traditionell zweitklassig

23. Spieltag: Hamburger SV – FC St. Pauli

Interview mit einem Zeitzeugen

von Simeon Boveland

Hansen sitzt auf einem abgewetzten Sofa. Auf dem Fliesentisch ein Aschenbecher in dem eine Zigarette glimmt. „Eigentlich rauche ich gar nicht, ja“, zuckt Hansen entschuldigend mit den Achseln. Im Zimmer stehen noch Umzugskartons, auf dem Balkon die alten Blumentöpfe mit toten, braunen Blumen aus dem letzten Jahr. „Die Vormieter haben das alles stehenlassen“, erzählt Hansen traditionell zweitklassig. Noch vor der ersten Frage kommt Hansen ins Reden.

HANSEN:

Nach diesem unsäglichen Tag musste ich einfach raus, raus aus der Stadt. Die Wohnung hier in Berlin kam gerade recht.

traditionell zweitklassig:

Nicht so schnell, Herr Hansen. Sie reden vom 22.02.2020. Nehmen Sie uns mit auf diese Reise.

HANSEN:

(ungehalten) Natürlich Rede ich von dem Tag. (ruhiger) Sie sehen, so richtig verkraftet habe ich das noch nicht. Eigentlich müsste ich aber am 16.09.19 anfangen oder noch besser am 10.03. letzten Jahres. Da war die Welt fast wieder in Ordnung. Das erste Zweitligajahr, aber trotzdem Pauli auswärts 4:0 weggeknallt. Aber dann ging es los. Das Hinspiel haben wir ja auch schon 2:0 verloren. Der alte Makel, die haben halt kein Mittel gefunden. Ich bin ein echter Fan, ja? Ich war überall, ja? Sogar zu den öffentlichen Trainings bin ich gegangen, wenn es ging. HSV, ja? Das ´s mein Leben.

(Umständlich zieht Boveland das Hemd aus der Hose. Unter der großen Raute auf seiner Brust prangen die Worte „meine Liebe, mein Leben“)

´Tschuldigung. Aber selbst im Hinspiel konnte ich mir nicht vorgaukeln, dass es nicht verdient war. Das Problem, ja? Das Problem beim HSV in der 2. Liga ist, dass keiner gegen den HSV verlieren will, ja. Die stellen sich mit Mann und Maus hinten rein und gucken was passiert. Die wissen seit 10 Jahren, dass der HSV so ein Problem nicht lösen kann. Wissen die. Meinen Sie, bei Pauli müssen sie den Jungs noch was ins Getränk machen, wenn es gehen den HSV geht? Nee, die brennen, aber richtig.

traditionell zweitklassig:

Aber nochmal zurück zum 22.02.20. An was erinnern Sie sich da noch?

HANSEN:

Von vorne, ja? (atmet tief ein) Derby ist immer besonders. Immer, ja? Deshalb waren wir am Abend davor schon mal bei Knut. „Warm machen“, nich? Aber nicht lang. Der Spieltag ging dann los, wie immer. Is ´n richtiges Proz… Proz…Na! Ritual. Aufstehen, duschen, Trikot rauslegen. An dem Tag das blaue Hyundai von Uhlsport. Ich hatte damals auch so Treter von Uhlsport mit Klappzunge. Mit dem schwarzblauen Kragen sieht das einfach edel aus. Finde ich immer noch das Schönste. Kutte mit der alten Westkurve Block E hinten drauf. Schal und Ballonmütze, ja? Und dann los zum Treffpunkt. In der zweiten Liga hast du ja keine Zeit, Spiel geht schon um 1 los. Vor dem Stadion an Giselas Wagen ein paar Holsten mit den Anderen gefrühstückt und dann rein. War ja ´ne Choreo geplant mit allem Drum und Dran. Harri und Büddi und alle Mann auch dabei. Sah auch geil aus. Hamburger SV – unsere Liebe, unser Leiden, unser Leben!“ – so wahr. In der 5. Minute dann alle so die Dinger geworfen. Glaubt man gar nicht, dass wir da früher einfach Klopapier hatten. Heute alles im Ultrafanshop für Stadionbedarf bestellt oder wat? Sah aber geil aus und die Jungs da unten aber schwer zu Gange. Ham ja erst auf die Nord gespielt. Da musste aber Pauli den Mannschaftsbus vorfahren. Zweimal Alu. Alleine 2020 ja sicher schon 6-8 Mal Alu getroffen. Kittel mit ´nem guten Strahl und Pohjanpalo.

Aber dann typisch HSV. Schaub im Mittelfeld mit ´ner Querflanke. Da gibt es nicht mal einen Fachbegriff für, ja? Selbst wenn der ankommt: Was soll denn Leibold damit anfangen? Und dann hat Van Drongelen ´nen Wendekreis wie ´n Sattelschlepper. Der nächste Verteidiger war Hunt, sagt schon alles. Und dann war schon vorbei. Hab ich gespürt. Da war so eine Energie bei Pauli. Die wussten auf einmal, da geht was. Ging ja auch was.

traditionell zweitklassig:

Und dann fiel kurz danach das 2:0!

HANSEN:

(schreit) Sagen Sie das doch nicht so, als hätten Sie die Weisheit mit Löffeln gefressen!

traditionell zweitklassig:

Entschuldigung, ich wollte Ihnen nicht zu…

HANSEN:

Schon gut. Wissen Sie, in der 80. Minute haben die HSV-Fans gesungen: „Die Nummer 1 der Stadt werdet ihr nie. Scheiß St. Pauli!“ Das müssen Sie sich mal geben. 2:0 verlieren. Im Hin- und Rückspiel und die singen so was. Das ist der Kern des Problems beim HSV. Die denken echt alle, dass wir die Besten sind. Ham dann auch alle geschrieben: Stadtmeister. Blabla. Das ist mir egal. Auch die Rivalität. St. Pauli interessiert mich nicht. Scheiß drauf. Aber St. Pauli? Echt ja? Die musst du aus dem Stadion schießen! Die muss man nach dem Spiel völlig verstört nach Hause bringen? Essen auf Rädern, das volle Programm, wenn du aufsteigen willst. Das war gar nichts. So war das 2:0. HSV plötzlich total verunsichert. Aber hätte ich wissen müssen. Als sie die Seitenwahl schon verloren haben, hätte ich es wissen müssen, dass das nichts wird. Und dann als die Fans das gesungen haben, wusste ich, dass es das für mich war.

traditionell zweitklassig:

Was haben Sie da gespürt? 

HANSEN:

Nichts. Ich habe nichts mehr gespürt, nur Leere. Bin direkt nach Hause und saß auf dem Bett und war einfach leer. Konnte gar nicht trauern.

Hansen steht am Rand eines Kunstrasenplatzes. Auf dem Feld spielt Hertha 03 Zehlendorf gegen die Spandauer Kickers. 9 gegen 13 der Kreisklasse. Hertha 03 ist nach einem 0:2 Rückstand nochmal zurückgekommen. Es steht 2:2 und es regnet in Strömen.

HANSEN:

(nickt) Das ist alles was ich noch sehen kann.

traditionell zweitklassig:

Schauen Sie denn noch Spiele vom HSV?

HANSEN:

Wenn es sich vermeiden lässt, dann nicht, ja? Kriege natürlich alles mit, aber gesehen habe ich seitdem kein Spiel mehr komplett. War auch nicht mehr wieder in Hamburg. Hab Angst, dass mich da meine Emotionen so gefühlsmäßig einholen. Die Trauer vor der Tür steht und mir in die Fresse schlägt. Da fühle ich mich noch nicht bereit, ja.

traditionell zweitklassig:

Aber HSV Fan sind Sie noch?

HANSEN:

Da muss ich Ihnen mal was sagen. Fan sein, das bist du. Bist du einfach. Da kannst du nich einfach sagen: Bin ich nicht mehr. Nee, HSV – Leben, lieben, leiden. Als HSV-Fan bist du es gewöhnt in die Eier zu bekommen, ja. Da war jahrelang jemand da und hat dir richtig fein in die Eier getreten und alle standen drum rum und haben gelacht. Das tut am Anfang weh, aber irgendwann weißt du schon: „Da kommt noch einer, brauchste gar nicht denken, da kommt noch einer.“ Und der kommt auch. Es geht immer schlimmer. HSV! Aber tut nicht mehr weh. Abgestorbenes Gewebe, nenn ich das immer. So doll können die mir gar nicht in die Eier treten, dass das noch weh tut. Aber wissen Sie, es gibt dann doch so Spiele wie gegen Pauli, da zuckt es doch nochmal. Irgendein Nerv ist da noch nicht durch und du zuckst, ja? So ist das. Das war so ein Tag.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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