traditionell zweitklassig

24. Spieltag: Erzgebirge Aue – Hamburger SV

Keine einfache Aufgabe

von Christoph Mack

Aue, das tut weh. Wieder verloren, wieder kein Tor geschossen. Der große, der ruhmreiche, der reiche Hamburger Sportverein, der den allseitig auferlegten Aufstiegsdruck dankend angenommen und zum eigenen Selbstverständnis erklärt hat. In solchen Spielen wird einem diese Erwartungshaltung süßsauer und genüsslich aufs hart gewordene Butterbrot geschmiert. Kommentatoren ergötzen sich in zynischen bis hämischen Worthülsen, reden in bester Boulevardmanier alles Schlechte ins Miserable und negieren alle kämpferischen Anstrengungen zu krampfhaften, verzweifelten Bemühungen. Die stoische, immergleiche Mimik des Dieter Hecking, bei Hamburger Führungen als Pokerface bewundert, wird im unlogischen Umkehrschluss bei andersartigen Ergebnissen als ratlose Miene zum bösen Spiel gedeutet. Bezeichnend: Schon jetzt wetzen die Schreiberlinge die Bleistifte um messerscharfe Parallelen zur letzten Saison zu zeichnen, in der der HSV zur selben Zeit den sicher geglaubten Aufstieg verspielte. Das einzige Glück im momentanen Unvermögen: Der VfB Stuttgart verliert gleichsam in Fürth und der HSV damit nicht den Anschluss an die direkten Aufstiegsränge. Was manch vermeintlich unparteiischen Reporter den vergangenen Spieltag zum „Elefantenfriedhof“ erklären ließ – und mich einmal mehr um ein bisschen mehr Verhältnismäßigkeit bitten lässt.

Was macht Clubs wie den HSV oder den VfB denn zu großen Vereinen? Sicher, da sind die hohen Mitgliederzahlen, die riesigen Fußballarenen, die Trophäen in den Schränken, die gesteigerte Wirtschaftskraft und die Erinnerungen an einstige Europapokalabendteuer. Und spätestens jetzt sind wir auf der gefühlsduseligen Ebene angelangt: Die glorifizierten Souvenirs der heldenhaften Historie designieren Clubs wie den HSV oder den VfB zu Traditionsvereinen, jenes Attribut, welches der TSG 1899 (!) Hoffenheim eine Etage höher gerade auf gefühlsdusslige bis widerwärtige Weise neidvoll abgesprochen wird.

Der HSV gehört in die erste Liga. Punkt.

So war es, aber so ist es nicht mehr. Die Gründe liegen dort, wo auch die Tradition ihr Ende hat: in der jüngsten Vergangenheit, als dieser Satz emotionales Gesetz war. Doch wer einmal am Felsen abgerutscht ist, weiß, wie mühsam es ist, sich wieder aus eigener Kraft hoch zu ziehen. Egal wie viele Gipfel vorher schon erklommen wurden. Auf den Aufstieg arbeitet man hin, doch das Fallen trainiert man selten.

Die Bergsteigermetapher soll mitnichten Mitleid erwecken, sondern lediglich Tatsachen beschreiben.  Meiner Ansicht nach, ist es zu einfach aus der Tradition heraus einen Anspruch zu generieren, an dem alles Augenblickliche gemessen wird.

Ein Fußballspiel wird in Momenten entschieden. In Sekundenbruchteilen kann aus einer biederen Nullnummer ein dreckiger Sieg werden und der strauchelnde Favorit wird zur abgebrühten Spitzenmannschaft. So gesehen beim Klassenprimus Arminia Bielefeld: dürftiges Spiel gegen den Vorletzten, der Pfosten rettet zuerst das Unentschieden, ehe eine abgefälschte Flanke den Sieg einleitet. Was im Erfolgsfall einfach schön ist, ist bei einer Niederlage einfach bitter. Und keiner kann mit Sicherheit wissen, ob meine These, dass der HSV sowohl gegen Pauli als auch gegen Aue gewonnen hätte, hätte Sonny Kittels Schuss im Derby eben nicht nur die Latte geküsst, nicht viel zu weit hergeholt ist. Oder ob das zu einfach wäre. Denn am Ende zählt doch nur das Endergebnis.

Der Fußball ist einfach einfach. Er ist einfach zu verstehen und man kann seinen Emotionen auf einfache Art freien Lauf lassen. Und diese Mischung macht es traditionell kompliziert. Auch für erfahrene Sportjournalisten, die meist selbst auch irgendwo Fußballfanatiker geblieben sind.

Doch wer weiß, vielleicht schaffen es ja die zwölf Punkte Abstand, die die einzig beständige Mannschaft der zweiten Liga mittlerweile zwischen sich und den ersten Nichtaufstiegsplatz gebracht hat, die allgemeine mediale Sensationsspirale zurecht zu rücken. Denn klammert man Tradition und Etat einmal aus und wirft für einen Wimpernschlag den Blick auf die tatsächlichen Fakten, so kommt der Top-Favorit auf den Aufstieg spätestens jetzt aus Ostwestfalen. Arminia Bielefeld hat die beste Offensive, die beste Defensive und dazu ein geduldiges, begeisterndes und leidensfähiges Umfeld. Sie kennen die zweite Liga bestens, während die traditionsreichen Konkurrenten diese Spielklasse Woche für Woche neu kennenlernen müssen. Für alle Gegner der Ostwestfalen ist das Spiel gegen die Arminia eines von vielen und nicht eines der Spiele des Jahres. Bielefeld kann Woche für Woche befreit aufspielen, muss niemanden etwas beweisen und keinen bundesweiten Erwartungen gerecht werden. Sie fahren nächste Woche als Spitzenreiter zum VfB und sind trotzdem der Underdog, der nichts zu verlieren hat, während der HSV gegen Regensburg unbedingt gewinnen muss, damit der Volkszorn im Volkspark im Zaum gehalten wird.

Keine einfache Aufgabe. Aber das will ja keiner lesen.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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