traditionell zweitklassig

23. Spieltag: VfB Stuttgart – Jahn Regensburg

Schwäbischer Standard

von Christoph Mack

„Den macht er.“ Wataru Endo ist nach der Attacke von Max Besuschkow noch nicht mal fertig ausgerollt, da hat sich Daniel Didavi schon den Ball geschnappt. Selbstverständlich behalte ich meine Vorahnung für mich; das Fußballstadion ist wohl der einzige Platz, an dem ich zeitlebens so etwas wie Aberglauben an den Tag lege. Zudem wäre ich mit meinem Optimismus in diesem Block der Gegengerade ziemlich alleine. Die altbekannte Riege aus der Reihe vor Max und mir war in der ersten Halbzeit in gewohnter Manier hart mit der Stuttgarter Mannschaft ins Gericht gegangen: Hart und kaltherzig. „Blind“ und „krank“ waren dabei noch die freundlicheren Attribute. Ein leichtfertig verlorener Ball im Mittelfeld ließ den Klassensprecher der Bruddlerbande schließlich vollkommen die Fassung verlieren: „Was ist das für eine jämmerliche Scheiß-Truppe?!“ Der hatte gesessen.

Doch zurück zu Didavi. Unmissverständlicher kann man nicht zu Werke schreiten. Gonzalo Castro traut sich kaum den designierten Standardschützen anzusprechen. Zu tief ist der schon im Tunnel, zu fokussiert, zu genau sieht er schon die anvisierte Schussbahn vor seinem geistigen Auge. „Machst du?“ fragt Castro womöglich zaghaft und bekommt nur ein entschlossenes Nicken zur Antwort. Der Ball ist längst ansehnlich angerichtet hinter dem Halbkreis aus Sprühschaum. „Geh aus dem Abseits“ raune ich Atakan Karazor zu. Die Mauer steht exakt in meiner Sichtachse und Karazor etwas dahinter. Sofort sind sie wieder da, die Gedanken an das Relegationsspiel gegen Union Berlin und den Fauxpas des Nicolás González. Karazor war zu diesem Zeitpunkt noch nicht dagewesen, doch ich hoffe inständig, dass er nun nicht den gleichen Fehler macht wie sein jetziger Kollege. Wobei man dies dann auch ein Zeugnis eines formvollendeten Anpassungsvorgangs werten könnte, ganz im Sinne des hier traditionell gelebten Try-And-Error-And-Repeat-Konzepts.

Ein Blick zu Didavi und mein plötzlicher Anflug an Pessimismus verfliegt. Fünf Schritte Anlauf ehe er stehen bleibt. In Schrittstellung, den Blick geradeaus gerichtet. Der Schiedsrichter ermahnt die Spieler in der Mauer, pfeift noch einmal um seiner Bitte Nachdruck zu verleihen. Dann läuft er rückwärts und ohne sich umzudrehen los. Er möchte hinter den Ball und sieht den bereits zur Ausführung bereitstehenden Didavi hinter sich nicht. Er läuft genau auf ihn zu. Gleich tritt er ihm auf den Fuß. Oder Didavi weicht aus und die ganze penible Vorbereitung war umsonst. Buusch! Oberschenkel an Knie, Stollen auf Spann. Der Schiedsrichter kann sich nur mittels eines kleinen seitlichen Ausfallschritts auf den Beinen halten. Doch Didavi steht wie zur Salzsäure erstarrt. In Schrittstellung, Blick geradeaus gerichtet. Fraglich, ob er den Zusammenstoß überhaupt bemerkt hat.

Sekundenbruchteile nach dem Pfiff des Schiedsrichters macht Didavi seinen Anlauf rückgängig und schreitet mit fünf kurzen, schnellen Schritten zur Tat. Mit seinem feinen, linken Fuß schickt er den Ball auf seine gut 25 Meter lange Reise. Das Netz erzittert, die Kurve bebt, Didavi springt vor Freude unters Stadiondach. „Der macht den wirklich.“ Unser Vordermann klatscht seine Nebensitzer ab. Der Kapitän der „jämmerlichen Scheiß-Truppe“ verzückt. Und bestätigt mich und meinen Vordermann in unserer augenscheinlich so gegensätzlich erscheinenden Einstellung zu eigenen Intuitionen.

Merke: Gute Vorahnungen nie laut aussprechen.
Merke weiter: Schlechte Vorahnungen im Zweifelsfall aussprechen um im besten Fall positiv überrascht zu werden – oder andernfalls ungehemmt und mit frischem Selbstbewusstsein weiterbruddeln zu dürfen.

Schwäbischer Standard, eben.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
homeenvelopefutbol-ofacebook-official