traditionell zweitklassig

20. Spieltag: FC St. Pauli – VfB Stuttgart

An den Landungsbrücken raus

von Simeon Boveland

Das hat er sich jetzt mal gegönnt. „Nee“, hat er zu den Freunden gesagt, „nee, das mache ich jetzt mal so. Mit dem 9er sind wir ja überall hingefahren. Weiß ich wohl.“ Und er wusste es ja wirklich noch. Überall waren sie zusammen gewesen. Ganz früher sogar noch im Europapokal. Aber auch alle deutschen Stadien kannte er. In Dortmund brennt echt die Hütte, Allianzarena kannste knicken, lohnt nicht. SAP? Muss nicht sein. Augsburg war nett, echt, Augsburg war nett, auch wegen der Führung. Und in der zweiten Liga? Klar, Darmstadt, Bochum, auch Bielefeld – obwohl er da ja in der Hinrunde das Spiel auf nem Parkplatz verbracht hatte. Sogar Sandhausen hatte er ja gesehen. Immer im 9er hin. Meistens echt nur hin, Spiel angucken und zurück. Hamburg im letzten Oktober war heftig… Ist ja auch ne Frage des Urlaubs, siehe Freitagabend- oder noch schlimmer Montagsspiele. Aber diesmal lag es nicht am Urlaub, das Spiel war ja am Samstag. Nee, diesmal hatte er einfach keine Lust Freitag nach der Arbeit loszufahren und dann die Nacht auf der Autobahn zu verbringen. Hatte er kein Bock auf. Also hat er mal das Internet angemacht und mit beiden Händen der Deutschen Bahn sein Geld in den Rachen geworfen, um entspannt in Hamburg anzukommen. Koffer ins Hotel bringen und dann schön aufm Kiez einen reinorgeln. So nämlich. Das hat er sich jetzt mal gegönnt. 

Jetzt wartete er vor dem Stadion auf die anderen und erkannte die Trümmertruppe schon von Weitem. Gott, sahen die scheiße aus. Anscheinend Stau, dass hatten die ihm gestern noch geschrieben, aber da konnte er nicht antworten. Er hingegen: das blühende Leben, also fast. Er hatte morgens eine kleine Hafenrundfahrt gemacht, ein kleines Matjesbrötchen weggeatmet und ein paar Pilsetten vorne am Bug weggenascht, dann ging das auch wieder mitm Kater. Eben war er dann auch noch in der bekannten Paulikneipe direkt am Stadion. Jolly Rakete oder so ähnlich. Das ist hier „auf“ St. Pauli so, haben die ihm gestern Nacht erklärt. „Wenn du uns nicht blöd kommst, kommen wir dir nicht blöd. Scheiß auf deine Farben, außer die sind blau, klar ne!“ Eben, so war das bei den Pauli-Fans, da fiel ihm nur ein Begriff ein: Au – Auten – Autentiz – na, echt waren die halt. Deswegen war er mit dem Zug gekommen, weil er endlich Hamburg kennenlernen wollte. Das fehlte ihm echt auf seiner Liste. Damals wollte er mal mit Ursel hin. Der hatte er mal ne Barkassenfahrt auf der Riccarda III geschenkt. Da hat die Ursel aber geglotzt. „Wie soll das denn gehen?“, hat sie noch wie blöd gefragt. Die Hellste war sie ja nie gewesen, aber geliebt hatte er sie ja schon. Na, und im Oktober war ja auch keine Zeit gewesen. Erst wollte er ja beide Spiele in Hamburg sehen. Also Samstag hin und wieder zurück. Mittwoch hin und wieder zurück. Da hätte er nur einen Tag Urlaub nehmen müssen, aber nach der Klatsche hatte er natürlich auch keine Böcke mehr auf. Dann lieber Urlaub sparen. Aber gegen Pauli war es die letzte Gelegenheit in dieser Saison in Sachen Hamburg. Das war der Grund, warum er sich das gegönnt hatte, wegen des Wetters ganz sicher nicht. Im Oktober war das schon eine Katastrophe gewesen, aber heute: Regen - kein Regen - viel Regen - kein Regen - büsschen Regen - Platzregen - kein Regen - Nieselregen - kein Regen. In zwei Wörtern: Echtes Schmuddelwetter! In einem Wort: Hamburg. Für den Kater aber perfekt und wirklich, der Abend gestern… Das Hotel direkt am Hafen. An den Landungsbrücken raus. Dann erst mal einen Cocktail 20 Stockwerke über der Stadt. „Jetzt gönn dir doch auch mal was!“ Davidstraße runter, ein Blick in die Herbertstraße, Davidwache und Boutique Bizarre *hust Reeperbahn und Hamburger Berg, Seilerstraße. Ruhig mal schon den Weg zum Stadion ablaufen und einprägen. In der Hein-Hoyer-Straße – „da kriegste den Schwaben nicht aus mir raus“ – eine ehrliche Portion Kässpätzle gedrückt. Ein traditionell schwäbisches Etablissement, merkste sofort. Paulinenstraße und dann ist da auch schon das Stadion. Mitten in der Stadt. Sein Versuch einer goldenen Meile zum Stadion endete im Schiffbruch und heute morgen natürlich Kater, also Hafenrundfahrt. Jetzt im Stadion und mit ner Knolle am Hals, so sagen sie hier, sind die Sorgen dahin, sogar die auf dem Platz. Eigentlich herrschte ja Aufbruchstimmung, wieder einmal. Und er war auch guter Dinge. Aber da unten auf dem Rasen lief echt gar nichts. Nicht mal der Ball, auf diesem Acker. Der Abend gestern war besser. Da hakt es schon noch. Aber was sollste machen? Wieder viele Wechsel. Abwehrchef und Torjäger muss früh verletzt ausgewechselt werden. Aber gallig waren die Jungs nicht, als ob die hier auch nur drauf warten die drei Punkte abzugeben. Am Ende wenigstens einen Punkt mitgenommen. Das war Abnutzungskrieg á la zweite Bundesliga. Die Stimmung im 9er hätte er nicht erleben wollen. 

Aber schon wieder hatten sich Teile der VfB-Fans 2020 nicht unter Kontrolle und fielen durch niveaulose und sexistische Spruchbänder auf. Wer das lustig findet? Ist nämlich nicht lustig, im Gegenteil: Das ist schade, echt, echt schade. Da kannst du dich nur schämen und ins Jolly Rakete brauchte er jetzt auch nicht mehr gehen. Die werden nicht gut auf uns zu sprechen sein, dachte er sich. Auf der anderen Seite und das hatte er gestern gelernt: Hamburg ist halt auch nicht für alle. Hamburg kann dich echt fertig machen, das kann sich halt nicht jeder gönnen, dachte er sich und war froh, dass er in dieser Saison nicht mehr da hoch musste.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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