traditionell zweitklassig

18. Spieltag: Hannover 96 – VfB Stuttgart

Walternativen

von Christoph Mack

Mal ehrlich: Den Text, den ich nun weihnachtsfeiertagsgeschwängert zwischen Familienessen und Kirchgang zusammenzimmere, hätte ich auch schon vor Beginn der Saison vorbereiten können. Allenfalls ein paar Zahlen hätten gegebenenfalls ausgetauscht und die Leerstellen für die Zitate ausgefüllt werden müssen. Wobei selbst diese erwartungsgemäß dieselbe Tonart anschlagen wie eh und je. Man hätte ja gerne anders gehandelt, aber nun konnte man nicht mehr anders handeln. Oder um es mit Karl Valentin zu sagen: Mögen hätten sie schon wollen, aber dürfen haben sie sich nicht getraut. Es lebe die konstante Inkonstanz.

„Der erlebt Weihnachten nicht mehr als VfB-Trainer“ hatte mein befreundeter Fußballexperte und Dauerkartenbesitzer Helmut bereits im September vorausgesagt. Meine Meinung in der monatelangen Trainerdiskussion war lange Zeit eine andere. Ich gehörte zu denen die dafür plädierten, den Tim mal machen zu lassen. Erst als selbst in traditionell seriösen Medien Meldungen von atmosphärischen Störungen zwischen Übungsleiter und Mannschaft zu lesen waren, änderte sich meine Einschätzung des Ernstes der Lage grundlegend. Und sollten diese Berichte tatsächlich der Wahrheit entsprechen (und nicht lediglich unruhig werdende Sponsoren und Investoren, die ihr Investment an den Wiederaufstieg geknüpft haben, für die Entlassung ursächlich waren), so halte ich die getroffene Entscheidung des Sportvorstandes für richtig. Denn auch hier lege ich die gesamtgesellschaftliche Parallele als Maßstab an: Wenn das persönliche Verhältnis zwischen einem Chef und seinen Unterstellten gelitten hat, arbeiten selbige nicht mehr mit letztem Einsatz. Motivation und Ambition sind jedoch meines Erachtens exakt die Parameter, die in der traditionell leistungsdichten zweiten Fußballbundesliga noch öfter über Sieg oder Niederlage entscheiden als in der Belletage und auch dafür verantwortlich sind, dass nun eben Mannschaften wie Aue oder Heidenheim an das Tor zum Oberhaus anklopfen. Nur wer kann diese Tugenden beim Verein für Bewegungsspiele wiedererwecken?

Ein Schleifer  á la Felix Magath?
Ein Motivator á la Jürgen Klinsmann?
Ein Erneuerer á la Domenico Tedesco?

Und damit rein ins Trainerkarussell. Zwischen den Jahren werden die Herren Hitzlsperger und Mislintat wohl Überstunden schieben müssen, um eine langfristige und eben keine Zwischenlösung zu finden, damit die Roten zum Jahresanfang nicht schwarzsehen. Huub Stevens oder Bruno Labbadia sind die hämischen Vorschläge meiner Freunde ohne Brustringverbundenheit. Ein ehemaliger Kommilitone schlägt sich selbst als Übungsleiter vor und inszeniert sein Angebot auf Facebook medienwirksam mit einem alten Bild an der Seite von VfB Legende Willi Entenmann im VfB Presseraum – ein Running Gag, den er schon bei den letzten halben Dutzend Trainerentlassungen platziert hatte. Ich nehme das alles erschreckend unaufgeregt zur Kenntnis. In diesem Verein ist die Trainerfigur längst zur Marionette verkommen. Unter Tayfun Korkut zeigte die Mannschaft innerhalb eines halben Jahres zwei komplett unterschiedliche Gesichter – Tim Walter schaffte dasselbe bei seinem letzten Auftritt als Verantwortlicher in Hannover innerhalb zweier Halbzeiten.

Nun muss Tim Walter gehen, so sind die Mechanismen des großen Geschäfts. Ob es eine glückliche Entscheidung war, kann man heute noch nicht mit Sicherheit sagen. Im Gegensatz dazu verspricht diese Entlassung definitiv einen frisch zu mischenden Kartensatz, eine Neubestückung der rotweißen Wundertüte, ein weniger berechenbares Spielsystem und mit an Hochsicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Menge Stoff für diesen Blog.

Im besten Falle muss Kollege Boveland schon in seinem vorvorletzten Beitrag mir und dem VfB zum Aufstieg gratulieren. Vielleicht fällt das Team aber auch komplett auseinander und spielt eine Rückrunde, die an Hannovers Hinrunde erinnert. Vielleicht schnappt der VfB dem Konkurrenten aus dem Norden auch in letzter Minute noch den Relegationsplatz weg. Vielleicht frage ich einfach bei Gelegenheit nochmal beim obengenannten Fußballpropheten Helmut nach.

Es bleibt spannend und als Fazit der Hinrunde festzuhalten:

Der VfB steht auf Platz 3, drei Punkte hinter Tabellenführer Bielefeld, punktgleich mit dem Hamburger Sportverein. Es ist einerseits noch nichts verloren und andererseits noch alles möglich. Der VfB muss sich nun wiedermal neu (er)finden um der direkten Konkurrenz - wie zu Saisonbeginn geplant - immer einen Schritt voraus sein – zumindest haben sie den Trainer nun schon früher gewechselt als der HSV.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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