traditionell zweitklassig

Winterpause

Kinderschuhe für den Dino

von Simeon Boveland

Beinahe langweilig kommt der Bundesliga-Dino daher, der noch in seinen Kinderschuhe für die zweite Bundesliga steckt, und doch: Glaubt man den neuerlichen und taktischen Worten von Trainer Hecking und schaut sich das Transferverhalten an, dann scheinen zumindest schon einmal die Verantwortlichen die zweite Liga verstanden zu haben. Auf dem Transfermarkt wirkt der HSV nämlich erstaunlich ruhig und besonnen. Mit dem Louis-Doppelpack (Anm. d. Verf.: Louis Schaub und Louis Jordan Beyer) sind jetzt zwar die ersten Winterneuzugänge gekommen und vielleicht kommt ja noch ein Offensivmann vom Kaliber Bozenik, aber so ein Ausmaß wie einst das Holen von Perlen wie Albert Streit oder Frank “Mach et, Otze” Ordenewitz scheint es nicht zu geben. Klar, da waren auch echte Perlen dabei, aber so einen Ailton 2.0 muss es nicht unbedingt geben, auch wenn der gerade wieder durch die deutschen Fußballhallen turnt. Eine andere schlechte Erinnerung wird so manch HSVer an den 01.02.2009 haben, als zur Leihe aus Nantes ein gewisser Michael Gravgaard an die Elbe wechselte. Dem Menschen Gravgaard wird man mit dieser einseitigen Sicht nicht gerecht, aber seine traurige Figur, die er machte, als er einen Ball, den er unbedrängt zum Torwart zurückspielen wollte, dieser aber kurz vorher über eine Papierkugel, die schon auf dem Rasen lag, hoppelte, mit dem Schienbein als Querschläger ins Toraus schlug, wird auf ewig im HSV-Gedächtnis gebrannt bleiben. Was nach einer amüsanten Slapstick-Einlage klingt, wenn es denn bei einer ungefährdeten 3:0 Führung gegen Mainz oder am letzten Spieltag im gesicherten Mittelfeld passiert, hat ganz andere Folgen, wenn es das Halbfinalrückspiel im UEFA-Pokal ist, wenn es gegen den Erzrivalen aus Bremen geht und eben dieser Rivale durch diese Ecke ein Tor erzielt, das auch am Ende dazu führt, dass der HSV aus dem UEFA-Pokal fliegt. Natürlich war es nicht Gravgaards alleinige Schuld, auch war es nicht seine Schuld, dass auch das Halbfinale im DFB-Pokal und wiederum gegen Werder Bremen verloren ging und es war nicht Gravgaards Schuld, dass mit dieser Papierkugel, mit diesem vermaledeiten April 2009, der Abstieg des HSV begann, der nach einer Odyssee des Grauens beinahe erlösend mit dem Abstieg 2018 beschlossen wurde. Weder ist dies Gravegaards Schuld noch hat es nur rein sportliche Gründe für den Abstieg und doch steht diese Szene sinnbildlich für alles was danach kam. 

Nun genug der dunklen, vergangenen Zeit. Wir befinden uns im Januar 2020, einem neuen Jahrzehnt, und wir, wir der HSV, sind geläutert, wir haben uns selbst gereinigt. Der HSV war die Lena Headey, die Cersei Baratheon (geb. Lannister), die durch die Straßen von King´s Landing der Bundesliga getrieben wurde. Eine Lachnummer. Das war der HSV des letzten, schlechten Jahrzehnts. Aber Halt! Nicht mehr! Wagt es nicht mehr den HSV als Referenz zu nennen, wenn Trainer entlassen oder Rucksäcke im Park liegen gelassen werden. „Schlimmer als der HSV” ist eine Redewendung, die keinen Bestand mehr hat. Nein, das ist nicht mehr der HSV. Sucht euch einen anderen Dummen. Der HSV ist jetzt langweilig. Der HSV hat nämlich noch seinen Trainer mit dem sie die Saison 2019/20 begonnen haben. Und über den HSV-Trainer liest man in der Winterpause nicht: „Es wird noch lange dauern bis meine Spieler mein Spiel verinnerlicht haben.” oder „Die Mannschaft fällt noch in ihre alten Muster zurück.” Der Trainer selbst spricht nicht von einer Sisyphos-Arbeit. Nicht mehr, nie mehr (ok, das “nie” scheint mir auch etwas übertrieben, aber ich bin so überschwänglich, ich könnte Bäume ausreißen, jaaaaaaaaa!). Der HSV bewirft seine Spieler nicht mehr mit Geld, kauft jetzt Spieler, die er sich leisten kann und wenn nicht, dann leiht der HSV jetzt Spieler. Meist feine, ambitionierte Spieler. Die müssen sie vielleicht wieder abgeben, aber es wird wieder mit Verstand gewirtschaftet. Und deshalb ergibt es Sinn, wenn der HSV einen jungen Spieler leiht, der Erfahrung sammeln will und im Gegenzug beim HSV auf der offenen rechten Verteidigerposition Löcher stopft. 

Es sieht nach Demut aus und demütig hoffen wir alle! Der Dino steckt in seinen Kinderschuhen. Vielleicht klappt es mit dem Aufstieg (hoffentlich), aber wenn nicht, dann greift der HSV wieder an. Einiges verspricht besser zu werden, aber wer weiß das schon im Fußball. Gerade geht es kontinuierlicher zu als in den Jahren zuvor. Ich möchte den Mut haben ein Wenig daran zu glauben. Und wenn nicht? Und wenn nicht, dann verkraften wir das auch noch. Wir, der HSV. 

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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