traditionell zweitklassig

Winterpause

Das Transferfenster

von Christoph Mack

Halbjahr für Halbjahr öffnet es seine Pforten und schon bevor es sich auch nur einen Spalt breit aufgetan hat, wehen wilde Spekulationen auf den Marktplatz der begrenzten Unmöglichkeiten. Gerade in der Winterpause zieht es gehörig, was auch daran liegt, dass das Transferfenster hier ungleich kürzer geöffnet bleibt als im Sommer. Da heißt es: Augen auf und zugreifen, Leihfristen und Kaufoptionen aushandeln, Bankdrücker verscherbeln und talentierte Jugendspieler verleihen. 

Sven Mislintat zeigte sich heuer knausrig und kauffaul, ganz als hätte er sich seinem mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Arbeitsumfeld schon gänzlich angepasst. Wahrscheinlicher aber ist, dass er mangels adäquater Angebote und eines grundsätzlich schlagfertigen Kaders keinen allzu großen Handlungsdrang verspürte. Um aber jeglichen totalitären Fundamentalkritikern im Vorhinein den Wind aus den Segeln zu nehmen, präsentierte er doch noch wenigstens einen Neuzugang: Den 19-jährigen Darko Churlinov, Flügelstürmer, Juniorennationalspieler Nordmazedoniens, ausgebildet in der Jugend des 1.FC Köln. Ein unbequemer Gegenspieler soll er sein, so quirlig, trickreich und unorthodox seine Spielweise. Doch genau wie er den Abwehrreihen in der Regionalliga West regelmäßig davongerannt ist, eilt ihm der Ruf voraus auch innerhalb des Teams aus der Reihe zu tanzen – dann, wenn er nicht dort spielen soll, wo er will. In dieser Kompetenz könnte er den zu Hertha BSC abgewanderten Santiago Ascasibar gleichwertig ersetzen. Ansonsten setze ich hinter diese Verpflichtung ein vorsichtiges Fragezeichen. Sicher scheint der Neuzugang vielversprechende Anlagen zu haben, doch was genau ihm regelmäßigere Einsatzchancen einräumen sollte als den positionsverwandten Altersgenossen Tanguy Coulibaly, Roberto Massimo, Lilian Egloff oder Mateo Klimowicz wage ich aus der Ferne nicht zu beurteilen. 

Mit Sicherheit wird der zweite Neuzugang des VfB am Ende der Rückrunde weniger Spielminuten auf dem Buckel haben wie Chulinov. Doch mit fast ebenso großer Wahrscheinlichkeit wird er dennoch mehr im Fokus stehen, denn mit Pelegrino Matterazzo steht ein nächster Trainer an der Seitenlinie. Auch ihn kannte bislang kaum jemand, auch er kam mit bescheidenen Vorschusslorbeeren und leidenschaftlichen laudatiert. In Hoffenheim leistete er wohl gute Arbeit im Schatten des alles überstrahlenden Nagelsmann. Ein Weltmann sei er, der Herr Materazzo, dessen Vorname der Reporter beim Vorbereitungsspiel gegen den FC Basel immer mit einem amerikanischen Akzent versieht. Kommunikativ und ruhig sei er und er bringt wieder neue Ideen mit. „Er hat eine andere Spielphilosophie als der Vorgänger“ meint Mario Gomez im Interview und seltsamerweise nennen sowohl Hamadi Al Ghaddoui als auch Gregor Kobel den Ex-Trainer nicht bei Namen, als wäre er Du-Weißt-Schon-Wer. Tim Walter, der „Vorherige“, der, der allem Anschein nach tatsächlich zum Schluss nicht mehr viel Kredit bei seiner so geliebten Mannschaft hatte. 

Nun also Pelegrino Matterazzo, dessen neue Philosophie schon im Testspiel zu Tage tritt: Vertikaler ist das Spiel, Bälle werden auch mal lang und weit geschlagen, der Gegner wird ab und an zum Pressing verführt und nicht am Strafraum eingeschnürt. Gute Ansätze, die spätestens in einer Woche den Grundstein für den Weg in die erste Liga bedeuten sollen – oder zu Makulatur verkommen, wenn der Rückrundenauftakt denn schief geht. 

Denn spätestens mit diesem Trainer-Transfer hat sich der VfB selbst zum Aufsteigen verdammt. Und man weiß jetzt schon, dass auch nur dann vielleicht die Neuzugänge erschwinglich sein könnten, die schon seit Jahrzehnten sehnlichst erwartet werden: Kontinuität, Demut und Ruhe im Umfeld. 

Tugenden die beim kommenden Gegner, dem 1.FC Heidenheim, seit jeher fest verankert sind. 

Mehr davon in einer Woche. Bei traditionell zweitklassig. Denn alles andere ist „Churli-Burli“.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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