traditionell zweitklassig

21. Spieltag: VfB Stuttgart – Erzgebirge Aue

Abgeschweift

von Christoph Mack

Daniel Didavi sei Dank. Eiskalt verwandelt er zwei sich ihm bietende Torgelegenheiten in eine komfortable 2:0 Halbzeitführung. Im Stadion riecht es nach zufriedendurchgekauter roter Wurst. Daniel Didavi. Einfach ein krasser Typ. Was für ein Fußballer. Wenn der nicht in den entscheidenden Phasen seiner Karriere so oft verletzt gewesen wäre, hätte der doch garantiert in der Nationalmannschaft seine mannschaftsdienlichen Kabinettstückchen gezeigt. Der feingeistreiche Föbbler aus Nürtingen. Ich stell mir gerade vor, wie er mal an `nem freien Wochenende mit seinen alten Kumpels auf `nem runtergerockten Bolzplatz in Roßdorf kickt und alle so gnadenlos in Grund und Boden spielt, technisch und physisch so meilenweit überlegen, wie der sein muss. Wahnsinn und wieder so ein Kerl aus der eigenen Jugend. Seit er sieben ist beim VfB. Der war dann bestimmt früher auch mal Einlaufkind. 

Einlaufkinder. Ist das jetzt ernsthaft gut gemeintes soziales Engagement oder bloß `ne perfide kalkulierte Marketingaktion. Wahrscheinlich beides irgendwie. Aber seit wann gibt’s die überhaupt? Muss ich mal bei Wikipedia googlen. Okay ich mach‘s direkt: Wili Lemke, damals findiger und windiger Manager von Werder Bremen, hat die Idee nach Deutschland gebracht, 1994, nach `ner Brasilien-Reise. Damals hat er sogar noch `nen Verteidiger namens Junior Baiano im Schlepptau gehabt. Der blieb aber nicht lange in der Bundesliga. Die Einlaufkinder, die auch Auflaufkinder oder Eskortenkinder genannt werden, sind bis heute nicht mehr wegzudenken. 

Einlaufkinder – Auflaufkinder – Eskortenkinder. Seltsame Begriffe allesamt. Seltsamer Job auch. Genauso wie Statistikzufütterer in der Bundesliga. Sitzen da allen Ernstes bei jedem Spiel irgendwelche Hansel mit Bleistift und Spielberichtsbogen in irgendeinem Keller und notiert sich handschriftlich jegliche Spielaktionen? Ist halt echt fast so. Es ist ´n Team aus einem Scout und drei Trackern. Der Scout diktiert die Spielaktionen und die Tracker hacken das ins System ein. Ballkontakt für Ballkontakt, wobei die offizielle Bezeichnung Ballbesitzphase lautet, also egal ob der Spieler einen Direktpass weiterleitet oder sieben Gegenspieler ausdribbelt und anschließend siebzehnmal jongliert – rein statistisch ist das alles ein Ballkontakt. 

Ein Augenschmaus ist das neue Ausweichtrikot ja nur in manchen Augen, aber was war denn nochmal das ästhetisch fragwürdigste VfB-Trikot aller Zeiten? Das lila-weiße aus der Saison 94/95? Das rot-schwarz-karierte Torwarttrikot von Eike Immel aus der Spielzeit 93/94? Das Camouflage-Muster auf dem Stadttrikot 2017/18? Oder das Fritzle-Sondertrikot aus derselben Saison? Oder doch das goldene Auswärtstrikot von 2000/2001? Egal welches, da gibt’s doch diesen Sammler, der über 500 im Spiel getragene VfB-Trikots in seiner Sammlung hat. Der hat sogar das rote Sondertrikot mit dem 80er-Jahre-Muster mit dem nur einmalig im UEFA-CUP 1988/89 gegen Banyasz Tatabanya gespielt wurde. Verrückt, der hat sie bestimmt (nicht mehr) alle. 

Apropos verrückt: Was macht eigentlich Anastasios Donis? Das ist ja auch so einer, an dem sich die Geister scheiden. Ich als disziplinvernarrter Teamplayer war ja selten gut auf ihn zu sprechen, aber andere sagen ja, dass der VfB nicht abgestiegen wäre, hätten die Trainer nur konsequenter auf ihn gesetzt. Aber jetzt spielt er bei Rennes, Quatsch, bei Reims, Stade Reims, keine Ahnung wo genau das liegt, irgendwo in der Champagne vermutlich. Aber da hat er jetzt auch noch nicht so richtig eingeschlagen. Zwölf Spiele und keine Torbeteiligung, zuletzt war er dreimal hintereinander ohne Einsatz, einmal sogar nicht im Kader. Ich glaub ja, das ist einer der Marke Alexandru Maxim – großes Potential noch größeres Ego. Daher: Leistungsschwankungen zwischen Europa-League-Niveau und Benefizspiel-Level. Naja, Reims ist grad Tabellenzehnter, da wird’s wohl reichen für den Klassenerhalt, dann greift die Klausel und er muss seinen Vierjahresvertrag dort antreten. Einen Posten weniger auf der Gehaltsliste.

„Gleich isses aus.“ Die nüchterne Bemerkung meines angetrunkenen Vordermenschens reißt mich aus meinen Gedanken. „Oin Tor no“, kreischt eine Frau hinter mir, „ I wünsch mir no oin Tor vom Gommes. Ledstes Mol hatts au glappt, als I des gsagt hab.“ 
Nebensitzer Max und ich wechseln vielsagende Blicke. Wir hätten uns eine insgesamt ereignisreichere zweite Hälfte gewünscht, aber bis auf einen nennenswerten Versuch den 0:2 Rückstand noch anzufechten, kam nichts Nervenaufreibendes von der Gastmannschaft aus dem Erzgebirge. Der VfB verwaltete das Ergebnis gleichsam in einer einschläfernden Bierruhe. 
Wir können uns tatsächlich nicht erinnern, wann wir zuletzt einer solch unaufgeregten Halbzeit live beiwohnen durften. An diesem viel zu warmen Februarnachmittag hätte Gregor Kobel auch guten Gewissens Gänseblümchen zählen, hätte man seelenruhig das Kreuzworträtsel aus der Stadionzeitschrift lösen oder vollkommen entspannt Nasebohren und Däumchendrehen gleichzeitig versuchen können. Tatsächlich bilden wir uns ein, ab und an die Tauben gurren zu hören, die das Stadion in regelmäßigen Abständen überfliegen, so friedlich mutet das Treiben auf dem grünen Rasen an.

Doch kurz bevor wir die Sitzschalen hochschnellen lassen und uns auf den Heimweg machen, wird es noch einmal wirklich laut in der Arena. Der Wunsch unserer Hinterfrau geht tatsächlich in Erfüllung. 

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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