traditionell zweitklassig

19. Spieltag: VfB Stuttgart – 1. FC Heidenheim

VfB Stuttgart 2020

von Christoph Mack

Jetzt neu: der VfB Stuttgart 2020. 
Es sind schon einige Umstände, die den geneigten Fußballbeobachtenden zu solch reißerischer Überschrift verleiten könnten. Neues Jahrzehnt, neuer Übungsleiter, neuer Spielstil, aber auch neuer VfB? Die Spannung ob des ersten Heimspiels im frischen Kalenderjahr stand jedenfalls etlichen Fans im Stadion ins Gesicht geschrieben, waren doch allein aufstellungstechnisch vorab nur zwei Fragen geklärt: Kobel ist die Nummer eins und Kempf nach wie vor Kapitän. Auf dem Platz zeigte sich von Anfang an tatsächlich ein anderes Gesicht. Im Verlauf der bisherigen Saison hatte man sich ja schon schmerzlich daran gewöhnen müssen, dass die Herren mit dem Brustring die gegnerische Mannschaft am Rande des eigenen Sechzehners einschnürten, um im Stile einer Handballmannschaft stetig und mangels zu gewinnendem Raum auch ohne Raumgewinn um den Strafraum herum zuspielen. Volle Kontrolle eben. Nicht so in diesem Spiel gegen Heidenheim. Von Anfang an ging es mehr hin und her. Mal ließ man die blaugekleideten Männer von der Ostalb kommen, mal versuchte man selbst schnell in die Spitze zu spielen. Alte Laster waren dabei erwartbarerweise immer noch zu erkennen: unabgestimmte Laufwege, mangelnde Passsicherheit im Aufbauspiel und fehlendes Tempo bei Kontersituationen. Doch hier und da blitze auch so etwas wie Kombinationsfußball auf – meist dann, wenn Daniel Didavi seine Samtpantoffeln im Spiel hatte. Wie beim balsamierenden Führungstreffer, als ein mehr oder weniger geplanter Doppelpass mit Kempf in einer Doppelchance für Letzteren mündete und schlussendlich erfolgreich abgeschlossen wurde. Jetzt hielt der VfB den Schalthebel in der Hand, zeigte sich engagiert und grätschwillig und nahm die Führung mit in die Kabine. 

Der Pausentee zeigte anfangs der zweiten Hälfte keine spielverändernde Wirkung, der VfB präsentierte sich gefestiger, aber nicht immer zwingend. Nur wenn Jungspund Nicolas González am Ball war wurde es meist gefährlich – und zwar vorne wie hinten. Doch die Heidenheimer hatten wahrlich nicht ihren besten Tag erwischt: Schnatterers Flatterball ging drüber, Theuerkauf fiel nur durch billige Tricks auf und Kleindienst erwies seinem Team mehrfach bestenfalls Bärendienste. So reichte eine gut getimte Sosa-Flanke und ein hinreichend platzierter González-Kopfball für die Verdopplung des Torabstands und für einen endgültig gebrochenen Willen bei den Blauhemden. Der abschließende Torerfolg von Routinier Gomez setzte ein I-Tüpfelchen auf eine gelungene Feuertaufe für den neuen Coach Pelegrino Materrazzo.  

So wenig war nach einem Spiel in dieser Saison selten zu meckern. Wie entfesselt spielt der VfB noch nicht, aber zumindest befreit. Befreit vom selbst auferlegten Dominanzanspruch, wirkte das Spiel elastischer, variabler und ironischerweise weitgehend kontrollierter als zur Ära Walter. Ob der Effekt bloß der des herkömmlichen neuen Besens war oder ob Pelegrino Matterazzo tatsächlich in allen Ecken nass durchgewischt hat und eine saubere bis glanzvolle Spielphilosophie schon bald Usus sein wird, diskutieren derzeit die Pessi- und Optimisten. Viel Zeit bleibt ihnen nicht: schon am Samstag geht es gegen den FC St. Pauli. 

Exilant Boveland, bitte übernehmen Sie.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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