traditionell zweitklassig

21. Spieltag: Hamburger SV – Karlsruher SC

Hamburger Weg

von Simeon Boveland

„Der HSV ist jetzt langweilig.“

(Ich selbst in Kinderschuhe für den Dino )

Es ist nie gut sich zu wiederholen und noch seltener ist es gut sich selbst zu zitieren, aber es kommen Zeiten im Leben, da merkt der Mensch, dass die eigenen Worte manchmal einfach die besten Worte sind. Es ist die Last der Lebenserfahrung und die menschliche Eigenart sich die Dinge erklären zu wollen, zu müssen. In Worten, die im Kern verstanden werden. Und hier stehe ich, ich armer … und zitiere mich selbst. „Der HSV ist jetzt langweilig“. Das ist natürlich pures Understatement! Neben der menschlichen Eigenart sich die Dinge erklären zu wollen, hat der Mensch - und ich kann grundsätzlich nur von mir selber sprechen - die Eigenart oder lieber Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen. Die Fallhöhe minimieren. Große Gedanken, Ideen und Träume rasen heiß durch unsere Köpfe, aber viele von ihnen werden das Tageslicht nie erblicken. Und das ist auch besser so. Ausgesprochene Träume, Ideen und Gedanken sind Messlatten des eigenen Handelns. Sage ich: „Der HSV ist jetzt langweilig“, ist langweilig nicht gleich öde, sondern seriös. „Der HSV ist jetzt langweilig“, beinhaltet aber auch die Angst und die Sorge, dass er es morgen schon nicht mehr sein könnten. Warum aber langweilig? Ich möchte mich - obschon ich mich bereits ausgiebig wiederholt habe - nicht nochmal auf diese Ochsentour begeben, sondern mich einfach auf die Vorberichterstattung der letzten Woche und damit der Vorberichterstattung vor dem Rückspiel gegen den KSC stützen.

 03.02.2020 „Karlsruher SC trennt sich von Trainer Schwartz"

Der KSC verliert auch das zweite Spiel im neuen Jahr und trennt sich von Trainer Alois Schwartz. Der Klassenerhalt soll erreicht werden, es tut allen leid, Danke für alles usw usf. Interimsweise wird Co-Trainer Eichner übernehmen. Das Ganze zwei Tage vor dem DFB-Pokal Achtelfinale gegen Saarbrücken (das im Übrigen dann im Elfmeterschießen verloren wurde).

30 Trainer saßen in dieser Saison schon auf den Trainerbänken der Zweitligisten. 8 Vereine sahen verschiedene Saisonziele in Gefahr. Darunter auch die drei Absteiger aus der Bundesliga. Der HSV hat seinen Trainer noch. Und der konnte die Veränderung beim Gegner nur lapidar kommentieren: „Alles, was wir bis zum Pokalspiel gesehen haben, können wir eigentlich über den Haufen werfen.“ Dann eben die Mannschaft neu einstellen, am Ende, so Hecking weiter, „kommt es [am Ende] darauf an, was wir machen.“ Gott sei Dank, langweilig.

05.02.2020 „Der HSV begreift Pyrotechnik als Teil der Fankultur“

“Als erstem Profiklub in Deutschland wurde dem Hamburger SV das kontrollierte Abbrennen von Pyrotechnik erlaubt. Der Zweitligist sieht in der einmaligen Aktion nur den ersten Schritt auf dem Weg zu einem neuen Umgang mit dem Thema Pyrotechnik.“

Was ist denn jetzt los? Kontrolliertes Abbrennen von Pyro? Oktroyierter Spaß? Ursache des Problems ist, dass viele Fußballfans Pyro als Teil der Fankultur begreifen, der klamme HSV aber über die letzten Jahre immer wieder Hunderttausende Euros Strafe zahlen musste. Es wurde von Seiten des HSV der Dialog mit den Fangruppen gesucht, mit den Hamburger Behörden und dem DFB gesprochen. Nun also am vergangenen Samstag eine Pyro-Show mit Choreo, überwacht und rechtens. Alle haben sich daran gehalten, ob es den Fans aber reicht den Spaß diktiert zu bekommen, sei nochmal dahin gestellt. Zurückhaltend äußerten sich alle Parteien, es sei ein guter Anfang.

Aufgepeitscht von dieser Show, „das ist geil, wenn du in ein Stadion reinkommst und so etwas siehst“ (Kapitän Rick van Drongelen nach dem Spiel), ließen sich die Hamburger auf ein ganz unterhaltsames Spielchen mit dem KSC ein, die in der Anfangsviertelstunde gut und gerne auch in Führung hätten gehen können. Aber diese Konjunktivkonstruktion ist so kompliziert, wie die Aktion vom Karlsruher Lorenz (auch wenn ich hier unterschlage, dass der kleine Heuer Fernandes sich ganz groß und den Winkel ganz klein machte und Schaub kurz vorher den Ball auch nicht unbedingt an die Latte hätte schießen müssen. Tja, zu kompliziert). Nach 20. Minuten legte sich dann auch Van Drongelen nicht nur die Worte für nach dem Spiel, sondern auch den Ball zurecht und fackelte ihn einfach mal aufs Tor. Selbst aus diesem Klärungsversuch gelingt es Hinterseer zurzeit eine Torchance zu basteln. Trotz oder genau wegen dieser Chancenwucherei brauchte es dann in der zweiten Hälfte die Unterstützung vom KSC. Lorenz, die Chance aus der erste Halbzeit noch nicht verdaut, querschlägt den Ball mustergültig auf Hinterseers Kopf, der dankenswerterweise einnickt. Ins Tor gegangen wäre der Ball wohl auch so. Speaking of “richtig stehen”, das tut Lukas Hinterseer auch nach einem typischen wie unorthodoxen Dribbling Jattas und drückt den Ball über die Linie.

Und weil der Text mit einer Wiederholung begann und ich auch schon vorher den Lattenkracher von Schaub unterschlagen habe. Wiederhole ich im doppelten Sinne: Schaub trifft vor dem 2:0 noch einmal die Latte. Der Neue, der sich in den ersten Spielen zu einem Dreh- und Angelpunkt im Hamburger Mittelfeld aufspielte, verdient sich bald sein erstes Tor und gibt Trainer Hecking die Gelegenheit nun auf fast allen Positionen auf ebenbürtigen Ersatz zurückzugreifen.

Und die Conclusio? Der HSV scheint auf dem Hamburger Weg und an den richtigen Stellen zu kommunizieren. Im Pyro-Fall scheint es noch fraglich, aber das ist erst einmal zweitrangig. Es gibt ja auch Mittel und Wege. Besonders passend und schön formuliert das der NDR, der den eigenen Pyro-Beitrag wie folgt schließt: „Im Volksparkstadion gab es in den vergangenen Monaten fast keine Verfehlungen, massiv gezündelt wurde von den HSV-Fans beinahe ausschließlich in fremden Stadien.” Oder in Rick van Drongelens Worten: „Ich finde es super, Pyro gehört zum Fußball. Nicht auf den Platz, aber zu den Fans.“ Ganz langweilig muss es ja auch nicht werden.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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