traditionell zweitklassig

22. Spieltag: Hannover 96 – Hamburger SV

Im Strohhut

von Christoph Mack

Gunnar schreckte hoch. „Scheiße, verschlafen.“ Kaum gedacht, wunderte er sich auch schon über diesen Geistesblitz. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal verschlafen hatte, wann er jemals einen so drängenden Termin gehabt hatte, den er hätte verschlafen können. Seit mehr als acht Jahren ging er keiner geregelten Beschäftigung nach und zum Amt ging er immer nur dann, wenn er zufällig dran dachte. Oder er in seiner vollkommen verhärmten Kellerwohnung zufällig einen Mahnbescheid fand. Ungeschickt tastete er nach seiner Armbanduhr auf dem Nachttisch. Er fand sie nicht, was daran lag, dass sie noch immer an seinem Handgelenk hing. Überhaupt war er vollständig angezogen, er hatte sich allem Anschein nach vor dem Zubettgehen nicht mal mehr die Mühe gemacht, sich seiner Schuhe zu entledigen. Langsam dämmerte es ihm wieder. Fränky, Posche, der Spielautomat, der übellaunige Norbert, der sie schon um kurz nach zwei rauswerfen wollte. „Muss dann doch noch n bisschen später geworden sein“ schlussfolgerte Gunnar, nachdem er die zu dreiviertelgefüllte Bierflasche neben seiner Matratze inspizierte. Sowas passierte ihm nur äußerst selten, den Schlummertrunk stehen lassen. Er setzte sich auf und sein Kopf machte sich umgehend schmerzhaft bemerkbar. Auch das war seltsam, normalerweise steckte er die allwöchentlichen Kneipenabende besser weg. „Nu denn. Hilft ja nichts.“ Der erste Schluck schmeckte schal und wässrig, darum war der zweite auch gleich der Letzte und der Schlummertrunk im Handumdrehen zum Konterbier geworden. Unsicher erhob er sich und testete, ob rein körperlich alles noch dran war. Bis auf seinen hämmernden Schädel schien er okay zu sein. Nur die Hände wollte er waschen, die waren doch ungewöhnlich schmutzig. Im Badezimmer angekommen schrubbte er nach Leibeskräften an seinen Pfoten – Seife hatte er keine mehr im Haus, ein Rest Kölnisch Wasser musste herhalten. „War ich doch etwas knülle gestern“ murmelte er, „aber was‘ das denn?“ Zahlen und Ziffern säumten seinen Handrücken. Ungelenk und offenbar mit viel Druck hatte ihm jemand mittels eines schwarzen Kugelschreibers eine Botschaft in den Handrücken geprägt. Gunnar verstand nicht: H 9 6 H S V 1 3 U H R. Was sollte das heißen? 96er – so hieß der Schnaps, den Norbert im Strohhut immer ausschenkte. 96% Alkohol hätte der anscheinend. „Korn und Strohrum – scharf wie Schatzschneiders linke Klebe.“ Den Wahlspruch bekam man im Strohhut dauernd zu hören. Schatzschneider. Gunnar musste immer wieder nachfragen, wer denn dieser Typ doch gleich wieder war.

In diesem Augenblick ging ihm ein fahles Licht auf: Er war verabredet. Mit Posche. Und Fränky. Im Strohhut. Fußball kam. Und weil es zweite Bundesliga war, schon um 13 Uhr. Posche hatte ihm zum Abschied einen gehörigen Klaps auf den Hinterkopf gegeben und ihm bedeutet nicht zu spät zu kommen. Es sei obendrein noch sein Geburtstag. Und der war ihm wichtig. Nicht ganz so wichtig wie Hannover 96, aber fast. Jetzt hatte Gunnar Stress, seine Armbanduhr sagte 13:55 Uhr, sicher waren alle schon angefressen und er konnte sich, sobald er den Laden betrat, auf eine Abreibung gefasst machen. Er überlegte kurz sich einfach wieder ins Bett zu legen, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Er würde einfach sofort losgehen, schließlich war er schon angezogen und auf ein Frühstück hatte er ohnehin keinen Appetit.

So schleppte er sich hinaus auf die Straße und so hastig wie es mit seinem chronisch verstauchten Bein eben ging, schlurfte er in Richtung der Stammkneipe. Mit jedem Schritt wurde er unsicherer. Posche würde ihm zur Begrüßung direkt eine zimmern, so viel stand fest. Fränky würde ihn eine elende Kameradensau schimpfen und er würde für den Rest des Tages auf dem Schämschemel (dem wackligsten Barhocker der Kneipe, bei dem eines der drei Beine angesengt war) sitzen müssen. Er verlangsamte seinen Schritt, lugte zunächst verstohlen durch das vergilbte Fenster ins Innere des Kneipenvorraums, was vollkommen unsinnig war, denn die Schmutzschicht auf der Scheibe war dicker als das Fensterglas selbst. Zögerlich betrat er nun den Vorraum und schob den Vorhang zum Gastraum auf. Es roch nach Ranz und Muffe. Irgendwie vertraut. Die Dartscheibe, das Aquarium und der Fernseher waren die einzigen Lichtquellen im Raum. Posche, Fränky und Norbert hatten ihn nicht kommen sehen. Wie gebannt starrten sie auf die Mattscheibe. Dann stieß Posche einen markerschütternden Schrei aus, sprang in die Luft und stieß dabei zwei Barhocker sowie sein frisches Bierglas um. Anschließend ergoss sich ein Schwall feuchter Küsse auf Fränkys Halbglatze. Posche hatte sich auf die Bar gestellt und seinen Kumpel fest umschlungen. Im Taumel entdeckt er den verdutzt und erschrocken dreinblickenden Gunnar. „Gunaaaaar“ schrie er, „Mennsch, dich schick‘ der Himmel. Haste das gesehen? Der Teuchi, der Teuchi!!“ Gunnar verstand nur Bahnhof. „Jo, alles Gute“ stammelte er. „Meennsch Du, Gunnar, aldes Haus, na komm ran, komm ran, Norbeeert, gibt dem Hängehals mal zwei 96er und zwei Halbe auf‘s Haus. 1:0 gegen die Fischköppe. Ich glaub es ja nicht.“ Posche war nicht zu bremsen. In der nächsten halben Stunde feuerte er sämtliche Hannoveraner Fangesänge ab, die ihm in seinen angesoffenen Sinn kamen. Zum Finale eines jeden verlangte er lautstark nach einer Runde 96ern und Norbert bediente zuverlässig. Und alle tranken mit. Widerstand war zwecklos. Gunnar hatte nicht unbedingt das Bedürfnis gehabt, sich schon wieder zulaufen zu lassen, aber ihm blieb nichts anders übrig. Und er wollte sich auch nichts anmerken lassen. Wenn die Stimmung kippen sollte, würde das Gesprächsthema schnell auf ihn und sein verspätetes Eintreffen schwenken und dann wäre er geliefert. Da war ein Sturztrunk die angenehmere Alternative. Also trank er einen nach dem anderen und sang, so gut er konnte mit, insbesondere bei den Oooo-Stellen, was Posche verzückte. „Gunnar, Mensch, wirst ja nochn richtiger Fußball-Klopper, Mennnsch“ „Jaja, nur dir zuliebe“ lallte Gunnar, blickte verstohlen auf den Fernseher. Wie lange ging nochmal so ein Spiel? 90 Minuten? Oder 100? Er war sich nicht mehr sicher. Und er konnte die Ziffern auf dem Bildschirm beim besten Willen auch nicht mehr entziffern. Ein Rot-weiß-grünes Gequirl war alles, was er erkennen konnte. Jetzt zeigten sie einen weißhaarigen Spieler in Großaufnahme. Er wurde von seinem Kollegen umarmt und umgerissen. Auf der Brust der beiden Spieler prangte ein rautenähnliches Muster. „Auf jeden Fall nicht 96“ dachte Gunnar. „Hee, schau mal, da..“ wollte er einwerfen, aber da nahm ihn Posche, mittlerweile völlig von Sinnen, auch schon freundschaftlich in den Schwitzkasten, drückte seinen Kopf auf die Theke und fuhr ihm mit der Faust durch die schütter werdenden Haare. „Mein lieber Gunnar, es ist so schön, dass es dich gibt.“ Das Gerubble auf seinem Kopf wurde Gunnar unangenehm. „Ach hör auf, hör auf.“ Posche dachte nicht daran und schrammelte umso heftiger, dass die Schuppen nur so folgen. „Aah, jetzt echt, STOP“ Mit einem Ruck riss Gunnar seinen Kopf nach oben und hämmerte ihn unfreiwillig gegen Posches Ömme. Der kippte sofort aus den Latschen und schlug neben der Bar auf. „Scheiße.“ Gunnar blickte betreten zu Boden. Aber Norbert nahm ihn zur Seite: „Sauber abgeräumt, Bursche. Lass den mal schlafen, der hatte eh zu viel.“ „Jo, ist vielleicht echt das Beste“ Fränky hievte Posche auf einen nebenstehenden Tisch. „Lass den schlafen, ja, der pennt wien Babyweizen. Der schläft seinen Traum vom Derby-Sieg.“ Norbert zwinkerte Gunnar kurz aber unmissverständlich zu. Der Barmann hatte das Fernsehprogramm auf den gängigen Musikvideokanal umgeschaltet, der sonst auch immer lief, wenn gerade keine wichtige Fußballliveübertragung auf dem Programm stand. Gunnar lächelte wissend. Doch spätestens nach dem nächsten 96er verblassten auch bei ihm die Erinnerungen an diesen frühen Samstagnachmittag.

Aber am nächsten Morgen wachte Gunnar auf, mit dem ungewissen Gefühl, einen geheimen Pakt geschlossen zu haben.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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