traditionell zweitklassig

19. Spieltag: Hamburger SV – 1. FC Nürnberg

Kleine Rechnung

von Simeon Boveland

Oben auf den Fildern mit Blick in den Stuttgarter Kessel liegt Sillenbuch. Noch heute steht hier ein üppiger Buchenwald, der der Gemeinde 1264 seinen Namen gegeben hat und vermutlich lag es auch an der Ruhe des Waldes, weshalb Markus Schmidt hier hochgezogen ist. Natürlich auch für den SV Sillenbuch, der Verein, der ihn 1997 zum DFB-Schiedsrichter gemacht hat. Pittoresk liegt der Platz des SVS zwischen Ortsrand und Buchenwald. Manchmal erinnert sich Schmidt an sein erstes Spiel zurück. Ein unvergessliches Spiel, zumindest für ihn. Hannover 96 gegen Fortuna Düsseldorf. 0:2. Zu „seinem“ ersten Torschützen Igli Trare hatte Schmidt Zeit Trare´s Karriere ein besonderes Verhältnis, nicht so zu Unger, den er noch in der 90. Minute mit gelb-rot vom Platz schicken musste. Was für eine Feuertaufe! Und beinahe schmunzelnd erinnert sich Schmidt daran, wenn er sich denn nicht vertut, dass tatsächlich der heutige HSV-Trainer Hecking damals noch eingewechselt worden war. Ohnehin spielten damals für H96 einige Hamburger Fußballlegenden: Jürgen Degen, Otto Addo, Bastian Reinhardt. So was weiß Schmidt. In der Hinrunde musste er schon einige Male in den Norden hoch und da bereitet man sich natürlich vor. Meistens bei einer Tasse Tee im Wintergarten und mit Blick auf den glitzernden Kessel. Was ihn aber in diesem Donnerstagabend erwarten sollte, dass wusste Markus Schmidt vorher nicht.

Die Wahl des Schiedsrichter bemisst sich traditionell nach der Leistung des Schiedsrichters im Spiel, also immer erst nach dem Spiel, aber um ganz ehrlich zu sein, Markus Schmidt, schien schon vor der Partie der perfekte Schiedsrichter zu sein. Die oberste Regel eines Schiedsrichters ist: Nicht auffallen! Das ist es doch, was einen guten Schiedsrichter ausmacht und was sie selbst am liebsten haben, wenn nicht über sie gesprochen wird. Ergo, eine scheinbar gute Wahl für das letzte Spiel des 19. Spieltages, wenn nämlich der 1. FC Nürnberg zu Besuch im Hamburger Volkspark sein sollte. Eine Partie mit Vorgeschichte:

Im Sommer 2019 waren die Voraussetzungen noch anders. Der HSV im zweiten Zweitligajahr und im zweiten Spiel der Saison – nach dem mageren Unentschieden gegen Darmstadt – schon unter Zugzwang, wollte natürlich auch der fränkische und frisch abgestiegene Traditionsverein ein Ausrufezeichen setzen. Mit einem zweiten Sieg den Saisonstart gegen den HSV veredeln, nachdem es gegen Dresden nicht rühmlich, aber doch für drei Punkte reichte. Das Ergebnis war dann eine Ansage. 0:4 ging der 1. FC vor heimischer Kulisse baden. Ein Ergebnis, das keine Diskussion zuließ, aber in der folgenden Debatte um Jattas richtige Identität besudelten sich einige Zweitligamannschaften, allen voran die Nürnberger, nicht sonderlich mit Ruhm. Abgesehen von dem Einspruch beim DFB war es vor allem der obskure Zeuge den der FCN-Sportvorstand Palikuca aus dem Hut zaubern wollte, der das Fass zum Überlaufen brachte. Nachdem der Fall Jatta abgeschlossen war, trat Palikuca dann auch noch gegen Leibold nach (Anm. d. Verf. der ehemalige Franke war im Sommer zu HSV gekommen). Wortbruch und andere Befindlichkeiten wurden geäußert und zeigten Palikucas emotionale Politik, die kaum verwundern darf. In der Weltgeschichte wurde schon für Weniger ein Streit vom Zaun gebrochen und besonders effektiv war schon eh und je die Flucht nach vorne. Unruhe bei anderen stiften, wenn es in den eigenen vier Wänden nicht stimmt und da braucht es beim 1.FCN keine Hellseherei. Der steckt im Abstiegskampf und es droht ein negativer Durchmarsch. Und nun also das Spiel in Hamburg. Palikuca wird mit einer aufgeheizten Stimmung gerechnet haben, das zumindest erschließt sich aus der Berichterstattung vorab. Er versuchte zu relativieren, nicht den Menschen Jatta in Frage zu stellen, sondern die Interessen seines Arbeitgebers. Es half aber alles nichts und hilfreich für Palikuca war sicherlich auch nicht die Äußerungen vom Hamburger Boldt, der noch eine kleine Rechnung offen haben wollte. Nun ist so ein Vorgeplenkel ja auch völlig egal, da es hinlänglich bekannt ist, dass die Wahrheit auf dem Platz liegt. Und spätestens da war alles klar. Das dachte sich auch insgeheim der rotnasige Markus Schmidt in seinem schwarzen Rollkragenpullover, den er auch bei seiner Arbeit als Personalchef der S-Bahn Stuttgart hätte tragen können. Nürnberg ängstlich. Jatta mit der richtigen Antwort auf sein letztes halbes Jahr, nämlich mit einem Tor. Kittel lupft da weiter, wo er im letzten Jahr aufgehört hat und Hinterseer holt sich Selbstvertrauen. Sogar Handwerker auf Seiten der Nürnberger traf wieder im Spiel gegen den HSV, aber diesmal ins richtige Tor. Beim HSV klappte noch nicht alles, was im Winter einstudiert wurde, aber für Nürnberg reichte es. Mit drei Punkten und der gleichen Tordifferenz im ersten Spiel des Jahres, zieht der HSV wieder mit dem VfB gleich und steht dank mehr Tore wieder auf Platz zwei. Das alles überschlug auch Markus Schmidt in einer kleinen Rechnung schnell im Kopf. Das Spiel hielt zwar zwei kleine Aufreger in Form des VAR bereit, aber er traf alle Entscheidungen richtig und fiel auch ansonsten nicht auf. Ein toller Abend im kalten Hamburg und der Sillenbucher freute sich schon wieder auf eine schöne Tasse Tee. Diesmal mit Hamburger Kandis, dafür hatte sich Schmidt die Zeit genommen.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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