätziger trage ich den Titel „Neig´schmeckta“. Den werde ich nicht mehr los, aber in meinen Ohren rauscht das Meer.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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