traditionell zweitklassig

20. Spieltag: VfL Bochum – Hamburger SV

Am Ende des Regenbogens

von Christoph Mack

Halbseitig weiß, halbseitig regenbogenfarben. Das unumgängliche Kopfkino springt auch dieses Mal unwiderruflich an, sobald ich nur die Spielpaarung lese. In der Zeit, als sich mein fußballerischer Horizont längst auf die bundeweite Ebene hinaus entwickelt hatte, war ich doch noch bisweilen nicht davor gefeit einen albernen Anfängerfehler zu machen und in Spielen, in denen nicht mein schwäbischer Lieblingsverein spielte, derjenigen Mannschaft die Daumen zu drücken, dessen Trikot mir besser gefiel. Doch nicht nur das: mit Delron Buckley hatten die Bochumer auch einen auffälligen Spieler in ihren Reihen, dessen klangvollen Namen ich gerne beim Kommentieren meiner eigenen Tipp-Kick-Spiele gebrauchte. Zusammen mit dem quirligen Yildiray Bastürk und Peter Peschel mit den schönen Haaren wirbelte er demnach des Öfteren gegnerische Abwehrreihen durcheinander und wurde bei seiner Auswechslung, meist kam der deutlich defensivere Thomas Reis für ihn in die Mannschaft, von den Fans frenetisch gefeiert. Dies passierte in der besagten Saison 98/99 freilich nur in meinem Kinderzimmer, denn in jener Spielzeit mussten die als „unabsteigbar“ geltenden Bochumer zum dritten Mal den Weg in die zweite Liga antreten. Der Anfang der Transformation zur personifizierten grauen Maus begann.

Gut 20 Jahre später spielen die Mannen an der Castroper Straße die zehnte Zweitligasaison in Folge. An jenem mausgrauen Montag ist also der Hamburger SV zu Gast. Eine ehemalige Spitzenmannschaft, Ex-Bundesliga-Dino und Champions League Teilnehmer. Ein Verein, der sich vehement dagegen sträubt, einen ähnlichen Weg einschlagen zu müssen wie es der VfL Bochum getan hat. Es ist das zweite Spiel nach der Winterpause, es ist kühl und es gießt wie aus Eimern: die perfekte Kulisse für ein Schaulaufen verblichener Glanzlichter. Auch in der Saison 98/99 hatte dieses Spiel zu einem ähnlichen Zeitpunkt der Saison stattgefunden, ein Dienstagabendspiel war es. Freilich war die Winterpause annodazumal erheblich länger, sodass die äußerlichen Umstände bei diesem Nachholspiel Mitte März sicherlich andere gewesen sein dürften. Aber es waren ja auch andere Zeiten – für beide Mannschaften. 

Am 19.Spieltag der Saison 98/99 glauben die Bochumer noch fest an den Klassenerhalt, der HSV wittert insgeheim noch eine Restchance auf die UEFA-Cup-Plätze. Und so beginnen beide Teams engagiert, der VfL, laut Kicker „mit viel Kraftaufwand, Laufbereitschaft und Aggressivität“ und verdient sich die 1:0 Führung, auch wenn dabei der Hamburger Abwehrspieler Andreas Fischer entscheidend mithilft. Der HSV operiert mit langen Bällen und hat einige gute Gelegenheiten zum Ausgleich. 

Die Parallelen zum diesjährigen Aufeinandertreffen der ehemaligen Granden des Bundesligafußballs sind vorhanden. Auch an jenem verregneten Februarabend plätschert das Spiel nicht vor sich hin – Bochum spritzt in viele Bälle, erläuft erkämpft, ergrätscht sich zumindest optische Ebenbürtigkeit und wäre ein Andreas Fischer auf dem Platz gewesen und in den Pass von Robert Tesche gelaufen, den Simon Zoller knapp verpasst, hätte es auch mit demselben Ergebnis in die Pause gehen können, wie vor knapp 21 Jahren. Dies stellt sich erst nach gut einer Stunde ein, als Simon Zoller aus 16 Metern unhaltbar abzieht und das Ruhrstadion in Aufruhr versetzt. Das Momentum auf der Seite des Außenseiters, der Sieg fühlbar nah, die Euphorie greifbar. 

Flashback. Der HSV sucht immer wieder seinen schnellen Stürmer Anthony Yeboah, der mit seinen Finten und Dribblings der einzige Unruheherd im Bochumer Strafraum ist. Doch er erfährt zu wenig Unterstützung seitens seiner Mannschaftskameraden und es fehlt an Genauigkeit im Abschluss und beim letzten Pass. Bochum bleibt wachsam und spekuliert auf Kontergelegenheiten. In der 81.Minute bietet sich so eine und ein eingewechselter, 1,72m kleiner Flügelläufer namens Mehdi Mahdavikia köpft eine Hofmann-Hereingabe zum 2:0 in die Maschen. Die Entscheidung. Bochum sammelt wichtige Zähler gegen den Abstieg und der HSV muss seine Europapokalhoffnungen wohl erstmal begraben. 

An diesem Punkt entzweien sich die Handlungsstränge respektive Spielverläufe. Weil der HSV 2020 einen Außenverteidiger namens Tim Leibold in seinen Reihen weiß, der den Bochumer Führungstreffer mittels eines brachialen Volleyschusses unter die Latte egalisiert und einige Minuten später überlegt zu Neuzugang Pohjanpalo spielt, der das Spiel vollends dreht. Schlussendlich entscheidet Sonny Kittel per Schlenzer das Spiel endgültig zugunsten der Hanseaten. Schlussendlich souverän, abgeklärt und mit klaren Pässen auf unwirtlichem Geläuf sammelt der HSV drei sogenannte Big Points und verleitet den Kommentator sogar zu einer lange nicht mehr gehörten Attribuierung: Die Hamburger hätten demnach „im Stile einer Spitzenmannschaft“ agiert. 

Summa summarum bleibt der HSV also ganz oben dran und der VfL Bochum kann mit dieser gezeigten Einstellung zurecht auf den erneuten Klassenerhalt hoffen. Und auch wenn die folgenden Aussagen mittlerweile eben nur eine Liga tiefer und gegebenenfalls nur für eine Woche Geltung beanspruchen, konkludieren wir abschließend: Der HSV zählt zu den Top-Teams und der VfL Bochum ist immer noch unabsteigbar. 
Von wegen graue Mäuse – alles eine Frage der Perspektive. 

Übrigens: Delron Buckley ist mittlerweile Trainer der C-Jugend eines südafrikanischen Erstligisten und tritt in Tanzshows auf. 
In der Saison 98/99 holten die Bochumer nach dem Sieg über den HSV nur noch ganze fünf Punkte und stiegen (wie eingangs beschrieben) ab. Der HSV dagegen sammelte im weiteren Saisonverlauf noch 25 Zähler – und verpasste den UEFA-CUP-Platz nur knapp. Sie trösteten sich auf dem Transfermarkt und holten nach der Saison Kopfballungeheuer Mehdi Mahdavikia. Es sollte der Beginn einer achtjährigen Liebesbeziehung werden. Aber das ist eine andere Geschichte und soll womöglich ein andermal erzählt werden. 

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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