traditionell zweitklassig

14. Spieltag: Hamburger SV – Dynamo Dresden

Pferdelunge

von Simeon Boveland

Die große Zeit der beiden Vereine ist schon lange vorüber und beide warten auf den lang ersehnten Tag der Wiederkehr auf die große Bühne, die ihre Welt bedeutet. In manch verbotenem Traum sieht sich der ein oder andere Spieler, Trainer, Funktionär wieder da oben. Auf dem Rathausplatz an der Alster oder im Dynamo-Stadion, einen Pokal in die sternenklare Nacht reckend – nebensächlich welche Art von Pokal.

Dies ist eine der Gemeinsamkeiten dieser beiden Vereine mit so langer Tradition. Beide hängen den Ereignissen und den Erfolgen der späten achtziger Jahre nach. Und dann ist da ja noch diese Erscheinung vom 23. Spieltag 1994, einem schmuddeligen Samstagnachmittag im Volksparstadion, als es bei Dynamo Dresden schon bergab ging und im nächsten Jahr tatsächlichen im Abstieg kumulierte und der HSV noch dachte, an alte Zeiten anknüpfen zu können. An diesem Tag ging ein Spieler der Dresdener dem Hamburger Star-Mittelfeld um Harald „Lumpi“ Spörl, Jörg „Ali“ Albertz, Thomas von Hessen und Yordan „die Augenbraue“ Letchkov so dermaßen auf die Nerven, dass HSV-Trainer Benno Möhlmann später sagte: „Dieser Jungen, dieser Beißer, gegen den will ich nicht nochmal spielen, sondern mit ihm!“ 

Der Junge, das war ein Dresdener Eigengewächs. Mit 11 Jahren kam Sven Kmetsch zur Dynamo, weil er es wollte, weil sein Trainer es wollte. Zwar war es eine Fahrt von über einer Stunde von Bautzen nach Dresden, aber Svens Trainer machte unmissverständlich klar, dass dies der einzige Weg für den kommenden Star der DDR-Auswahl sein würde. Er war so sehr davon überzeugt, dass es schon mal vorkam, dass er selbst – eigentlich einfacher Jugendtrainer des BSG Motor Bautzen – den kleinen Sven nach Dresden ins Training fuhr. Ja, klein war der Sven noch immer, fast noch so klein, als er ihn von der BSG Motor Großdubrau nach Bautzen lockte. Aber der Junge hatte was, dass spürte er. So jemanden hatte er noch nie trainiert und manchmal saß er abends in seinem Fernsehsessel und malte sich die Bilder aus, wie seine Entdeckung Sven Kmetsch seinen Herzensverein Dynamo Dresden zur Oberligameisterschaft schoss. Er war so hartnäckig bis Herr und Frau Kmetsch zustimmten. Es waren einfache Leute, die bei der Erziehung ihres Sohnes aber alles richtig gemacht hatten. Sven fiel neben dem Platz nicht auf. Wie seine Eltern. Ganz nebenbei linientreu, zumindest nicht anderweitig auffällig, dass musste erst einmal reichen.

Aber über eine Stunde mit dem Auto dauerte es bis zum Training und seine Eltern hatten zum Glück eines, aber Sven wäre auch mit dem Zug gefahren. Über drei Stunden von Bautzen nach Bischofswerder, da am Bahnhof in den Zug nach Dresden und vorbei am Schloss in Ramenau. Aber der Junge wollte das so. Nach den Spielen am Wochenende: Pflichtprogramm bei den Großeltern in Kleinwelka. Eine Oase mit dem kleinen Gartenstück und den schattenspendenden Obstbäumen. Für Sven die besten Bedingungen. Die Stämme als Pfosten, Opa oder Vater, manchmal auch Mutter oder Oma, als Torhüter und Torhüterinnen und dann drauf, drauf, drauf. Nur seine Stollenschuhe durfte er da nicht anziehen, das war streng verboten. Im Frühjahr und Sommer fuhren sie von Kleinwelka aus auch oft an die Talsperre. Dort hatte der kleine Sven schwimmen gelernt, das war nicht ganz legal, aber Opa winkte nur ab. Sven war auch ein guter Schwimmer, aber noch besser im Fußball. Wobei, so gut war er gar nicht. Immer der Kleinste, kniff und biss er sich in jeden Gegner und lief, als gäbe es kein Morgen. „Eine Ausdauer hat der Junge“, sagte sein Trainer und Entdecker oft und Vater antwortete dann nur: „Hat er von seiner Mutter, die war als Jugendliche auch Ausnahmeläuferin, hätte es damals fast in den Kader geschafft.“ Und so zogen die Jahre ins Land mit der Mauer drum herum und aus Sven Kmetsch wurde Quetsche und Zerquetsche und „du kriegst gleich eine gekmetscht“ ein Sprichwort in der Jugendmannschaft, die auch DDR-Meister wurde und als die goldene Generation Dynamos galt. 1988 war das, konnte ja niemand ahnen, dass Dynamo Dresden Dynamo Berlin nicht mehr den Rang ablaufen würde. Das es mit der Vormachtstellung bald vorbei sein sollte, das dachte keiner in der Mannschaft, das wünschte sich keiner in der Mannschaft und bis zu den Herren blieben sie zusammen und auf einmal spielte Kmetsch in der Oberliga seines Vereins. Nicht erwähnenswert die kurzen Gastspiele bei Meißen und Stahl Riesa. Neun Spiele Oberliga und dann war es das mit der DDR. Dem guten Abschneiden der Dresdener war es zu verdanken, dass sie in die 1. Bundesliga aufrückten und Sven Kmetsch ein Bundesligist wurde. Bis 1994 auch bei Dynamo Dresden, bis es zu dem verhängnisvollen Spiel kam. Danach wollten die Hamburger die Pferdelunge auf alle Fälle und 1995 kam er. Sven Kmetsch, Sohn der Stadt Bautzen, in der Hansestadt Hamburg. Und dort reifte er zum Kapitän und Nationalspieler. Gut, nur zwei Länderspiele und bei noch näherer Betrachtung nur zwei Halbzeiten und dann auch noch nur gegen Armenien und Oman, aber zwei Länderspiele haben oder nicht haben. Ein ehrlicher Arbeiter, ein bodenständiger Typ, sagten seine Mitspieler über ihn. Ein Wechsel nach Gelsenkirchen beinahe die logische Schlussfolgerung. Schade.

Und 25 Jahre nach diesem Spiel im Volksparkstadion dem miesen 1:1 bei miesem Wetter, hoffte Sven Kmetsch auf ein erneutes, diesmal munteres Unentschieden. Aber es kam anders. Wieder im Volkspark wurde diesmal der große HSV der Favoritenrolle in dem Sinne gerecht, dass sie die drei Punkte in Hamburg behielten, auch und unter anderem deshalb, weil kein neuer Sven Kmetsch dem Hamburger Letchkov der Neuzeit, Sonny Kittel, aufhalten konnte. Und, klar, ein Tor in der Nachspielzeit!

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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