traditionell zweitklassig

22. Spieltag: VfL Bochum – VfB Stuttgart

Nachschlagewerk zum Montagsspiel

von Simeon Boveland

Prelude:

Ein Abend in der weltbesten Fußballkneipe im Stuttgarter Osten. Montagabend-Flutlichtspiel bei Fritz-Walter-Gedächtnis-Wetter. VfL Bochum gegen den VfB Stuttgart. Der eine Verein steht auf einem Relegationsplatz, der andere einen Platz über dem Strich. Unterschiedlicher könnte die Ausgangslage aber nicht sein. Auch in der weltbesten Fußballkneipe im Stuttgarter Osten (das kann nicht oft genug gesagt werden) ist die Ausgangslage eine andere. Unsere Stammplätze sind besetzt von Schatzi und ihrem Mann. Ein älteres Ehepaar mit lederner Haut und einem unbändigen Durst nach Weißweinschorle. Der Mann, der seine Frau liebevoll Schatzi nennt und schon alles durchgemacht hat („da kenne ich mich aus“), fällt besonders dadurch auf, dass er immer wieder telefoniert und dabei insistiert: „Kümmer´ dich um die Rolex!“ Wir werden hellhörig, aber mehr passiert an der Ecke erst einmal nicht. Schatzi hingegen ergänzt und verstärkt gerne, was ihr Mann oder sie selbst schon gesagt hat. Meist mit einem schwäbischen „Haja!“

Schatzi: (wissend) „Heute ist der 17.2.!“

Schatzi: (bestimmt und direkt hinterher) „Februar!“

Das also die persönliche Ausgangslage vor dem Spiel.

Auswärtsschwäche, die:

Vor dem Spiel gegen den VfL Bochum hat der VfB diese A. gewissermaßen. Sechsmal in Folge konnte in der Ferne kein Sieg gefeiert werden. Der Norden hat sich da als unglückliches Pflaster erwiesen. Neben der Klatsche gegen den HSV (6:2) gab es keine Siege gegen St. Pauli (1:1), Hannover (2:2) und Osnabrück (1:0). Dazu kommen Sandhausen (2:1) und Darmstadt (1:1).

Castroper Straße, die:

Das eigentliche Highlight Bochums. Hier wurden die großen Siege gefeiert und Niederlagen gemeinsam gemeistert. Es ist die Fahrstuhlkabine des VfL. An diesem Montagabend auch der Ort an dem sich der 15. mit dem 3. der Liga misst. Aber, und das wissen alle, an der Castroper Straße ist es immer laut und dann kommt Herbert Grönemeyer! An so einem Montagabend kann alles passieren. Du bist keine Schönheit/ Vor Arbeit ganz grau/ Du liebst dich ohne Schminke/ Bist 'ne ehrliche Haut/ Leider total verbaut/ Aber gerade das macht dich aus. Darauf muss sich der VfB Stuttgart einstellen.

Defensive, die:

In der Hinrunde zu oft eine einzige Katastrophe, hat die Hintermannschaft unter Regie des neuen Trainers die Probleme in den Griff bekommen. Ein Gegentor in der Rückrunde ist der Beleg und das obwohl eine Vielzahl der etatmäßigen Verteidiger ausfallen (oder deshalb?). Spannend natürlich wie die Abwehr aber mit der Offensiv-Power der Bochumer umgehen würde. Die haben nämlich - gemessen an ihrem Tabellenplatz – erstaunlich viele Tore auf dem Konto.

Entwicklung, die:

Der neue Trainer Matarazzo ist zufrieden mit der Entwicklung seiner Mannschaft. Die Abwehr hat sich stabilisiert (→ Defensive) und vorne schießt der Sturm Tore, meistens zumindest und bisher - im neuen Jahr - zumeist eines mehr als der Gegner.

Flutlicht, das:

Für jeden Fußballer etwas Tolles. Nur für mich persönlich sind die Spiele am Abend nicht mit tollen Momenten verknüpft, sondern mit Schmerzen. Abgesehen von der Tatsache, dass es bei uns nur wenige Rasenplätze gab, hatte unser Rasen keine Flutlichtanlage. Ergo: Asche. Ergo: Offene Knie. Aber da alle anderen die Flutlichtspiele feiern, muss da ja was dran sein. Dafür fährt man doch dann auch gerne an einem Montag durch das Land.

Gomez, der:

Erlebt seinen zweiten Frühling. Drei seiner fünf Saisontore hat er im Jahr 2020 geschossen. Bei dem ein oder anderen VfB-Fan ist das noch nicht angekommen. „Wie? Der Gomez spielt von Anfang an?”, spricht es dann verwundert im formvollendeten Schwäbisch, was ich gar nicht erst versuchen möchte nachzumachen - aus Respekt! Die Frau, Schatzi, die das an diesem Montagabend in der Kneipe zu ihrem Mann sagt, wird hier noch ihre Rolle spielen.

Konter, der:

Am Montagabend wurde schnell klar, worauf das hinauslaufen würde. In den ersten 30. Minuten war es ein erwartbares und dröges Spiel. Der VfB mit gefühlten 80% Ballbesitz und Bochum lauert auf Konter. In der ersten Hälfte wirkte es, als wäre es schon die 80. Minute, Bochum müsste ein 1:0 über die Zeit bringen und das nur mit 10 Mann. Puuh!

Montagsspiel, das:

Dieses unsägliche Abendspiel. Dabei ist es nicht mal irgendein Abendspiel. Freitagabend ist doch ok. Samstagabend noch völlig in Ordnung. Aber Montag? Wer hat denn da Bock und Zeit knapp 400 Kilometer zu fressen? Eben! Aber Flutlicht, Flutlicht ist ja immer geil! (→ Flutlicht). Phänomen: Oft regnet es montagabends.

Nix (Pronomen):

„Nix, die könne gar nix, gar nix. Die können gar nix”, sieht Schatzi wissend und mitteilungseifrig.

Offensive, die:

Hochgelobt und besser bestückt als jede andere Offensive der zweiten Liga, fehlt es den Stuttgartern doch oft an Ideen oder Durchschlagskraft das massierte Abwehrmassiv der aufopferungswilligen Verteidigungen zu sprengen. Trainer Matarazzo macht aber kein Druck, im Gegenteil. Verbieten will er nichts, Spaß sollen sie da vorne haben.

Pokalfight, der:

So mutet das Spiel lange Zeit an. Dem findigen Zuschauer wird schnell klar, dass den unterklassigen Bochumern nach dieser tollen, aber laufintensiven Vorstellung früher oder später die Puste ausgehen würde. Der Fehler vor dem 1:0 sinnbildlich dafür und hanebüchend.

Publikum, das/ Reporter, der:

Bruddler, die etwas auf sich halten, ätzen gegen den Reporter resp. Kommentator. In der weltbesten Fußballkneipe im Stuttgarter Osten ist das nicht anders. „So ein Arschloch von Reporter“, ist hier beinahe eine wohlgemeinte Begrüßung. Die eigene Mannschaft klein- und schlecht reden, das darf nur das Publikum, der Reporter resp. Kommentator hat neutral zu sein. Welche Art Journalismus soll das sonst sein? Tatsächlich hat der Kommentator Anwandlungen, die ich nur von meiner Mutter kenne, wenn sie alle Schaltjahr mal ein Spiel sieht und den Goliath auffordert auch mal den kleinen David ein Tor schießen zu lassen (Mama: „Das ist doch ungerecht.“). So wurde die ein oder andere Schiedsrichterentscheidung vom Kommentator kommentiert mit: „Bei aller Liebe, das war gegen Bochum. Das muss der Schiedsrichter sehen.“

Und aus der Rubrik: „Schatzi unterstreicht, was schon gesagt wurde!“

Reporter: (Reaktion auf die Stuttgarter Chancenverwertung) Da geht der Stuttgarter Trainer aus dem Anzug.

Schatzi: (wissend) Der Pellegrino!

Riemann, der:

Mensch, Mensch, Mensch, du, was für ein Spiel! Torwart Riemann mit einem Sahnetag. In Minute 3 mit einer richtige guten Tat gegen den Köpfer des kurzköpfigen Castro. Aber auch im weiteren Verlauf eine sichere Bank und im noch weiteren Verlauf Libero, Sechser und Stürmer in Personalunion. Mein persönliches Highlight war aber der Kommentator beim Laufduell Riemanns gegen Silas: „Das wird knapp, Riemann.” Ein Teufelskerl. Hat nur noch gefehlt, dass er vorne noch ein Tor macht oder beim letzten, gemächlichen Zurücklaufen und dem Förster-Schuss abwinkt und „Augenmaß” ruft.

Rückrunde, die:

Ging für die beiden Mannschaften ganz unterschiedlich los. Der VfB Stuttgart hat in der Rückrunde noch gar nicht verloren (aber siehe → Auswärtsschwäche). Der VfL Bochum hat am Spieltag zuvor den ersten Sieg in der Rückrunde eingefahren und würde sich so gerne etwas Luft auf den Relegationsplatz verschaffen.

Schwarze Serie, die: 

Die Auswärtsschwäche (→ Auswärtsschwäche) wurde ja bereits angesprochen, aber damit einher geht noch ein anderes Problem: Seit September hat der VfB in der Liga keine zwei Spiele in Folge gewonnen. Das soll sich ändern.

VfB, der/ Visier, das:

Der VfB hat den HSV im Visier. Durch das Remis des direkten Konkurrenten kann der VfB gleichziehen. Heidenheim, als erster Verfolger, hat auch Punkte liegen gelassen, so kann der Abstand auf Platz 4 vergrößert werden. Keine Bigpoints also, aber schon wichtig Punkte. Funfact: Mit einem 13:0 wäre der VfB am HSV vorbeigezogen.

Wurstsalat, der:

Nicht nur eine Delikatesse im Ländle, auch in der weltbesten Fußballkneipe im Stuttgarter Osten ein feiner Gaumenkitzler. So ist zu vermuten, da immer zum VfB-Spiel der Wurstsalat-Mann kommt und einen Wurstsalat bestellt, „mit Käse”. Das ist der Wirtin der weltbesten Fußballkneipe im Stuttgarter Osten natürlich bekannt und so stellt sie auch ungefragt einen Spezi dazu.

Weißweinschorle, die:

Eines der Lieblingsgetränke von Schatzi und ihrem Mann, die beide gerne Golf spielen - aber nicht im Winter - und Menschen in Gespräche verwickeln, die keine Lust darauf haben, zum Beispiel den Wurstsalat-Mann (→ Wurstsalat). Weißweinschorle trinken die beiden wie Wasser.

Zentrum, das:

Da ging in der ersten Hälfte alles durch beim VfB, auch weil die Bochumer Außenverteidiger Gamboa und Danillo (die beiden haben, entgegen der Kickernoten, ein richtig starkes Spiel gemacht) Silas und Massimo meist im Griff hatten. So also immer schön durch die Mitte. Am 16er hatte irgendein Stuttgarter dann die geniale Idee den Ball nochmal irgendwo drüber zu lupfen oder halbhoch irgendwo in die Gasse zu spielen. Schade, da war manchmal mehr drin.

Ziel, das:

Seit Menschengedenken steht es fest: Der VfB Stuttgart will aufsteigen. Ab Herbst 2020 soll wieder erstklassig gekickt werden (was machen wir denn dann eigentlich?). Mit dem Sieg gegen den VfL Bochum hat sich Stuttgart etwas Platz nach unten verschafft und verfolgt nun im Gleichschritt mit dem HSV die Arminia. Alle drei Mannschaften haben nächste Woche nicht die leichtesten Gegner vor der Brust. Der VfB empfängt die guten Regensburger, Bielefeld in einem fast-Derby Hannover und der HSV den Stadtrivalen vom Kiez.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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